Jahrgang 
1864
Seite
300
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Beifall der Galerien als maßgebend an und haſchte daher mehr und mehr nur nach ſoichen Situationen, die ihm dieſen Beifall ſicherten. Seine Stücke erſchei⸗ nen in der Mehrzahl uns jetzt ſchon veraltet, als triviale, ſtellenweiſe ſogar gemeine Poſſenſpiele. So dieSchü⸗ lerſchwänke,Sieben Mädchen in Uniform,Paris in Pommern,die Nähmamſells u. ſ. w. Daß An⸗ gely urſprünglich wohl die Fähigkeit beſaß zu wirklich volksthümlicher Bühnenſchriftſtellerei, zeigt am deutlich⸗ ſten ſeinFeſt der Handwerker, ein Genrebild aus dem Volksleben, das mit faſt niederländiſch zu nennender Treue und Sauberkeit ausgeführt erſcheint. Dies Stück hat ſich mit ſeinen populären Geſtalten, vor allem der klaſſiſchen Figur des Maurerpoliers Kluck, denn auch bis jetzt in ungeſchwächter Wirkung auf den Brettern erhalten. Von Holtei iſt außer der als Nachhall der romantiſch⸗ patriotiſchen Stimmung der Befreiungs⸗ kriege mit Begeiſterung aufgenommenen Dramatiſirung der Bürger'ſchenLenore beſondersder alte Feld⸗ herr zu nennen, welcher der damals wieder rege ge⸗ wordenen Sympathie des Volkes für die Helden der polniſchen Revolution zündenden Ausdruck verlieh. Zu⸗ gleich bürgerten neben den Angely'ſchen Stücken auch Holtei'sWiener in Berlin,Berliner in Wien und Wiener in Paris das franzöſiſche Vaudeville in na⸗ tionalem Gewande als Singſpiel auf der deutſchen Bühne ein. Dieſe drei Seitenſtücke eröffneten auch, ebenſo wie diedreiunddreißig Minuten in Grüneberg, die lange Reihe ſogenannterDialektſtücke. Ganz kurz nennen wir C. Blums Operetten, die gleichfalls manches Hübſche enthalten, z. B. denSchiffskapitän, Bär und Baſſa u. ſ. w. Weiter iſt hier Louis Schneider zu erwähnen, der frühere berühmte Komiker der Berliner Hofbühne. Er ſchrieb eine Anzahl kleiner, netter, zum größten Theil fremden Muſtern entlehnter Poſſen und Operetten, worin er ſich hauptſächlich ein Feld für ſeine eigene Wirkſamkeit als Darſteller ſchuf. Der Kapellmeiſter von Venedig, der reiſende Stu⸗ dent undFröhlich z. B. es ſind das Haupt⸗ und Titelrollen von dreien ſeiner Stücke waren zugleich Glanzpartien ſeines Repertoires. Von Schneider rührt ferner das hübſche Dialektſtückchen:der Kurmärker und die Picarde her, worin ein kurmärkiſcher Bauerntölpel und eine graziöſe franzöſiſche Bäuerin in treffender Cha⸗ rakteriſirung gegenübergeſtellt ſind und Erſterer das gemüthliche Lied vomTannenbaum auf die Bühne bringt. Der Name Louis Schneiders fehlt bei Schlet⸗ terer ganz und gar.

Albert Lortzings, des ſpäteren Opernkomponiſten erſtes Werk war ebenfalls ein Singſpiel:der Pole und ſein Kind mit der allbekannt gewordenen Melo⸗ die:Zu Warſchau ſchwuren tauſend auf den Knien. Auch eine Jugendarbeit Mendelsſohns:die Heimkehr aus der Fremde muß hier erwähnt werden. Fehlt auch dem zu Grunde liegenden Texte die ſtreng dramatiſche Handlung, ſo ſoll ja das Ganze nichts weiter ſein als ein beſcheidenes Idyll, welches erſt durch die beigege⸗ bene Muſik Licht und Bedeutung erhält; und wenn die Kompoſition den ſpäteren Tonwerken Mendelsſohns

