298 Das deutſche Singſpiel.
von da ſich über ganz Deutſchland verbreitenden Operet⸗ ten:„Lottchen am Hofe,“„Liebe auf dem Lande,“„der Erntekranz,“„die Jagd“ u. ſ. w. Letztere, aus der be⸗ ſonders das Liedchen:„Als ich auf meiner Bleiche ein Stückchen Garn begoß u. ſ. w.“ ſehr bald im höchſten Grade populär wurde, hat ſich noch bis in unſeren Tagen auf der Bühne erhalten und wird noch immer gern geſehen. Die Röſe z. B. gilt auch unſeren Soubretten noch als glänzende Rolle. Komponirt ward„die Jagd“ 1771. Hiller, menſchenſcheu und hypochondriſch von Natur, war durch raſtloſe Arbeit auch körperlich krank geworden und hatte drei Vierteljahr im Zimmer zuge⸗ bracht. Erſt bei der achtzehnten Aufführung ſeines Werkes wurde er durch freundſchaftliche Gewalt vermocht, dabei gegenwärtig zu ſein. Der Klavierauszug ſeiner „Jagd“— um dies beiläufig zu erwähnen— erſchien gedruckt in 6000 Exemplaren und doch war die ſtarke Auflage bald ganz vergriffen. Der Komponiſt bekam für ſein Manuſkript fünfzig Thaler, der Dichter— Nichts. Noch als im Jahre 1797 die Oper wieder ein⸗ mal in Leipzig gegeben wurde, war der Enthuſiasmus der Hörer ſo groß, daß ſie am Schluß mit Einſtimmig⸗ keit riefen:„Vivat unſer guter Weiße!“ Dieſer war aber gerade nicht zugegen.
In Folge einer Verkettung äußerer Verhältniſſe wurde alſo Hiller, der gewiß daran vorher nie gedacht hatte, der eigentliche Schöpfer des deutſchen Singſpiels. Schletterer macht die etwas nach Frömmelei ſchmeckende Bemerkung:„Der Mann liefert einen recht ſchlagenden Beweis dafür, daß Gott zur rechten Zeit und Stunde auch immer die rechte Kraft in Bereitſchaft hat, durch die er wirken kann.“ Was unſer Verfaſſer über den muſikaliſchen Werth der Hiller'ſſchen Operetten ſagt, unter⸗ ſchreiben wir gern.„Neben tüchtigem Wiſſen, feinem Geſchmack und gewandter Handhabung aller techniſchen Mittel, ſtand ihm ein unerſchöpflicher Born natürlicher, anſprechender, geſangreicher, ja volksthümlicher Melodien zu Gebote; viele derſelben ſind wirklich auch beliebte Volksweiſen geworden und iſt eigentlich von der Er⸗ ſcheinung ſeiner erſten Operette an auch das wiederer⸗ wachte Intereſſe für das deutſche Volkslied zu datiren. Bei aller Einfachheit der von ihm benützten muſikali⸗ ſchen Mittel, wußte er doch alle Nüancen der Freude, Luſt, Traurigkeit und Klage auf das glücklichſte darzu⸗ ſtellen und alle Stimmungen des Gemüths erſchöpfend wiederzugeben, und was ihn nun als Komponiſt komi⸗ ſcher Singſpiele vorzugsweiſe erfolgreich wirken ließ, das iſt ein unwiderſtehlicher Humor und eine gewiſſe derbe Luſtigkeit, die er, ungeachtet er ſonſt unheilbarer Hypochondrie faſt erlag, wunderbar in ſeiner Gewalt hatte und auf ſeine Kompoſitionen zu übertragen wußte.“
Hillers Operetten flogen förmlich von Bühne zu
Bühne; ſie wurden der Rettungsanker aller hungern⸗
den und verzagenden Komödiantenbanden, und wie nach dem Schlage mit dem Stabe des Magiers der friſche Quell, ſo ergoß ſich plötzlich ein reicher, unver⸗ ſiegbarer Strom friſcher deutſcher Lieder und echt na⸗ tionaler Muſik über das ganze Vaterland. Wir nen⸗ nen unter den Nachfolgern Hillers den Weimarer Ka⸗
