Jahrgang 
1864
Seite
285
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Feuilleton.

Menſchen die für ihn als Wohlthäter, als Freunde, als merkwürdige oder ſelbſt große Charaktere wichtig geworden ſind, zu hinterlaſſen, und ſodann ſeine thatſächlichen Er⸗ fahrungen aus ſeiner amtlichen Thätigkeit und die dadurch gewonnenen Anſichten über Unterricht und Erziehung für einen größeren Kreis niederzulegen. Dadurch iſt nun allerdings mitunter eine gemüthlich beſchauliche Breite der Erzählung entſtanden, die nicht für alle Leſer einen gleich⸗ mäßigen Reiz haben dürfte, allein man wird dafür auch wieder entſchädigt durch eine Mannigfaltigkeit von Lebens⸗ zügen eigenthümlicher Menſchen, von Erinnerungen an⸗ bedeutende Männer, mit welchen der Verfaſſer in nä⸗ here oder entfernte Berührung gekommen. Und in dem großen Zeitraume, den die Erinnerungen des Veteranen umfaſſen denn es ſind demſelben die Eindrücke der erſten franzöſiſchen Revolution, der blühendſten Periode der deutſchen Literatur, der Napoleoniſchen Zeit der Frei⸗ heitskriege der Schwankungen in den folgenden Jahr⸗ zehnten, der Revolutionen von 1830 und 1848 näher ge⸗ treten als vielen Anderen ſind ihm hervorragende Perſönlichkeiten in Menge auf ſeinen Lebenswegen be⸗ gegnet!

Der enge Raum, der unſeren Mittheilungen gezogen iſt, geſtattet uns nicht, dem ganzen Buche eine gleiche Aufmerkſamkeit zu widmen; es ſind übrigens auch die ſpäteren Theile desſelben in ihren Specialitäten weit mehr für den Fachmann als für das größere Publikum von beſonderem Intereſſe. Dagegen wird unſeren Leſern eine Reihe pikanter Scenen und Bilder aus der Jugendzeit des ehrwürdigen Autors ſicherlich recht anziehend erſcheinen, und wir beginnen deshalb ſofort mit einigen Mitthei⸗ lungen aus den Univerſitätsjahren des wackern Kohlrauſch, und zwar aus ſeinem Aufenthalte in Göttingen.

Im Frühjahr 1809 machten Kohlrauſch und Graf Baudiſſin, Hausfreunde bei dem berühmten Rechtslehrer Hugo geworden, mit dieſem in den Pfingſtfeiertagen einen Ausflug nach Weimar und Jena, um ſich durch ihn mit Goethe und Wieland bekannt machen zu laſſen. Ueber den Verlauf dieſer intereſſanten Tour berichtet Kohlrauſch Folgendes. In Weimar angekommen erfuhren wir, daß Goethe, wie gewöhnlich im Anfang des Sommers, ſeinen Aufenthalt in dem vom Geräuſche des Hofes ent⸗ fernten, ſtilleren Jena genommen habe, und begaben uns daher ebenfalls dorthin. Außer der gewichtigen Protek⸗ tion von Hugo hatten wir uns aber noch mit anderen Empfehlungsmitteln bei Goethe verſehen, die vielleicht noch wirkſamer waren. Als Zuhörer in einigen Vorle⸗ ſungen von Sartorius über Politik und Finanzwiſſen⸗ ſchaft waren wir auch mit dieſem Profeſſor näher bekannt geworden und erhielten von ihm zur Ueberbringung an Goethe die isländiſche Nibelungen⸗Sage(Niflunga Saga) von der Göttinger Bibliothek mit auf die Reiſe und da⸗ neben noch, als freundliche Zugabe, einen ſehr ſchön ge⸗ ſtrickten ſeidenen Geldbeutel von der Frau Hofräthin, die ſich ebenfalls der Gunſt Goethe's erfreute. So ausge⸗ rüſtet zögerten wir nicht, uns bei Goethe melden zu laſſen, und wurden nicht nur angenommen ſondern auch, nachdem ich ihm den Folianten und Baudiſſin den Geldbeutel überreicht hatte, mit einem ſehr freundlichen Danke be⸗ glückt. Ja, Goethe ging in ſeiner Artigkeit ſo weit uns, da er in ſeinem Junggeſellenlogis im Jenaer Schloſſe keinen geſellſchaftlichen Raum habe, auf den Mittag nach dem Eſſen um 2 Uhr zu einem Rendezvous auf dem Mineralienkabinet einzuladen, wo er gern Fremde zu empfangen pflege. Hugo ſollte natürlich mit eingela⸗ den ſein..

