282 Feuilleton.
Bei ſeinem Anblicke lief ein Murmeln durch die Ver⸗ ſammlung.
Er war aber auch, leider! ſchon ſehr verändert.
Ohne aber dieſes Murmeln zu beachten:
„Meine Herren,“ ſagte er,„Sie wiſſen noch nicht den Beweggrund, der mich Sie hat zuſammenberufen laſſen.
Sie ſollen es ſogleich erfahren.
Sie ſind alle, mehr oder weniger, Aktionäre der großen Geſellſchaft geweſen, welche ich vor fünfzehn Jahren gebildet hatte, und die nach einiger Zeit in die Brüche ging.
Sie haben alle die Kapitalien verloren, welche Sie in dieſes Geſchäft hineingeſteckt hatten.
Ich allein habe dabei heimlichen Profit realiſirt...
Ich bitte Sie, unterbrechen Sie mich nicht.
Dieſer Gewinn belief ſich, wie es hier die beigefügten Rechnungen bezeugen auf die Totalſumme, ſammt Zin⸗ ſeszinſen, von 1,230.475 Franken.
Dieſe 1,230·475 Franken werden bei meinem Notar niedergelegt werden, der die Vertheilung übernehmen wird.
Das iſt alles, was ich Ihnen zu ſagen hatte, meine Herren.“
V.
Den dritten Tag griff er zur Feder und ſchrieb: „An die hochgeborene Frau Gräfin von B... Madame!
Ich war, wie Sie wiſſen, auf dem Punkte, Ihre reizende Tochter zu heiraten.
Dieſe unvernünftige Heirat— denn ſie iſt achtzehn Jahre alt und ich zweiundfünfzig— wäre das Unglück des armen Kindes geweſen, ſie wäre einer ſchmachvollen Rechnung zum Opfer gefallen.
Ich entſage, Madame, der Hand Ihrer Tochter, wobei ich Sie bitte an meiner Statt meinen Mündel in Gnaden aufzunehmen, einen Burſchen von Herz und Talent, einen zukünftigen Künſtler, dem ich heute ſelbſt eine Mitgift von einer Million ausſetzte.
Genehmigen Sie, Frau Gräfin
die Verſicherung meiner ergebenſten Hochachtung.“
VI. Den fünften Tag... Den ſechsten Tag... Den ſiebenten Tag... Epilog.
Neinunddreißig Tage waren verfloſſen.
Der Unglückliche, welcher ſeine Angelegenheiten ge⸗ ordnet hatte, ſagte:
„Ich ſchulde Niemandem einen Heller mehr... Ich habe gerade nur ſoviel behalten, um mein Begräbniß zu bezahlen... Ich kann ruhig ſterben... Gehen wir in die Stadt, um da meinen Leichenzug ſelbſt anzuordnen.”“
Und er ging.
Als er aber vor dem Rathhauſe vorbeiſchritt, an der Thüre eines Fleiſchers, bemerkte er— wäre es möglich!.. Ja! er iſt es richtig, der Hund... der Hund mit dem enormen rothen Fleck auf dem Rücken, mit dem Haar ſo rauh wie Roßhaar.
„Wie.. der... ich... dieſer Hund..
„Er gehört mir, Herr, ein braves Thier, das ſich vor fünf Wochen verlaufen hat, und das man mit Stein⸗ würfen verfolgte. Aber es hat Gott ſei Dank wieder ſeinen Weg nach Hauſe gefunden Nicht wahr, Medor?“
Der Hund mit dem enormen Fleck kam ſeinem Herrn die Hand lecken.
„Und... und... und er iſt nicht toll?“ ſtam. melte der gebiſſene Mann, der purpurroth geworden war.
„Toll? lächerlich das!“
„Ach! mein Gott!“
Aus den JIugenderinnerungen eines deutſchen Schulmanns.
