294 Soldaten und dieſe behandelten ihn mit beſonderer Achtung, als ſie ihn in ihre Mitte nehmen und weiter transportiren mußten.
Der Zug bewegte ſich nach dem nächſten Städt⸗ chen zu, von wo der Sergeant ſich weitere Verhaltungs⸗ maßregeln holen wollte.
Der alte Graf war inzwiſchen ſo ſchnell, als ihn ſeine alten Füße trugen, fortgewandert und hatte ſpät Abend jene Gegend erreicht, wo ſich die ſchwarze Bucht befinden mußte. Er ſpähte nach Spuren menſchlichen Daſeins, fand aber nichts. Nicht einmal ärmliche Fiſcher⸗ hütten waren auf dieſen Wegen. Zu Tode erſchöpft, be⸗ ſchloß er die Nacht in der Nähe des Ufers wachend zu⸗ zubringen, da er vermuthete, daß vielleicht Nachts die Schmuggler erſcheinen würden, von denen man er⸗ zählte, daß ſie in der ſchwarzen Bucht ihr Handwerk be⸗ treiben. Die ſogenannte ſchwarze Bucht war für den Schleichhandel wie geſchaffen. Von einem Felſenkranz umgeben, der eine Unmaſſe von Höhlen und Schluchten, ſo wie ſchmalen Engpäſſen enthielt, war ſie von der Seeſeite ſo mit Riffen eingeſchloſſen, daß nur ein genau Eingeweihter mit einem kleinen Bote unverſehrt die Bucht gewinnen konnte. Größere Schiffe hätten ſich un⸗ fehlbar an den Riffen zerſchmettern müſſen. Es war demnach jede genauere Ueberwachung von Seite der Zoll⸗ organe unnütz und ſo koſtſpielig, daß ſie nur, um einen Namen zu haben, betrieben wurde und niemals ein Reſultat hatte. Ja man munkelte von einem Einver⸗ ſtändniſſe der Zollwächter und Schmuggler und das Gerücht wurde wahrſcheinlich für jene, die ſahen, wie faſt unter den Augen der Zollwächter der Schleichhandel betrieben wurde.
In der Bucht ſelbſt war das Waſſer ſtill und ruhig, wie in einem Teiche, und am Ufer desſelben beſchloß Brander, die Nacht zuzubringen. Es war dies für den alten Mann keine leichte Aufgabe. Der Himmel hatte ſich umwölkt, der Mond hatte ſich hinter dichten Schleiern verborgen und der Sturm rauſchte ge⸗ ſpenſterhaft in den Wipfeln der laubloſen Bäume, welche die Hügel ringsherum bedeckten. Nach dem Getöſe und Gepfeife, das vom Meer herübertönte, zu urtheilen, mußte draußen ein heftiger Sturm wüthen, und Bran⸗ der beobachtete aufmerkſam den weißen Schaumſtreifen, welcher die Bucht gegen das Meer zu einſäumte und wie ſiedend ſchneeweiße Blaſen warf. Da mit einemmale war es ihm, als wenn ein Bot über dieſen Schaum tan⸗ zend in die Bucht hineingeworfen würde. Wie ein Pfeil flog es in das ſtille Waſſer, durchſchnitt es von der Kraft, welche auf dasſelbe eingewirkt hatte, getrieben, und flog an das ſandige Ufer an, in tauſend Scherben zerſchellend.
Brander eilte dahin. In der Nähe des Ortes, wo die Ueberreſte des Schiffleins im Waſſer hin und her trieben, fand er zwei Menſchen ohne Bewußtſein am Boden liegen. Ihm zunächſt lag ein junges Weib, durchnäßt und wie leblos. Er näherte ſich ihren Lippen, kein Hauch zeugte von innerem Leben. Er lüftete ihr Gewand, legte die Hand auf ihr Herz, es ſchlug ſchwach, ſie lebtel— Nun machte er ſich daran, ſie in das Leben
Julius Roſen:„Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungen.“
zurückzurufen. Er rieb ihre Schläfe und die Pulsadern, brachte ſie in eine Lage, in welcher das eingeſtrömte Waſſer aus ihr herauskommen konnte, und ſchon nach einigen Minuten ſchlug ſie die Augen auf.„Wo bin ich,“ fragte ſie mit ſchwacher Stimme,„hat man uns gefangen?“
„Sie ſind in Sicherheit,“ entgegnete der Graf. „Bleiben Sie ruhig ſitzen, ich will nach Ihrem Gefähr⸗ ten ſehen.“
Dieſer war ſelbſt zu ſich gekommen und ſah wie verloren den Grafen auf ſich zukommen. Kaum jedoch hatte ſich ihm dieſer genähert, als er ſich aufrichtete und nach ihm die Arme ausſtreckend ausrief:„Wie gut iſt der liebe Gott! Wir haben den Grafen gefunden!“
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3.
Die Wiedergefundenen erzählten einander ihre wechſelſeitigen Schickſale.
Was mit Berger und Elſe geſchehen war, wiſſen wir bis zu dem Augenblicke, wo ihr Schifflein in der Brandung verſchwand. Dieſe nun hatte dasſelbe erfaßt und riß es mit ſich fort. Des Todes gewärtig erwarteten die beiden Perſonen den Anprall des Schiffes und ihr Ende. Ein glücklicher Zufall wollte es, daß der Kahn nicht an die Riffe, ſondern in die ſchiffbare Ein⸗ fahrt der Bucht geſchleudert wurde, in welcher er wohl ebenfalls ſtrandete, ohne jedoch die Paſſagiere in den Wogen zu begraben. Sie wurden eben an das Ufer ge⸗ ſchleudert und erholten ſich, wie wir geſehen haben, ſehr ſchnell.
Die Erzählung des Grafen war für Berger, noch mehr aber für Glſen intereſſant. Ihr Herz jubelte über die edle That Wilhelms und ſie bekannte frei⸗ willig, daß ſie einen ſo edlen braven Mann nicht verdiene.
„Ihr Herren,“ ſprach ſie zu dem Grafen und Berger,„müßt zuſehen, daß ein Schmugglerbot Euch in Sicherheit bringt, ich aber bleibe zurück.“
„Was wollt Ihr thun?“ fragte Berger.
„Ich will Wilhelm aufſuchen, will ihn retten, will ihn mir wieder verdienen. Durch meine Schuld verlor ich ihn, durch mein Verdie nſt will ich ihn wieder haben. O wie glücklich bin ich, daß ſich dieſe Gelegen⸗ heit zur Sühnung bot.“
„Bedenkt die Gefahren, Elſe, in welche Ihr Euch ſtürzt,“ bemerkte der Graf.
„Sie ſchrecken mich nicht,“ entgegnete das junge Weib.„FJe gefährlicher es iſt, zu ihm zu gelangen und ſein Schickſal zu theilen, um ſo freudiger gehe ich mei⸗ nen Weg, denn er wird ſich überzeugen, daß ich mein Unrecht bereute, daß ich ihn doch über Alles liebe.“
Die beiden Männer widerſprachen Clſen nicht. Sie wollten ihr dieſen ſelbſtgeſchaffenen Troſt nicht rauben und beſchloſſen, ſie ziehen zu laſſen, da ja die Gefahr, in welcher Wilhelm ſchwebte, keine ſo große war. Es mußte zu Tage kommen, daß er Graf Brander nicht ſei, man mußte ihn eben nur als