pellmeiſter E. W. Wolf, deſſen Singſpiel:„das Roſen⸗ feſt“, im ſelben Jahre wie„die Jagd“ komponirt, eben⸗ falls bedeutenden Erfolg hatte, und der dieſem Erſt⸗ lingswerk raſch noch gegen zwanzig andere Operetten folgen ließ, ſo„die treuen Köhler“,„die Dorfdeputir⸗ ten“,„der Abend im Walde“,„das Gärtnermädchen“, „das große Los“ u. ſ. w.(ſämmtliche Texte ſind von G. E. Heermann). Die Kompoſitionen dieſes Meiſters zeichnen ſich durch einen Geiſt der Solidität, männli⸗ chen Ernſt und gehaltene, edle Empfindung aus. In Königsberg ſchrieb der Studioſus juris J. F. Reich⸗ hardt die Operetten:„Hänschen und Gretchen“ und „der Guckkaſten Amors“(von Michaelis). Niemand ahnte damals, daß aus dem jungen Juriſten einer der bedeutendſten Tonſetzer ſeiner Zeit, der einſichtigſte und talentvollſte Komponiſt Goethe'ſcher Dichtungen, der Kapellmeiſter Friedrichs des Großen und ſeiner zwei Nachfolger werden ſollte. Von C. D. Stegmann in Dresden erſchienen ſeit 1773 die einſt ſehr beliebten Singſpiele:„der Kaufmann von Smyrna“,„das redende Gemälde“,„der Sultan Wampum“,„Apollo unter den Hirten“,„die Roſeninſel“ u. ſ. w. A. Schwei⸗ tzer, der 1774 die erſte deutſche Oper, Wielands„Al⸗ ceſte“ ſchrieb, vollendete auch eine beträchtliche Zahl von Singſpielen, z. B.„Roſamunde“,„die Dorfgalla“ u. ſ. w. Hillers Schüler, Ch. G. Neefe, ein ebenſo un⸗ verbeſſerlicher Hypochondriſt wie ſein Lehrer, hatte ſchon 1772 die Kompoſition der Operette:„die Apotheke“ von J. J. Engel vollendet und ließ dieſem Werke dann noch zwölf andere folgen. Er iſt ein Künſtler, deſſen Arbeiten von Geſchmack, Bildung, Verſtand, Talent und gründlichen muſtkaliſchen Studien Zeugniß geben; in der Eleganz und Freiheit ſeiner Melodie und in der Leichtigkeit, mit der er Anſprechendes und doch Edles und Gutes producirt, gemahnt er häufig— wie Schletterer meint— an Mozart. Sein Singſpiel: „die Zigeuner“(von Möller) iſt der Vorläufer von Webers Precioſa geworden. Der genialſte unter den hier zu nennenden Operettenkomponiſten war wohl der auch als Erfinder des Melodrama's— man denke an Gerſtenbergs„Ariadne“— vielgenannte G. Benda, gothaiſcher Hofkapellmeiſter. Von ihm ſind z. B.„der Dorfjahrmarkt“,„der Holzbauer“,„Lukas und Bärb⸗ chen“,„das Findelkind“,„Walder“,„das tartariſche Geſetz“ u. ſ. w. Alle dieſe Werke haben eine Fülle hoher Schönheiten und können als Muſter ihrer Art gelten. Keiner ſeiner Kollegen hat Benda ganz zu er⸗ reichen vermocht. Fruchbarer noch, als ſämmtliche Vor⸗ erwähnte, war J. André, der über dreißig Singſpiele ſchrieb, z. B.„der Töpfer“,„das wüthende Heer“, „der alte Freier“,„Laura Roſetti“,„der Varbier von Sevilla“(!)„Belmonte und Konſtanze“(h u. ſ. w. Seinen Arbeiten iſt Fluß und Anmuth der Melodie, ſowie Kraft und Blitz im muſikaliſchen Ausdruck in hohem Grade eigen!
Merkwürdig iſt es, daß faſt alle die genannten Komponiſten Norddeutſche waren, die ganze Bewegung überhaupt eine Zeitlang faſt ausſchließlich auf Nord⸗ deutſchland beſchränkt blieb. Was zu dem großen Er⸗


