292 Julius Roſen.„Schleswig⸗Holſtein
nmeerumſchlungen.“
Der kleine Punkt wurde nach und nach größer. herum. Bevor wir dieſes thun, müſſen Sie ſich einer
Man konnte ein Bot bemerken, in welchem ein Mann und eine Frau mit der größten Anſtrengung die Ruder führten. Die Verfolger kamen immer näher und beide Schiffe näherten ſich immer mehr den ſchwarzen dro⸗ henden Felſen. Die Brandung heulte, der Sturm peitſchte die Wellen und weiße Giſcht umgab das Bot.
„Wir haben ſie,“ rief freudig der Sergeant,„nur noch einige Augenblicke Muth und Ausdauer und wir haben ſie!“
Wirklich waren ſie auch dem Schifflein ſo nahe gekommen, daß ſie die darin ſitzenden Perſonen unter⸗ ſcheiden konnten. Da wälzte ſich eine Welle zwiſchen die Fliehenden und die Verfolger und ging über beide weg. Als dieſe wieder ſehen konnten, war von dem kleinen Bote keine Spur mehr zu ſehen, ſie ſchienen verſchwun⸗ den. Das Schiff aber wurde von der Brandung erfaßt und den Felſen zugetrieben. Alle Anſtrengung war um⸗ ſonſt, die Ruder brachen, ein fürchterlicher Stoß erfolgte und Chriſtian und die Soldaten haſchten nach den Trümmern des Wracks, um ſchwimmend das Land oder doch die hervorragenden. Klippen zu erreichen. Das Wehgeſchrei der Ertrinkenden übertönte den wüthenden Sturm.
2.
Als Graf Brander, welcher auf eine ſo gefähr⸗ liche und kühne Weiſe aus ſeinem Kerker erlöſt worden war, den feſten Boden berührte, wurde er von dem in Todesangſt harrenden Wilhelm empfangen, unter den Arm genommen und lautlos in ein Gewühl von Gaſſen und Gäßchen hineingezogen. Erſt als die Flücht⸗ linge das Stadtthor hinter ſich hatten, gönnte Wil⸗ helm dem alten Manne einen Augenblick, ſich zu er⸗ holen und benützte dieſen ſelbſt dazu, um hoch aufzu⸗ athmen und ein Stoßgebet zu dem Vater im Himmel hinaufzuſchicken, welcher den kühnen Anſchlag ſo wun⸗ derbar gut gelingen ließ. Der Graf kannte Wilhelm ſehr gut und vertraute ihm demnach vollkommen. Er überließ ſich geduldig den Verfügungen desſelben und war bereit, die größten Strapazen mitzumachen, da ihn die Hoffnung, ſein geliebtes Kind glücklich ſehen zu können, wunderbar geſtärkt hatte.
„Was wollen wir nun beginnen?“ fragte er Wilhelm, als ſie langſam die Landſtraße hinſchritten. „Wo wollen wir uns verbergen, um den Nachſtellungen unſerer Feinde zu entgehen?“
„Berger meinte, wir müßten in das Innere des Landes, entgegnete Wilhelm,„denn dort würde man uns am wenigſten ſuchen. Ich halte dafür, wir bleiben in der Nähe der Küſte, um im geeigneten Augen⸗ blick, wenn ſich ein fremdes Schiff nähern würde, dieſe Gelegenheit zu benützen.“
„Thun Sie, was Sie für gut halten,“ entgegnete Brander.„Auch ich glaube, daß uns der Aufenthalt in der Nähe der Küſte vortheilhafter ſein dürfte.“
„Es bleibt alſo dabei, wir ſchweifen an der Küſte
Operation unterziehen, Herr Graf,“ fuhr Wilhelm fort.
„Einer Operation?“
„Sie müſſen Ihren Bart und Ihre Haare, welche Sie verrathen könnten, ſcheren laſſen.“
„Ich trenne mich ungern davon,“ antwortete Brander,„doch widerſpreche ich nicht denn ich ſehe die Nothwendigkeit dieſer Maßregel ein.“
Die beiden Männer entfernten ſich von der Land⸗ ſtraße, und Wilhelm, welcher ſich mit allem Nöthigen verſehen hatte, entkleidete den alten Mann ſeines ehr⸗ würdigen Schmuckes.
Als der Abend herangekommen war, übernachte⸗ ten ſie in einem Bauerngehöfte, ohne verdächtig zu wer⸗ den, da Beide ſehr gut däniſch ſprachen und ſich für Armeelieferanten ausgaben, welche im Lande umher reiſten, um Vieh für die Armee zu kaufen. Da ſie hin⸗ länglich mit Geld verſehen waren, konnten ſie alle ihnen geleiſteten Dienſte bezahlen, und waren demnach überall einer freundlichen Aufnahme ſicher. So waren mehrere Tage verſtrichen. Bei Tage ſtreiften die Männer an der Küſte herum und lugten nach fremden Fahrzeugen aus, bei Nacht ſuchten ſie Unterkunft in den Hütten der Bauern und Fiſcher.
So waren ſie auch eines Abends in das Gehöft eines Bauers gekommen, zur ſelben Zeit, als dieſer im Kreiſe ſeiner Familie beim Nachteſſen ſaß und ein Plakat las, welches die Bevölkerung aufforderte, den entflohenen Grafen Brander, der wegen Hochver⸗ rathes und Mordes zum Tode verurtheilt ſei, zu fan⸗ gen. Ein Preis war auf ſeine Einbringung geſetzt wor⸗ den, und der Bauer hatte ſoeben den frommen Wunſch ausgeſprochen, den ziemlich hohen Preis zu verdienen.
Die Fremden hatte dieſes unerwartete Schriftſtück etwas verlegen gemacht, doch faßten ſie ſich ſchnell und gaben auch hier vor, veiſende Lieferanten zu ſein.
„Nun es freut mich, Euch beherbergen zu können, meine Herren,“ entgegnete der Bauer.„Ihr dient ja unſerer Armee und unſere Armee dient uns. Macht als ob Ihr zu Hauſe wäret.“
Die Fremden ſetzten ſich mit der Familie des Bauers an den Tiſch und verzehrten das ihnen vorge⸗ ſetzte Abendbrod.
„Wie lange reiſet Ihr ſchon im Lande umher?“ fragte ſich gänzlich arglos ſtellend der Bauer,
„An vierzehn Tage,“ entgegnete Wilhelm, welcher überhaupt das Wort führte.
„So. Und wo habt Ihr das angekaufte Vieh?“
„Das ſchicken wir ſogleich nach Kopenhagen. Wir nehmen überall Treiber auf, welche es mit einer An⸗ weiſung von uns, an die Kommiſſion abgeben.“
„Schön. Da können wir ja ein Geſchäft mit ein⸗ ander machen,“ fuhr der Bauer fort.„Ich habe zwei Stück Vieh zum Verkaufe und werde ſie Euch billig ablaſſen. Wollt Ihr ſie kaufen?“
Brander ſah verlegen geworden auf Wilhelm, dieſer aber erklärte ſich mit dem Handel einverſtanden. „Morgen wollen wir die Stücke ſehen und ich hoffe, wir werden handeleins.“