Mont Saint⸗Michel.

nachſteht, ſo zeigt ſich doch ſchon in dieſer poetiſchleben⸗ digen Auffaſſung der Natur und des menſchlichen Ge⸗ müthes der unſterbliche Genius des Meiſters. Daß ganz vor kurzem erſt ein reizend melodiöſes Singſpiel Franz Schuberts der Welt bekannt geworden iſt, wiſſen unſere Leſer. Es betitelt ſichder häusliche Krieg.

Das Singſpiel der neueſten Zeit erſcheint zumeiſt im Gewande des Dialektſtückes. Hier haben wir vor Allen von Johann Gabriel Seidl und Alexander Bau⸗ mann zu ſprechen. Beide ſuchten für ihre Operetten, zu denen J. Lachner die Muſik ſchrieb, ſich Oberöſter⸗ reich, Steiermark oder Tirol als Lokal aus.Das letzte Fenſterln,Ein Jahr nach dem letzten Fenſterln, das Verſprechen hinter'm Herd, und wie dieſe Klei⸗ nigkeiten ſonſt noch heißen mögen, es gilt von ſämmt⸗ lichen das Urtheil, daß ſie zwar keineswegs im Inhalt bedeutend ſind, daß ſie aber durch provinzielle Treue in der Zeichnung der Perſon und durch Einſtreuung ernſter oder heiterer Volkslieder einen gewiſſen, gemüth⸗ lich wirkenden Reiz ausüben. In dieſelbe Kategorie ge⸗ hören NesmüllersZillerthaler,'s Lorle von J. Ch. Wages u. a. m.

Nicht ſpeciell Dialektſtücke, aber doch auch Sing⸗ ſpiele ſchrieben Auguſt Conradi, Richard Génée der. wie Baumann, bei Schletterer ganz fehltund F. von Suppé. Es ſind das drei ſehr artige Talente, von de⸗ nen noch viel Schönes zu erwarten ſteht. Wir erinnern an des Erſteren Operette:Beckers Geſchichte, an des ZweitenMuſikfeind und an des DrittenPenſionat. Hier kommt der Humor ebenſo zum Rechte wie das Ge⸗ müth, die Melodien ſchmeicheln ſich leicht dem Ohre ein und durchgehend iſt eine Grazie der muſtkaliſchen Behandlung erſichtlich, die höchſt angenehm berührt. Als Vierter geſellt ſich ihnen Ferdinand Gumbert zu Schletterer ſchreibtGumpert. Auch wäre dieſer nicht blos wegen derLieder des Muſikanten, ſondern vor allem wegen derKunſt geliebt zu werden zu nennen, einem Singſpiel, aus dem z. B. das Lied:In den Augen liegt das Herz' ein Lieblingsſtück unſerer jungen Damen zum Vortrag am Klavier geworden iſt.

Mont Saint⸗Michel.

n dem Frankreich von England trennenden Kanal Herhebt ſich ſüdlich von der berühmten Seeveſte Cherbourg unfern vom Feſtlande die kleine Felſen⸗

inſel St. Michel an der Ausmündung des Avranches.

So klein der iſolirte Punkt auch iſt, ſo wichtig iſt

er für die Sicherheit der Küſte, da er ein weſent⸗ liches Glied der die Normandie ſichernden Feſtungen gegen England bildet. Doch nicht ſeine ſtrategiſche Be⸗ deutung allein, ſondern die ſchöne im altgothiſchen Styl erbaute Abtei, welche die Spitze des Felskegels krönt, iſt es, welche den Ort zu Ruf gebracht hat. Die erſte Anſiedelung und der Bau der Abtei, mit welcher früher ein Kloſter verbunden war, datiren aus dem zwölften Jahrhundert. Nach der Revolution von 1789 wurde