Julius Roſen:„Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungen.“ 295
einen aus der Gefangenſchaft entflohenen Soldaten be⸗ handeln, der am Ende ausgewechſelt werden mußte, da er als Kriegsgefangener in den Liſten eingeſchrieben war.
Man erwartete den Morgen. Dieſer brach an und mit ihm legte ſich der tobende Sturm. Nachdem ſich alle drei Geretteten aus B ergers Rumflaſche ein wenig geſtärkt hatten, ſchlug Elſe den Weg nach dem Innern des Landes ein, um die Rettung und Wiederge⸗ winnung ihres Gatten zu verſuchen. Berger und der Graf aber ſtiegen auf eine hervorragende Klippe, um nach einem Rettungsbote auszulugen. Von hier ſahen ſie, daß die Soldaten, welche mit Chriſtian an den Riffen verunglückten, nicht ertrunken waren, ſondern ſich auf die Felſen gerettet hatten und nun ebenfalls nach einem Schiffe ausſchauten. Sie erreichten früher ihr Ziel, denn ein Fiſcher, welcher aus einer der vielen be⸗ nachbarten Buchten zum Fiſchfang hinausfuhr, bemerkte ſie und nahm ſie in ſein Schiff.
Einige Zeit ſpäter näherte ſich abermals ein Bot der ſchwarzen Bucht. Es fuhr vorſichtig durch die Riffe, zumging alle gefährlichen Stellen und landete nicht weit von dem Orte, an dem Berger und der Graf ſich befanden.
„Verbergen Sie ſich, Herr Graf, flüſterte Be rger, „ich will mir unſere Gäſte ein wenig näher anſehen.“
Als der Graf ſich verborgen hatte, kroch Berger vorſichtig vorwärts und ſo nahe, daß er das Geſpräch der Männer hören konnte.
In dem Schifflein waren ſechs Männer und ein Knabe. Die Männer ſchleppten Ballen der verſchie⸗ denſten Art an das Land. Als ſie ihr Geſchäft beendigt hatten, hub einer von ihnen, wie es ſchien der Anführer, an:„Wir können von Glück reden, daß wir ſo glücklich durchgekommen ſind.“
„Der Sturm war uns weniger gefährlich als das Gefecht,“ entgegnete der Andere.
„Wenn der Oeſterreicher unſere Zollkutter nicht ſo brav angepfeffert hätte, wir wären ihnen gerade in den Rachen gelaufen.“
„Unter ihren Kanonen fuhren wir hin,“ ſprach ein Dritter.„Die öſterreichiſche Brigg hielt ſich ganz vor⸗ trefflich. Mich dünkt, ſie kreuzt noch herum und wartet auf die Kutter, welche ſich in ſeichtes Waſſer gerettet haben.“
„Wenn ſie dieſelben nur aufbrächte,“ erwiederte ein Anderer;„je mehr Zollkutter zum Teufel gehen, deſto ſchöner blüht unſer Gewerbe. Nun aber laſſet uns unſern Marſch antreten.“
Die Männer hoben die Ballen auf ihre Schultern und gingen auf einem ſich ſchlangenförmig windenden Pfade in das Gebirge. Der Junge blieb im Schiffe zurück. Er mußte ſehr ermüdet ſein, denn er ſtreckte ſich im Schiffe aus und ſchien zu ſchlafen.
Berger ſchlich zum Grafen zurück.„Eine öſter⸗ reichiſche Brigg kreuzt in der Nähe, Herr Graf, flüſterte er,„wir müſſen fort und das auf der Stelle, die Zeit iſt uns günſtig. Kommen Sie.“
Vorſichtig ſchlichen die Männer der Küſte zu und Berger gewann zuerſt feſten Fuß auf dem Schiffe.
Er ſchlich zu dem Knaben hin, nahm ein Piſtol weg, welches dieſer neben ſich hingelegt hatte, ſtopfte ihm ein Tuch in den Mund, um ihn am Schreien zu hin⸗ dern, und ſich ihn auf den Schoß hebend begann er die Unterhandlungen mit ihm.
„Du ſiehſt, mein guter Junge,“ ſprach er,„daß wir die Herren des Fahrzeuges ſind.“
Der Knabe gab Antwort, indem ihm die Thränen in die Augen traten.
„Du mußt nicht weinen, mein Junge,“ fuhr Ber⸗ ger fort.„Es iſt kein Unglück, das Dich betroffen hat. Wir ſtreben Dir nicht nach dem Leben und wollen auch Dein Schiff nicht. Wir möchten uns dasſelbe nur auf einige Stunden ausleihen.“
Der Knabe ſah ihn verwundert an.
„Höre mich, mein Junge. Eine öſterreichiſche Brigg hatte geſtern einen Kampf mit mehreren däniſchen Kut⸗ tern. Iſt das wahr?“
Der Junge nickte.
„Die Kutter retteten ſich in ſeichtes Waſſer und die Brigg kreuzt noch auf der See?“
Der Junge nickte wieder.
„Nun alſo, dieſe Brigg wollen wir aufſuchen. Du biſt ein geſcheiter Junge und wirſt uns dabei behilflich ſein. Haben wir das Schiff gefunden, bekommſt Du fünfzig Dukaten und fährſt mit Gott von dannen. Biſt Du einverſtanden?“
Der Junge nickte freundlich und machte eine Ge⸗ berde des Einverſtändniſſes. Berger befahl ihm nun, den Lotſen zu machen und ſie aus der Bucht hinauszu⸗ führen.„Verſuche es aber nicht, guter Junge,“ ſprach er,„uns zu verrathen, denn ſonſt käme ich in die unan⸗ genehme Lage, Dich erſchießen zu müſſen.“
Daran dachte jedoch der Junge nicht. Er ſtieß ab, brachte das Schiff geſchickt in die Strömung und ehe eine Viertelſtunde verging, waren ſie auf offener See. Das Segel wurde aufgerollt und der Knebel des Jun⸗ gen entfernt, da nun keine Gefahr mehr da war, ver⸗ rathen zu werden. Die Männer waren nicht lange in Verlegenheit, wohin ſie ſich zu wenden hätten, denn kaum hatten ſie die hohe See gewonnen, als ferner Kanonendonner zu ihnen herüber tönte.
„Aha,“ rief Berger,„unſere Jungen haben die Kutter aufgebracht und balgen ſich mit ihnen. Nun wiſſen wir wenigſtens, wo wir ſie zu ſuchen haben.“
Das Schifflein wurde in die Richtung des Schalles gebracht und flog unter einer friſchen Briſe vergnügt über die kleinen Wellen. Nach einer halbſtündigen Fahrt bekamen unſere Reiſenden ein ſchönes überraſchendes Bild in Sicht. Wie ein Schwan ſchaukelte ſich die öſter⸗ reichiſche Brigg auf den Waſſern, die der Segel ent⸗ blößten Raen und Stangen ſpiegelten ſich ſcharf ab in der friſchen Morgenluft und das Schiff operirte nur unter der Wirkung ſeiner Maſchinen. Bald ſchoß es zu einem, bald zu dem zweiten, bald zu dem dritten däni⸗ ſchen Kutter, welche unter Einwirkung ihrer Segel ma⸗ növerirten und mit ihren Braſſen das Schiff beſchoſſen, und überall gab es den Feinden friſche Lagen, ſo daß das Segel⸗ und Stangenwerk der Kutter bereits in
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