Jahrgang 
1864
Seite
286
Einzelbild herunterladen

284 Feuilleton.

Waſſer in die Augen lockt, weiß er zu gebrauchen, wie wenige.*)

So war unſere Begegnung mit Goethe und dieſe ließ, wie ich kaum zu erwähnen brauche, einen ſehr wohlthu⸗ enden Eindruck bei uns zurück, um ſo mehr, als man von Goethe's Kälte und vornehmem Weſen ſo viel geredet hatte. Gegen uns hatte er ſich freundlich und natürlich, nicht herablaſſend, ſondern menſchlich wohlwollend gezeigt und mehr gethan, als wir irgend erwarten konnten. Ich ſehe ihn noch in ſeiner würdigen, die Harmonie des ganzen Weſens ausdrückenden Geſtalt und Haltung, mit dem an⸗ tiken ſchön geformten Kopfe, der hohen Stirn, dem ſpre⸗ chenden und doch wohlwollenden dunkeln Auge, dem zur anmuthigen Rede geſchaffenen Munde, den plaſtiſchen noch kräftigen Falten der Backen. Er ſtand in ſeinem ſechzigſten Jahre, alſo noch in der Kraft ſeiner geſunden Natur. Man konnte die Worte Napoleons beim Anblick Goethe's vollkommen begreifen:voilà un homme!

Wie verſchieden, und doch in ſeiner Art auch wohl⸗ thuend, war dagegen der Eindruck, den Wieland auf uns machte! Durch Hugo empfohlen und durch den Kanzler Müller, einen Freund der Beaulieu'ſchen Familie und dadurch auch mir wohlwollend, eingeladen, wohnten wir einer Geſellſchaft zu Tieffurt bei, wo wir auch Wieland fanden und ihm vorgeſtellt wurden. Der ſchon vom Alter ge⸗ bückte aber geiſtig noch lebhafte Greis empfing uns ſehr freundlich, ließ ſich gern in ein längeres Geſpräch ein, und ermuthigte mich dadurch, anknüpfend an Erzählungen der öffentlichen Blätter, auch ihn wegen der Zuſammen⸗ kunft mit Napoleon zu befragen, namentlich darnach, ob Napoleon ihn zum Sitzen genöthigt habe.Ach nein, war Wielands Antwort,ich mußte ſtehen und wurde am Ende ſo müde, daß meine alten Knie mich nicht mehr tragen konnten und ich um Entlaſſung bitten mußte. Uebrigens war Napoleon ſehr gnädig, ſprach über römiſche Geſchichte und Literatur, und behandelte mich auf eine Weiſe, die ganz darauf berechnet war, mich alten gut⸗ müthigen Schwaben zu gewinnen. Ich kann nicht anders ſagen, als daß er mich mit dem Ausdrucke der Achtung gegen das Alter, faſt wie einen Vater, behandelte. Er iſt unläugbar ein großer Mann, den man die Beſtimmung anſieht, die Welt zu regieren. Dies waren Wielands Aeußerungen, die mir das Gefühl gaben, daß Napoleon ihn geiſtig gefangen hatte, während Goethe, bei aller Anerkennung der Kraft und Feldherrngröße, ſich doch über dieſen Eindruck erhoben und die Freiheit ſeines Urtheils bewahrt hatte. Die weitere Unterhaltung mit Wieland war heiter und oft ſcherzhaft.

Von großem Intereſſe ſind auch die Schilderungen einer Reihe hervorragender Männer, welche Kohlrauſch als Student in Berlin kennen gelernt. Zur Charakteriſtik Fichte's, deſſen Vorleſungen er eifrig beſuchte diene die nachfolgende Skizze.

Einſt bat Fichte, ehe er ſeinen Vortrag begann, um die Erlaubniß, eine kurze Bemerkung vorausſchicken zu dürfen:Sie werden, meine Herren, ſprach er, vielleicht in einem hier erſcheinenden Blatte, Scherz und Ernſt, oder der Freimüthige genannt, ein Urtheil über meinen erſten Vortrag geleſen haben in dem Sinne, daß wohl ſchwerlich die Wahrheit durch unſere Unterhaltungen gewinnen werde, denn ich habe angekündigt, wir wollten die Dinge nicht

*) Der Verfaſſer erzählt dabei eine charakteriſtiſche Anekdote über Kotzebue, die er von Hufelands zweitälteſter Tochter hat. Dieſe war mit ihrem Vater in Pyrmont und ſaß mit dieſem und Kotzebue in einer Loge im Theater, als Kotzebue's Menſchenhaß und Reue aufgeführt wurde. Während der Vorſtellung einer rührenden Scene, die ſie nicht ſehr anzog, ließ ſie ſich mit einer Nachbarin in ein Geſpräch und ſogar leiſes Lachen ein. Da dreht ſich Kotzebue, der ein Hausfreund Hufelands war, zornig um und gebietet Ruhe; die Mädchen ſehen dabei, daß ihm die vollen Thränen über die Backen laufen.

