Jahrgang 
1864
Seite
303
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Julius Roſen: Vom Prager Turnerfeſt. 303

net. Es iſt das augenſcheinlich ein Kompromiß zwiſchen den bisher geltend gemachten und bei den überaus kom⸗ plicirten Verhältniſſen bis zu einem gewiſſen Grade ſämmtlich nicht ganz unberechtigten, ſehr verſchiedenen Geſichtspunk⸗ ten der einzelnen Intereſſenten. Der einen Anſicht iſt die formelle Genugthuung des Aufhörens der Bundesexekution gegeben, der anderen dagegen das materielle Zugeſtänd⸗ niß der Mitwirkung aber auch nur, inſoferne neben den Bundestruppen auch öſterreichiſch⸗preußiſche Truppen das Land beſetzen, der Mitwirkung der Bundesautorität gemacht. Freilich bedürfte es nach derVorſtadt⸗Ztg. zur Ermöglichung dieſes Kompromiſſes erſt der beſtimmten Erklärung Oeſterreichs, ſich einem Antrage auf einfache Entfernung der Bundestruppen, als Organen einer gegen⸗ ſtandslos gewordenen Exekution, nicht anſchließen zu können. Daß übrigens die Bundestruppen nicht in ihrer vollen gegenwärtigen Stärke in Holſtein verbleiben, darf ſchon jetzt als ausgemacht gelten. Es ſcheinen in der allerletzten Zeit nochmals Pourparlers zwiſchen Wien und Berlin ſtattgefunden zu haben, um die definitive und kategoriſche Antwort Preußens in der Zollfrage vorzubereiten. Man hat hier begreiflich das dringende Intereſſe, nicht ohne vollſtändigſte Klärnng dieſer Angelegenheit in die nahe Reichsrathsſeſſion einzutreten.

Die Annahme, daß Oldenburg zu reſigniren geneigt ſei, wird durch verſchiedene Aeußerungen, die von olden⸗ burgiſcher Seite auszugehen ſcheinen, unterſtützt. Ein Korre⸗ ſpondent aus Oldenburg in derHamb. Börſenhalle, der bisher nur Reklamen für die Anſprüche des Groß⸗ herzogs zu ſchreiben pflegte,glaubt in der Anſicht nicht zu irren, daß jetzt unſer Großherzog, im eigenſten Intereſſe der Herzogthümer, deren Anfall an Preußen für den günſtigſten Ausgang der Succeſſionsfrage anſehen würde.

Vom Prager Turnerfeſt.

Humoreske von Julius Roſen. 1.

m Hauſe des Privatiers Herrn v. Haxerl gab es ſeit kurzer Zeit ein beſonders reges Leben. Der Papa erhielt den ganzen Tag über Befehle und

Inſtruktionen. Die Mama ſchrie ſich dabei heiſer

und kirſchroth und die drei hoffnungsvollen Töchter

ſtärkten und plätteten, daß es eine Freude war. Ehe wir auf die Veranlaſſung dieſer erhöhten häuslichen Thätigkeit näher eingehen, halten wir es für nothwendig, die Leſer mit der Familie v. Haxerl, welche in unſerer Erzählung eine große Rolle ſpielen ſoll, näher bekannt zu machen.

Der pater familias, Herr v. Haxerl nämlich, war Hausherr. Damit will ich jedoch nicht geſagt haben, daß er ein glücklicher Mann war. Sein Beſitzthum wurde nämlich nur aus ArtigkeitHaus genannt, in Wirklich⸗ keit war es ein ſteinerner, dreiſtöckiger Käfig, deſſen Mit⸗ teletage der Beſitzer ſelbſt bewohnt, in ſteter Gefahr ſchwebend, daß ſich die Bewohner des oberen Geſchoſſes eines ſchönen Tages bei ihm einquartiren würden, un⸗ freiwillig zwar, aber doch durch die wackelnde Solidität der Bauart dazu gezwungen. Zwiſchen Herrn v. Haxerl und ſeinem Hauſe fand Jedermann eine frappante Aehn⸗ lichkeit. Sowohl er, als ſein Haus ſtanden auf ſchlechtem Grund und das Dachgeſchoß beider war gleich leer. Er