Wenn bis auf die neueſte Zeit herab die deutſche Literatur in Bezug auf Menge und Gehalt der Memoiren hervorragender Männer einen nur ſehr untergeordneten Rang einzunehmen berufen war, ſo ſcheint ſie gegen⸗ wärtig immer mehr beſtrebt zu ſein, dieſes ihr Verhältniß zu anderen Literaturen nach Kräften zu verbeſſern. Der Mangel an berechtigtem Selbſtgefühl und geſundem Egoismus, der jene Armuth an deutſchen Memoiren wohl hauptſächlich verſchuldet hat, beginnt ſichtlich mehr und mehr zu verſchwinden, die hervorragenderen Geiſter der Nation faſſen leichter als jemals vorher den Muth, den Gang des eigenen Lebens, die Erfahrungen einer ereigniß⸗ und thatenreichen Vergangenheit zur Nutz und Frommen der Mit⸗ und Nachwelt zu ſchildern und⸗ mit dieſer Schilde⸗ rung vor die Oeffentlichkeit zu treten und ſo erwächſt uns allmälig durch dieſe Memoiren eine ſo bedeutende und werthvolle Fülle von Beiträgen zur Kulturgeſchichte unſers Volks und zur Geſchichte der Geiſtesentwicklung einer be⸗ ſtimmten Zeit, daß wir dieſe Gattung von Schriftwerken als unentbehrlich für die Specialgeſchichte und für die Kenntniß des ſittlichen und geſellſchaftlichen Lebens be ſtimmter Zeitabſchnitte mit wohlverdienter Achtung und Dankbarkeit entgegenzunehmen die Pflicht haben.
Eine der neueſten literariſchen Erſcheinungen dieſer Gattung ſind die„Erinnerungen aus meinem Leben von Fr. Kohlrauſch, königlich hannöverſchem Generalſchuldirektor“(Hannover, Hahn). Der deutſchen Lehrerwelt wie einem großen Theile der deutſchen Jugend iſt der Name des Verfaſſers ein wohlbekannter, da die Umgeſtaltung des höheren Schulweſens in Deutſchland eng mit demſelben verknüpft iſt, die von ihm herausge⸗ gebenen Schulbücher aber in weiten Kreiſen ſich hohe und dauernde Geltung errungen haben. Es iſt ein langes, ſchönes, durch vielſeitiges glückliches Wirken reich geſegnetes Leben, das ſich hier vor uns aufrollt. Kohlrauſch hat nicht auf den glänzenden Höhen geſtanden, von welchen herab die Völker regiert werden, noch ſich in der Literatur zu einem Range aufzuſchwingen vermocht der ihn den erſten Geiſtern der Nation ebenbürtig machte; aber in ſeinem beſcheidenen Lebensgange hat er ſich ſtets als ein Mann von unabläſſiger redlicher Thätigkeit, von feſtem Willen und ehrenhaftem Charakter gezeigt, und in ſeinem der Volksbildung gewidmeten Berufe hat er ſo bedeu⸗ tende Verdienſte um die wahre Volkswohlfahrt ſich er⸗ worben, daß, wenn die Summe ſeines Wirkens und Schaf⸗ fens gezogen werden ſollte, er ſich des Vergleichs mit manchen gefeierteren Namen durchaus nicht zu ſchämen hätte. Ernſte Pflichttreue, beſonnene Selbſtbeſchränkung auf den Bereich des einmal erwählten Berufs, maßvolle Auffaſſung der Pflichten und Rechte desſelben nach allen Richtungen hin,— das waren die feſten Grundpfeiler der langen ſegensreichen Thätigkeit des nun dreiundachtzig⸗ jährigen Mannes, und jetzt am Abend eines ſchönen Lebens, darf der von der mühevollen Arbeit faſt zweier Menſchenalter ausruhende Greis mit dankbarer Befriedi⸗ gung auf die hinter ihm liegenden Jahrzehnte zurückblicken.
Kohlrauſch hatte im Winter von 1860 auf 1861 in manchen Abendſtunden einem Kreiſe ſeiner Enkel Erinne⸗ rungen aus der Jugend zu erzählen angefangen, und als er dabei immer weiter auch in ſpätere Zeiten verrückte, ſo brachte ihn ihre lebendige Theilnahme und ihr ausge⸗ ſprochener Wunſch zu dem Vorſatze, das Erzählte nieder⸗ zuſchreiben. Er that dies faſt nur aus dem Gedächtniſſe da er kein Tagebuch gehalten und ſelbſt Briefe und Do⸗ kumente über manche Lebensereigniſſe nicht aufbewahrt hat. Seine Darſtellungen ſollten den doppelten Zweck erfüllen: einmal ſeiner Familie und ſeiunen näheren Freunden ein Denkmal ſeiner perſönlichen Schickſale von der erſten Jugend an, ſowie das Andenken an diejenigen
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—Si—


