Jahrgang 
1864
Seite
288
Einzelbild herunterladen

286

Feuilleton.

einige andere Notabilitäten eingeladen hatte, und mich, als alten Hausfreund ebenfalls einlud. Die zahlreiche Geſellſchaft, nach unſerer norddeutſchen Sitte ganz ſchwarz gekleidet, war ſchon verſammelt, als ein neuer Gaſt wie ein Schmetterling, vom Kopf bis zu den Füßen in gelben Nanquin gekleidet, hereintrat und mit einer gewiſſen Auf⸗ merkſamkeit behandelt wurde. Ich fragte meinen Nachbar Schulze, wer der Fremde ſei; er ſah mich mit Verwun⸗ derung au und erwiederte:Kennen Sie denn Auguſt Wilhelm Schlegel nicht? Voll Erſtaunen ſah ich näher zu und erkannte, allerdings mit Mühe, etwas von den Zügen wieder, die ich in den Ihren 1803 und 1804 ſo oft in demſelben Hufeland'ſchen Hauſe und in den Vor⸗ leſungen über Literatur geſehen hatte; aber damals war dieſe Figur in grau gekleidet und auch das Geſicht war grau, das Haar ziemlich vernachläſſigt, und jetzt konnte man ſich des Argwohns nicht erwehren, daß das Geſicht geſchminkt ſei, und das Haar der künſtlich friſirten Perücke wurde ganz ungenirt mit einem Kamme, der zugleich einen Spiegel enthielt, zurückgekämmt. Bei Tiſche kam Schlegel neben den Miniſter Altenſtein zu ſitzen, ich gegenüber zwiſchen Zelter und dem Archäologen Profeſſor Hirt. Die Unterhaltung war ziemlich lebhaft, gleichwohl konnte ich hören, wie Schlegel zuerſt den Miniſter von den Wirths⸗ häuſern unterhielt, die er auf ſeiner Reiſe mit der Frau von Staëél kennen gelernt hatte, und dann, von dieſem Thema abſpringend, von dem Leben der Malerin Angelika Kaufmann redete. Er erzählte von ihrer Herkunft, ihren Werken und ſchloß mit dem Jahre ihres Todes.Erlauben Sie, Herr Profeſſor, hob mein Nachbar Hirt mit ſeiner ſtarken Stimme über den Tiſch hinüberredend an,es war nicht im Jahre ſo und ſo ſondern im folgenden Jahre und zwar an dem und dem Tage, wo Angelika geſtorben iſt. Lachend erwiederte Schlegel:Ich weiß wohl, Herr Profeſſor Hirt, daß Sie in der Kunſtgeſchichte mein Meiſter ſind und mir nicht leicht etwas paſſiren laſſen, es ſei denn etwa in Abſicht der indiſchen Literatur und Kunſt.(Schlegel beſchäftigte ſich damals beſonders mit der indiſchen Sprache und Literatur, hatte aber mit Hirt viel Streit bei Beurtheilung antiker und moderner Kunſtwerke gehabt, ein Streit, der nicht immer in den ar⸗ tigſten Formen geführt war. In Privatgeſprächen bezeich⸗ nete Schlegel wohl im Uebermuthe ſeiner Laune ſeinen Gegner mit den Worten: Dieſer Hirt, der zugleich Ochs iſt.) Der Miniſter Altenſtein unterbrach die Kontroverſe der beiden Herren dadurch, daß er das Zeichen zur Auf⸗ hebung der Tafel gab. Man ging in den Garten und vertheilte ſich in mehrere Lauben, um den Kaffee einzu⸗ nehmen. Schlegel, deſſen witzige Laune wieder geweckt war, wußte ſich in derſelben Laube zu Hirt zu geſellen und fing an, denſelben zum Beweiſe feiner Kenntniß des indiſchen Weſens vorzudemonſtriren, welche Proceduren mit ihm vorzunehmen ſein würden, um ihn zum indiſchen Heiligen umzuformen. Hirt war ein großer, ſtarker, ſehr wohlgenährter Mann, und Schlegel beſchrieb nun ſehr komiſch alle die Kaſteiungen, welchen er ſich würde unter⸗ werfen müſſen, um ſo mager zu werden, daß er einen Heiligen vorſtellen könnte, der von einer Handvoll Reis täglich leben müßte. Dabei ſchritt er mitunter hinter ſeinen Gegner und machte den Hufeland'ſchen Töchtern gegen⸗ über, welche in das Bonmot von dem Hirten und Ochſen eingeweiht waren, mit ſeinen Armen über dem ſtarken Kopfe desſelben die Geſtalt von ein paar Hörnern. In das allgemeine Gelächter, welches die ganze Scene in der anweſenden Geſellſchaft erregte, ſtimmte Hirt unbefangen mit ein und büßte für die Zurechtweiſung Schlegels über das Todesjahr der Angelika Kaufmann.(Ich würde dieſe ergötzliche Erinnerung aus meiner Berliner Reiſe über einen von mir übrigens ſehr geachteten und um un⸗ ſere Literatur ſo verdienten geiſtreichen Mann nicht nieder⸗ geſchrieben haben, wenn nicht Schlegels faſt geckenhafte Verwandlung in ſpäteren Jahren und ſein geſellſchaftliches Auftreten während ſeiner Periode in Bonn aller Welt be⸗ kannt und in öffentlichen Blättern jener Zeit beſprochen