von allen Seiten, ſondern nur von einer betrachten. Sie werden ſich aber erinnern, daß dieſes nicht meine Worte waren, ſondern daß ich ſagte, wir wollten ſpeku⸗ lative Philoſophie treiben, könnten uns daher nicht darauf einlaſſen, die Dinge von allen, auch den empiriſchen, Seiten zu betrachten, ſondern nur von einer, nämlich der rechten. Die letzten Worte ſind in der Kritik des Frei⸗ müthigen weggelaſſen. Ich berühre die Sache nur, um die Bitte daran zu knüpfen, daß, wenn einer meiner ge⸗ ehrter Zuhörer eine Mittheilung über unſere Unterhal⸗ tungen öffentlich auszuſprechen ſich gemüßigt ſehen möchte, er wenigſtens meine Worte wiedergeben möge, wie ich ſie wirklich geſprochen habe. Sofort erhob ſich auf einem der hinterſten Plätze der Kollegienrath Kotzebue, der währeud ſeines Aufenthalts in Berlin das genannte Unterhaltungsblatt gemeinſchaftlich mit dem bekannten Literaten Merkel herausgab, indem er ſein Blattder Freimüthige mit deſſenScherz und Ernſt vereinigt hatte, und ſprach mit etwas verlegenem blaſſem Geſichte, welches gegen das kräftige von Fichte doppelt abſtach: Es könnte ſcheinen, als rührte von mir, als Mitheraus⸗ geber des genannten Blattes, jenes Urtheil über Ihre erſte Vorleſung her, ich kann aber verſichern, Herr Pro⸗ feſſor, daß ich nicht den mindeſten Antheil daran habe. Man ſah während dieſer Rede ſchon die Ungeduld auf Fichte's Geſichte, und mit einer faſt abwehrenden und Schweigen gebietenden Bewegung der Hand verſetzte er: Und ich verſichere Sie, mein Herr Kollegienrath, daß ich bei meiner Bemerkung mit keiner Sylbe an Sie gedacht habe. Und darauf ſetzte er ſich und fing ſeinen Vor⸗ trag mit ſolcher Klarheit und Ruhe an, als wenn nichts vorgefallen wäre.

Eine andere Probe ſeiner Geiſtesgegenwart und Herr⸗ ſchaft über ſich ſelbſt erlebten wir bald nachher. Fichte wohnte am Kupfergraben, einem mit einer Mauer einge⸗ faßten, doch nicht ſehr tiefen Kanale. Als ich mit einigen Freunden den Graben entlang zur Vorleſung ging, ſahen wir an demſelben, Fichte's Wohnung gegenüber, einen Zuſammenlauf von Menſchen und gleich darauf ihn ſelbſt, von Waſſer triefend, einen Knaben auf dem Arme tra⸗ gend, auf einer Treppe aus dem Graben heraufſteigen. Er hatte aus ſeinem Fenſter den Knaben in's Waſſer fallen ſehen, war hinuntergeeilt und hatte ihn herausgezogen, indem er freilich ſelbſt bis an die Bruſt unter das Waſſer kam. Der Knabe war ohne Beſinnung, Fichte trug ihn in ein Zimmer ſeiner Wohnung und bat einen ſeiner Zu⸗ hörer, den Arzt Dr. Meyer(Mann der nachherigen be⸗ rühmten Künſtlerin in antiken Stellungen, Händel⸗Schütz), der in dieſem Augenblicke in's Haus kam, ſich der Wie⸗ derbelebung des Knaben anzunehmen, ging auf ſein Zim⸗ mer, zog ſich um und trat dann in die Verſammlung, welche die Nachricht erwartete, daß der Herr Profeſſor heute nicht leſen werde, und hielt ſeinen Vortrag mit der ruhigſten und geſammeltſten Haltung. Daß der Knabe indeß wieder zu ſich gekommen ſei, hatte der Dr. Meyer ſchon gemeldet.

Eine ſeltene Gaſtfreundſchaft genoß ich im Hufe⸗ land'ſchen Hauſe, mit welchem ich durch Luden und Biſchoff gleich anfangs in nähere Verbindung kam. Dieſes Haus bildete einen Mittelpunkt für Gelehrte, Künſtler, Kunſtfreunde, und verſchmähte es nicht, auch jüngere Männer, die auf keine Bedeutung Auſpruch machen konn⸗ ten, aber eine lebendige Empfänglichkeit für geiſtige An⸗ regung mit ſich brachten, zu dieſen Kreiſen heranzuziehen. Wenn dort auch nicht gerade allabendlich ein offenes Haus und eine größere Geſellſchaft zu finden war, ſo waren doch die näheren Hausfreunde jederzeit willkommen, und oft wurden auch größere und gemiſchtere Geſellſchaften gegeben, und immer war man gewiß, auch in dieſen ſehr intereſſante Menſchen zu finden. Fremde von Bedeutung in irgend einer wiſſenſchaftlichen oder künſtleriſchen Lei⸗ ſtung ſuchten dieſes Haus auf oder wurden von dem Haupte desſelben herangezogen. Hufeland ſelbſt gehörte zu den vermittelnden Naturen, welche, ohne ſelbſt ſehr