hätte die Laterne, wie er ſein Beſitzthum nannte, wenn er gut gelaunt war, ſchon lange verkauft, aber er beſaß drei unverheiratete Töchter, deren Hoffnung auf eine Partie noch mehr geſunken wäre, wenn ſie aufgehört hätten, Hausherrntöchter zu ſein. Außerdem war er auch noch der Sündenbock ſeiner Familie. Hatte ſich Mama geärgert, mußte er es büßen, denn die Ehe verpflichtete nach der Anſicht der Madame v. Haxerl zum gemein⸗ ſamen Dulden der Unannehmlichkeiten, und war ſeinen Töchtern irgend ein Freier ausgekommen, wurde ihm zugemuthet, die gekränkte Ehre mit einer Herausforderung des Flüchtlings rein zu waſchen. Obwohl nun das Fordern eine ſtarke Seite aller Hausherren iſt, ſo wollte ſich Herr v. Haxerl doch niemals dazu ent⸗ ſchließen, und ſo blieb denn die Ehre ſeiner Töchter un⸗ gewaſchen, wofür ihm ganz gehörig der Kopf gewaſchen wurde. Im Gegenſatze zu dem magern Gemal war die theure EhehälfteMadame v. Haxerl, wie wir ſie nennen wollen, das Ideal der Schönheit, wenn man unter Schönheit ein Konglomerat von Wellenlinien ver⸗ ſteht. An der Frau war Alles Welle. Drei über einander gezeichnete Kugeln konnten als ihre Photographie gelten, und wenn ſie die ſchmale Treppe herunterkollerte, mußte der Herr Gemal im Verein mit der Dienſtmagd die Treppenpfeiler ſtützen, damit ſie nicht unter ihrer Laſt zuſammenbrachen. Der ſchönſte Theil der Familie, die Töchter, hielten zwiſchen Vater und Mutter die Mitte. In medio virtus hatten ſie ſich zum Wahlſpruche auserkoren und hüllten demnach, beſonders in ihrer Häuslichkeit, die mageren Körper in fettige Kleider, welche nur derjenige für unrein halten konnte, welcher keinen Begriff vonvirtus hatte.

Dieſe liebenswürdige Familie nun hatte das deutſche Turnerfeſt in Prag in ungewöhnliche Aufregung verſetzt. Die Mutter warf ſich, nachdem ſie davon in Kenntniß geſetzt worden war, in Poſitur und dekla⸗ mirte alſo:Mann, Gatte und Vater! Du biſt ein Deutſcher

Ja, murmelte b. Haxerl in den Bart,wie hätte ich es ſonſt ſo lange mit Dir ausgehalten Unterbrich mich nicht fuhr Mama fort,Du

biſt ein Deutſcher und demnach müſſen wir dieſe Gele⸗ genheit benützen, damit unſere Töchter heiraten.

Der Vater, von der ſchlagenden Logik ſeiner Gat⸗ tin niedergedonnert, antwortete gar nichts und begnügte ſich, mit dem Kopfe zu nicken.

Ja, Mutter hat Recht, ſchrien die drei Schwe⸗ ſtern im Chore,wir wollen heiraten.

Dieſem ſchüchternen Verlangen, fuhr Mama fort,muß Rechnung getragen werden. Die Prager Freier ſind zu nichts, oder wenigſtens nicht zum heira⸗ ten, wir müſſen Turner dazu haben.

Das Turnen ſtärkt, brummte v. Haxerl vor ſich hin.

Du begibſt Dich allſogleich zum Feſtausſchuſſe, richteſt eine Empfehlung von mir aus und bitteſt um drei Turner in's Quartier. Haſt Du mich berſtanden?

Vollkommen, entgegnete der folgſame Gatte, nahm ſeinen Hut und wollte gehen.