wäre. Auch die etwas grobkörnigen, nicht ſehr geiſtreichen Kunſtanſchauungen des Profeſſors Hirt ſind eine bekannte Sache. Jene Altersſchwäche Schlegels aber, wenn man ſie ſo nennen will, hat auch eine ernſthafte Seite; ſie zeigt die Gefahr der überwiegend äſthetiſchen Richtung aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts, welche Schlegel mit ſo vielen ſeiner Zeitgenoſſen genommen hatte, wenn nicht das Gegengewicht des religiöſen Ernſtes dem Cha⸗ rakter die Feſtigkeit gibt, daß er die perſönliche Eitelkeit von ſich wirft und an alles Irdiſche den höheren Maß⸗ ſtab legt.)

Bonbons.

Uufruchtbares Studium.(Es ſind eben zum Abend⸗ eſſen für den alten und jungen Herrn ſieben weichgeſottene Eier auſgetragen.)Nun ſage mir, mein Sohn, was haſt Du Alles gelernt auf der Univerſität?

Nun, Verſchiedenes.

Zum Beiſpiel?

Schau, Vater, hier ſind 7 Stück Eier, nicht wahr? Ich will Dir aber beweiſen, daß hier nicht 7, ſondern 13 Eier ſind. In der Zahl 7 iſt nämlich auch die Zahl 6 enthalten. 7 und 6 macht 13.

Wohlan! Dann ſpeiſe ich die 7 und Du, mein Sohn, kannſt Dir Deine übrigen 6 wohlſchmecken laſſen.

Warnm der Profeſſor X. keine Gedichte mehr lieſt.

A.A, Herr Proofeſſor, haben Sie ſchon die herr⸗ tichen Gedichte von* geleſen?

B.Nein, ich leſe überhaupt gar keine mehr, denn Dichter ſind Leutebetrüger. Vor zehn Jahren las ich ein⸗ mal ein Gedicht an den Mond vom 21. Oktober 1827, und wie ich in den aſtronomiſchen Tabellen nachſehe, iſt an dieſem Tage gerade Neumond geweſen!

Sonderbares Studium.Kennen Sie denn, meine Herrſchaften, fragte ein junger Mann kürzlich in einer Verſammlung von Muſik⸗ und Geſangsliebhabern,den Familien⸗Namen der Donna Elvira in Mozart's Don Juan?Nein, lautete faſt einſtimmig die Antwort, und wie ſoll man dieſen Namen, auf den übrigens Nichts weiter ankommt, überhaupt ermitteln, da der Text der Oper darüber Nichts enthält? fragte ein älterer Muſikfreund.Und doch doch, meinte der junge Fant,man muß ihn nur ſo eifrig ſtudiren, wie ic Wollen Sie ſich gütigſt überzeugen, bemerkte er gegen die höchſt neugierigen Damen,hier an dieſer Stelle hat Leporello die Worte zu ſingen:Da kömmt Fräu⸗ lein Elvira Selber ergo muß die gute Dame dochSelber geheißen haben! Ein allgemeines Gelächter belohnte dies ſeltſame Studium.

Alles hat ſeinen Grund.Ja, zum Kuckuck, Bruder, ſag' mir, warum trägſt denn Du ſo einen elenden Deckel von einem dekrepiten Cylinder. Ich bitt' Dich, kauf' Dir einen neuen.Ah, das werd' ich noch hübſch lange bleiben laſſen.Biſt Du toll?Das weniger. Aber daß ich Dir die Urſache ſage(leiſe und geheimniß⸗ voll): meine Frau hat geſagt, de geht mit mir keinen Schritt, ſo lange ich den häßlichen Deckel trage. Kapirſt Du jetzt?

Ein Mittel gegen Zahnſchmerzen für Damen.Ach, lieber Alfred Sie glauben nicht, was ich an Zahnſchmerzen leide. Wiſſen Sie gar kein Mittel?

Beſte Couſine, nur eines: Sich den Bart ſtehen laſſen. Früher litt ich immer an den Zähnen, aber ſeit ich meine Koteletten trage, hat ſich kein Schmerz wieder ein⸗ geſtellt.