Wir beeilten unſer Eſſen, um den rechten Augenblick nicht zu verſäumen. Hugo fand aber keine Zeit, ſeine gewohnte Nachmittagsruhe zu halten, und ging etwas ſchläfrig und verdroſſen mit uns. Der Anblick ſeines Zuſtandes weckte in Goethe ſogleich die Luſt zum Necken und er forderte daher Hugo nach der erſten Begrüßung auf, einen kritiſchen juriſtiſchen Fall zu entſcheiden.Ich habe, ſagte er,eine Partie ſeltener Gypsabgüſſe von

Antiken aus Dresden verſchrieben; die Kiſten kommen an und das Beſte darin iſt zerbrochen. Wer ſoll nun den Schaden tragen? Natürlich Sie, der Beſteller, war die

Antwort.Aber mein Gott, ich, der unſchuldigſte Mann Nan dem ganzen Unglücke, ſoll die zerbrochenen Scherben als heil bezahlen? Ihr Inriſten ſeit doch das wunder⸗

lichſte Volk auf der Welt!Ja, das römiſche Recht verfügt es ſo, wenn Sie nicht beweiſen können, daß der Abſender die Sachen ſchlecht verpackt, oder der Fuhrmann Fehler gemacht hat, ſo müſſen Sie bezahlen; Sie waren von dem Angenblicke der Abſendung an Eigenthümer der beſtellten Sachen. Goethe gab ſich aber nicht zufrieden, ſondern neckte Hugo mit humoriſtiſchen Einwendungen, bis dieſer durch ſeinen juriſtiſchen Eifer ganz lebendig geworden war und nun nahm die Unterhaltung einen andern Verlauf. Es war die Zeit der erſten Kämpfe zwiſchen Franzoſen und Oeſterreichern in den Donauge⸗ genden in dem Kriege von 1809, und wir jungen Leute waren von der Erhebung des öſterreichiſchen Volkes und den Proklamationen des Erzherzogs Karl mit begeiſtert. Meine rege politiſche Theilnahme datirt von dieſem Kriege von 1809. Am Tiſche in unſerm Gaſthofe wollte man von großen Siegen der Oeſterreicher Nachricht haben und daß die Leichen der Franzoſen bis nach Wien geſchwom⸗ men ſeien. Wir gaben unſere Nachrichten mit Lebhaftig⸗ keit zum Beſten.Ja, ja, bemerkte Goethe mit Kopf⸗ ſchütteln,es iſt endlich einmal gut eingeheizt bei uns Deutſchen, es kommt nur darauf an, wie lange das Holz vorhält. Sehen Sie, wenn Sie in einer Geſellſchaft ſind, in welcher ein alter Jude ein Taſchenſpieler ſeine Kunſt⸗ ſtücke macht und verkündigt, er wolle Ihre Uhr in einem Mörſer zerſtoßen und ooch wieder heil machen, ſo werde ich wetten, daß er es fertig bringt. So habe ich auch bis jetzt auf Napoleon gewettet, er verſteht es doch beſſer als die andern. Dieſer Vergleich, der gerade nicht von der Verehrung zeugte, die Goethe gegen Napoleon hegen ſollte, veranlaßte mich Goethe zu fragen, ob Na⸗ poleon bei der Zuſammenkunft in Erfurt im Jahre 1808 ihm wirklich eine treffende Bemerkung über den Werther gemacht habe, wie man erzähle. Goethe erwiederte: Allerdings hat er mir eine ſolche Bemerkung gemacht, die von feinem Urtheil zeugte. Ich kann ſie nur damit vergleichen, will ein Frauenzimmer eine Naht beur⸗ theilen, ob ſie fein und gleichmäßig genäht iſt, ſo prüft ſie dieſelbe nicht mit den Augen allein, ſondern ſie läßt ſie langſam durch den Daumen und Zeigefinger gleiten. Von einer ſolchen Prüfung zeugte Napoleons Bemerkung über einen Zug im Werther. Damit brach er dieſe Unter⸗ haltung ab und ſchlug uns vor, ihn ſpäter bei einem Spaziergange in den botaniſchen Garten zu treffen. Hugo trennte ſich von uns, vielleicht um doch noch ſeiner Nach⸗ mittagsruhe ihr Recht zu gönnen, und wir andern gingen zur verabredeten Zeit in den botaniſchen Garten, wobei ſich auch mein Freund Abeken, der damals als Lehrer der Schiller'ſchen Kinder in Weimar lebte und mit uns nach Jena gefahren war, uns anſchloß; er war in ſolcher Weiſe mit Goethe bekannt, daß er es thun durfte. Wir trafen Goethen ſchon im Garten auf⸗ und abgehend, mit einer einfachen Blume in der Hand, die er betrachtete, vielleicht über das große Geſetz der Metamorphoſe ſinnend, welches er ſo tiefſinnig entwickelt hat. Nach einigen Gän⸗ gen im Garten ſetzte ſich Goethe mit uns auf eine Bank und ließ ſich auf Geſpräche über literariſche Erſcheinungen ein. Die Rede kam auf Kotzebue und wir glaubten, in Goethe's Sinne zu reden, wenn wir Kotzebue's Leichtfer⸗ tigkeit und Seichtigkeit mit möglichſt ſcharfen Worten tadelten.Nun, nun, Ihr jungen Leute, nur nicht gleich das Kind mit dem Bade ausgeſchüttet! unterbrach er unſere beredten Auslaſſungen.Wenn dieſer Kotzebue den gehörigen Fleiß in der Ausbildung ſeines Talents und bei der Anfertigung ſeiner dramatiſchen Sachen an⸗ gewendet hätte, ſo konnte er unſer beſter Luſtſpieldichter werden. Und auch das Sentimentale hat er in ſeiner Gewalt. Die Zwiebel, mit welcher man den Leuten das

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