Feuilleton. 285
produktiv zu ſein, doch die Gabe und die Selbſtverläug⸗ nung beſitzen, Anderer Verdienſte willig anzuerkennen, und dabei eigenen Werth genug, um nicht eigentlich neben jenen im Schatten zu ſtehen. Er hatte ein edles, warmes und höchſt wohlwollendes Gemüth. Um gleich eine Reihe Namen von Männern und Frauen zu nennen, die ich im Hufeland'ſchen Hauſe kennen gelernt habe, ſo zähle ich — außer den eigentlichen Hausfreunden, Fichte, Zelter, Johannes Müller, Aug. Wilh. Schlegel— den Hiſtoriker Woltmann, den Bildhauer Schadow, den Anatomen Lo⸗ der, Friedrich Heinrich Jacobi, Schiller, die aus Schillers Leben bekannte Frau von Kalb, Madame Herz die Schau⸗ ſpielerin Unzelmann, die nachherige Händel⸗Schütz, auf, die mir ſogleich gegenwärtig ſind. Die zuerſt genannten Freunde des Hauſes, die ich dort oft ſah, gewöhnten ſich daran und ſchienen es gern zu thun, auch uns jüngere Männer, die beiden Hausgenoſſen Luden und Biſchoff und einige andere, zu welchen Abeken und ich gehörten, mit in dem Familienkreiſe zu ſehen, ſich mit uns einzulaſſen, unſere Fragen und Bemerkungen zu beantworten, ja, oft auch unſer Urtheil über dieſe und jene Erſcheinung der Literatur und des Berliner Lebens hören zu wollen. Selbſt Einwendungen und verſchiedene Anſichten, ohne Anmaßung vorgebracht, wurden anerkennend aufgenommen, ſtörten wenigſtens das gute Verhältniß in keiner Weiſe.
Ein ausgeſuchter Abend dieſer Art iſt mir beſonders im Gedächtniß geblieben; es iſt der Sylveſterabend 1804. Der Staatsrath Hufeland hatte eine kleine Geſellſchaft zum heiteren Beſchluß des alten und gleichen Beginne des neuen Jahres auf eine Bowle Punſch zu ſich geladen. Es waren Zelter, Fichte, Johannes Müller, Woltmann und von uns jüngeren Abeken, Luden, Biſchoff und ich, alſo mit dem Hausherrn neun Perſonen, eine Zahl, nicht zu klein zur abwechſelnden, mannigfachen Unterhaltung, und eben klein genug, daß auch ein gemeinſames Geſpräch ſtattfinden konnte, bei welchem zwei oder drei die Thätigen und die Uebrigen die Zuhörer waren. Das letztere Los fiel denn natürlicher Weiſe uns jüngeren zu, ohne daß wir deshalb verurtheilt geweſen wären, ganz zu ſchweigen, namentlich nachdem der Punſch die Schranken des Alters und Standes einigermaßen zu verwiſchen angefangen hatte. Im lebhaften Geſpräch geriethen Fichte und Johannes Müller, die einander gegenüberſaßen, in Streit über die Vorzüge der Philoſophie vor der Geſchichte und umgekehrt, ein Streit, der übrigens in der Punſchlaune, und je länger deſto lebhafter, geführt wurde. Alle hörten mit vielem Vergnügen zu und gaben auch wohl durch Applaudiren und heiteres Lachen ihre Theilnahme zu erkennen. Nun geſchah es mir bei ſolchen Gelegenheiten einer erhöhten Stimmung, wenn die Augen nicht mehr klar ſahen, daß ſich mir die ganze Phyſiognomie der Menſchen in ihren Naſen koncentrirte und das übrige Geſicht faſt dagegen verſchwand; und wie ich überdies als geſchworener Jünger Fichte's ſchon an ſich auf deſſen Seite war, brach ich bei einem recht ſchlagenden Ausſpruche desſelben, welcher den Gegner gänzlich zu Boden zu werfen ſchien, gegen meinen Nachbar Abeken mit vollem Lachen in die Worte aus: „Aber wie kann auch eine ſo winzige und unbedeutende Naſe gegen die Adlernaſe dort ankämpfen wollen!“ Johannes Müller nämlich hatte eine kleine, feingebildete Naſe, welche urſprünglich zu ſeinen feinen Geſichtszügen ſehr wohl ge⸗ paßt haben mochte, jetzt aber, nachdem er durch ange⸗ ſtrengte nächtliche Studien ſeine Augen faſt aus ihren Höhlen getrieben, und da ſein Geſicht, wie ſein ganzer Körper, eine ſchwammige Aufgedunſenheit erhalten hatte, noch mehr zu verſchwinden ſchien. Mein Ausruf verſcholl zwar in dem allgemeinen Gelächter, allein Abeken erſchrak doch ſehr in ſeinem regen Gefühl für das Decorum, ergriff mich beim Arme und raunte mir zürnend in's Ohr:„Aber ſo ſchäme Dich doch, ſolchen Unfug zu treiben!“— Mich focht das aber nicht beſonders an, denn in demſelben Augenblicke erſcholl ein noch lauteres Gelächter, da Zelter, der ſeine Freude daran hatte, die Streitenden noch mehr zu reizen, ausrief:„Wie ſollte der nicht Recht haben, der
iſt ja noch einmal ſo dick, als Fichte!“ Es hatte ſich nämlich auch Woltmann als Hiſtoriker in den Streit ge⸗ miſcht und, als Johannes Müller durch den von mir ſo bejubelten Ausſpruch Fichte's einen Augenblick zum Schwei⸗ gen gebracht war, einen Trumpf gegen Fichte ausgeſpielt. Woltmann war aber eine wahrhaft koloſſale Figur von einem enormen Umfange. Mit dieſem Ausruf Zelters und darauf folgenden allgemeinen Gelächter endigte der Streit und bald darauf auch, gegen ein Uhr, die ganze Geſellſchaft.
