Julius Roſen: Vom Prager Turnerfeſt.
„Das iſt aber noch nicht Alles,“ deklamirte Mama weiter.„Unſere Töchter müſſen Fahnenjungfrauen wer⸗ den und Nägel einſchlagen.“
„Nägel in meinen Sarg,“ brummte v. Haxerl.
„Sie müſſen ganz vorne ſtehen, damit man ſie deutlich ſehen kann, damit ſie gefallen, damit ſie heira⸗ ten, Punktum!“
„Damit wir gefallen, damit wir heiraten, Punk⸗ tum!“ fiel der Chorus ein.
Während die Mama nach Luft ſchnappte, um ſich von der ungewohnten Anſtrengung des verſtändlichen Sprechens zu erholen, und in den Armen eines krachen⸗ den Fauteuils Ruhe ſuchte, hatten die Mädchen Papa mit Hut und Stock verſehen, zur Thür hinausgeſchoben. Er trottelte, ſo wie ihm befohlen war, zum Feſtkomité, und Marie, Katharina und Nettio ſo hießen die Mädchen, ſprangen wie närriſch im Zimmer herum, ſich den unſchuldigſten aller Freuden, der Hoffnung auf eine Heirat hingebend. Mama betrachtete wohlgefällig die Geſammt⸗Ausgabe ihrer Werke und machte ihrem Mut⸗ terherzen mit dem Ausſpruche Luft:„Hoffentlich werde ich Euch alle drei los!“
„Wenn aber nur zwei anbeißen, Mama,“ flötete die rothhaarige Marie,„welche von uns bleibt ſitzen?“
„Du,“ ſchrie Katharina.
„Du,“ ſchrie Netti.
„Du, Du,“ ſchrie Marie.
Man ſieht, ſie liebten einander.
„Die dümmſte bleibt ſitzen,“ entſchied Mama den Streit der Schweſterliebe,„jene nämlich, welche nicht klug genug iſt, ſich unter den Turnern, welche wir in's Quartier bekommen werden, einen Bräutigam heraus⸗ zufinden.“.
„Marie iſt die dümmſte,“ ſchrie Käthchen.
„Katharina iſt die dümmſte,“ ſchrie Netti.
„Ihr ſeid beide die dümmſten,“ ſchrie Marie.
„Ruhig!“ donnerte Mama, und ihr Organ über⸗ tönte die organiſchen Fehler ihrer Töchter.„Wenn Ihr ledig bleibt, iſt der Vater der dümmſte, denn es iſt ſeine heiligſte Pflicht, Euch Männer zu ſchaffen.“
Mit großer Spannung harrten alle vier Reprä⸗ ſentantinnen des ſchönen Geſchlechtes auf die Rückkehr des Vaters und das Reſultat ſeiner Einleitungen. Er ließ ziemlich lange auf ſich warten und Alle ſaßen auf Kohlen.
Wie aber Alles ſein Ende nimmt, ſo nahm auch die Sehnſucht ein Ende und v. Haxerl war zurück⸗ gekehrt.
„Sind unſere Mädchen Jungfrauen?“ ſchrie ihm Mama entgegen.
„Unſere Mädchen ſind keine Jungfrauen,“ ent⸗ gegnete kleinlaut der Gatte.
„Nicht, und das wagte Dir das Komité in's Ge⸗ ſicht zu ſagen? Und Du gingſt nicht ſogleich auf die Polizei und klagteſt auf Ehrenbeleidigung? Biſt Du ein Mann? DOu biſt kein Mann, Du biſt ein altes und ich bin ein unglückliches Weib!“ jammerte Madame, dem Gatten die Fäuſte entgegenhaltend.
„Aber ſo beruhige Dich doch, Engel,“ flötete v. Haxerl, ich kann doch nichts dafür.“
„Wer kann dafür,“ fuhr Madame auf.„Wäre ich gegangen, ich hätte es den Herren bewieſen. Ich bin eine reſolute Frau, die ſich vor Niemand fürchtet.“
Die Mädchen kicherten bei der Scene und ſahen einander halb verſchämt, halb verſchmitzt an.
„Am Ende haſt Du auch keine Turner,“ ſprach Mama weiter.
„O ja, ich habe ſechs Stück bekommen,“ entgeg⸗ nete mit ſtrahlendem Geſichte der Vater.
„Sechs Stückl“ ſchrie abermals zornig Madame; „was machen wir mit ſechs Stück? Wo legen wir ſie hin? Wir haben keinen Platz für ſo viele.“
„Du biſt ſchon wieder böſe,“ entgegnete, ſich ein Herz faſſend, der Gatte,„und ich glaubte es doch ſo gut gemacht zu haben. Bedenke nur, daß unter ſechs ſich eher drei Heiratsluſtige finden, als unter dreien.“
Mama hatte ſich beruhigt.„Gut, gut,“ brummte ſie,„es wird ſchon gehen. Du wirſt auf dem Boden ſchlafen und ich gehe zu den Mädchen, ſo bleibt ein ganzes Zimmer für die Turner.“
„Ja, Papa ſchläft auf dem Boden,“ ſchrien die Mädchen.
„Ach, wenn die Turner ewig blieben,“ dachte b. Haxerl, ohne jedoch ſeine Gedanken offenbar werden zu laſſen.
2.
Es war der glückliche Tag angebrochen, Papa Haxerl hatte kaum Mittag geſpeiſt und mußte ſchon dem Drängen ſeiner Töchter nachgeben und auf den Bahnhof wandern, um die glücklichen Heirats⸗Kandida⸗ ten ja gewiß in Empfang zu nehmen. Inzwiſchen wurde im Hauſe Alles vorbereitet. Dem Vater wurde auf dem Boden ein Bett zurechtgemacht, Mamass Bett⸗ ſtätte in der Töchter Schlafgemach geſchafft und der großen Stube, Salon genannt, ein ſo prächtiges Aus⸗ ſehen gegeben, als nur möglich war. Sodann begann die Toilette der Damen. Madame zog ihr Brautkleid an. Da ſie aber in den achtundzwanzig Jahren, ſeit welchen ſie es nicht angezogen, etwas an Umfang zuge⸗ nommen hatte, war von einem ſachgemäßen Hinein⸗ kommen keine Rede. Sie begnügte ſich damit, in die Aermel zu fahren und bedeckte die nicht bekleidete Stelle ihres Körpers, etwa zwei Ellen breit, mit dem Ueber⸗ reſte eines türkiſchen Umwurfes, welcher jedoch dem Mohamedanismus untreu geworden zu ſein ſchien, wenn man die Spuren unterſchiedlicher Bratenfette nicht ſchief auslegte. Die hochblonde Marie zog ein Ballkleid, den letzten Ueberreſt des abgelaufenen Karnevals an. Es war dies ein weißes Tüllkleid mit Papierblumen aufgeputzt, ſtark ausgeſchnitten und noch ſtärker geſtärkt. Wenn ſie über das Zimmer ging, glaubte man das Raſcheln einer künſtlichen Donnerwettermaſchine zu ver⸗ nehmen. In die Haare hatte ſie ſchwarz⸗roth⸗goldene Bänder eingeflochten und eine ſchwarz⸗roth⸗goldene