Da ich eben den Namen des Hiſtorikers Woltmann bei einer nicht gerade ernſten Veranlaſſuug genannt habe, ſo kann ich es mir nicht verſagen, etwas näher auf ſeine Perſönlichkeit einzugehen. Ein geborener Oldenburger, lebte er damals mit dem CTitel eines preußiſchen Hofraths in Berlin als Geſchäftsträger von Heſſen⸗Homburg, Bremen, Hamburg und Nürnberg, welche Stellung er wohl haupt⸗ ſächlich ſeiner Zeitſchrift über Geſchichte und Politik ver⸗ dankte, die nicht ohne Geiſt redigirt war. Auch war er in der Unterhaltung lebhaft und in gewiſſem Sinne geiſt⸗ reich und witzig genug, und zugleich machte er ſich ein angelegentliches Geſchäft daraus, uns jungen Leute an ſich zu ziehen, uns auf ſeinem Garten mit ausgeſuchten Weinen zu traktiren und Partien in die umliegende Ge⸗ gend mit uns zu machen. Dennoch machten ihn Eitelkeit und Selbſtgefälligkeit in unſeren Augen oft lächerlich. So verſicherte er einſt, er ſei in jüngern Jahren— er war damals in der Mitte der Dreißiger— ſo ſchlank und wohlgewachſen geweſen, daß er in Göttingen zu einem Studentenorden gehörte, der nur untadelig gewachſene Jünglinge aufgenommen habe.„Goethe“ fügte er hinzu, „hätte nicht darin aufgenommen werden können, der iſt nicht hoch genug geſpalten.“ Ein Seitenblick auf ſeinen die halben Schenkel bedeckenden Bauch erweckte in uns bedeutende Zweifel an der Wahrheit dieſer Schilderung. Am meiſten verdarb er es aber mit uns dadurch, daß er uns gegen die Philoſophie und namentlich gegen die Fichte'ſche einzunehmen ſuchte.„Sehen Sie nur die Sache genau au,“ ſprach er,„da iſt Scharfſinn genug, und manches Vorurtheil wird abgeſtreift, aber realer Gehalt iſt doch wenig darin. Ich kann Fichte nur den Lichtputzer der Zeit nennen!“—„Wißt Ihr, warum Woltmann Fichten den Lichtputzer der Zeit nennt,“ ſagte Abeken nach⸗ her zu uns,„das iſt, weil er ſich für das Licht der Zeit hält und von Fichte ſo oft Putzer bekommen hat!“ Das hatten wir oft in den Zuſammenkünften im Hufeland'ſchen Hauſe erlebt; es war eine gewiſſe Antipathie zwiſchen den beiden Männern, und Fichte in ſeiner Schärfe ſchonte Woltmann nicht. Jener witzige Ausſpruch Abekens hat ſpäter eine literariſche Anwendung gefunden. Woltmann, der damals in dem Hufeland'ſchen Kreiſe dem trefflichen Johannes Müller den Hof machte, kritiſirte nachher die Werke desſelben in einer ſeiner Schriften bitter und faſt wegwerfend. Im Verdruß darüber und in Erinnerung des in Berlin Erlebten nahm ſpäter Luden, als er Profeſſor in Jena war, die Gelegenheit wahr, in einer Kritik in ſeinem Journale„Nemeſis“ Woltmanns Schriften ſcharf mitzunehmen, ſeinen Mangel an Gründlichkeit auch aus ſeinem Widerwillen gegen Philoſophie herzuleiten und bei⸗ dieſer Gelegenheit die Anekdote aus unſerem Berliner Leben mit dem Lichtputzer der Zeit einzuflechten. Wolt⸗ manns hiſtoriſche Schriften über die Geſchichte Frankreichs Englands, Böhmens, die Reformation und den weſtphä⸗ liſchen Frieden entbehren nämlich ſehr der Gründlichkeit, obgleich ſie gut genug geſchrieben ſind. Seige freund⸗ ſchaftliche Verbindung mit dem Hufeland'ſchen Hauſe verdankte er wahrſcheinlich ſeiner Verheiratung mit der Tochter des mit jenem Hauſe befreundeten Geh. Raths Stoſch, der als Karoline von Woltmann bekannten ſehr fruchtbaren Schriftſtellerin.
Bei einem ſpäteren Berliner Aufenthalte traf Kohl⸗ rauſch auch mit Auguſt Wilhelm Schlegel zuſammen. „Der Geh. Rath Hufeland nämlich gab dem geſammten geiſtlichen Miniſterium ein Diner, zu welchem er auch noch


