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Pariſer Humoresken. Nach dem Franzöſiſchen von Léon Grellepois.
XXIII. Die vierzig Tage.
Prolog.
M Es war an einem Morgen des vergangenen Monates gi.
In einer dürren Ebene, mehr als drei Stunden von jedweder menſchlichen Behauſung entfernt.
Als einzige Perſonnagen des Drama's, das ſich ent⸗ wickeln ſollte, ein Hund und ein Mann.
Der Hund verſtört, die Zunge herausgeſtreckt, die Augen funkelnd, die Schnauze in einen flockenartigen Schaum eingehüllt.
Ein Koloß übrigens.
Hochbeinig, das Haar rauh wie Roßhaar, auf dem Rücken einen enormen rothen Fleck, den durch ſeine ſonder⸗ bare Zeichnung ſein Beſitzer hätte unter Tauſenden wieder⸗ erkennen müſſen.
Der Mann, gegen fünfzig Jahre alt, ländliches Koſtüm eines Gutsbeſitzers, ohne Waffen, ohne ſelbſt einen Stock, ohne irgend mögliche Beihilfe.
Der Hund ſah den Mann, der Mann ſah den Hund.
Der Mann fing an zu laufen; der Hund ihm nach, holte ihn ein, warf ihn mit einem Satze zu Boden— und ſtieß ihm ſeine Spitzzähne grade in's dickſte Fleiſch hinein; worauf er ſeinen unſtäten Lauf wieder fortſetzte und bald am Horizonte verſchwand.
Was den Mann anbetrifft, nun— nachdem er müh⸗ ſelig wieder aufgeſtanden, ſeine blutende Wunde angeſehen, und einige Augenblicke überlegt hatte:
„Niemand!... Ich brauche gute dritthalb Stunden nach Hauſe, es wird zu ſpät ſein, und der Giftſtoff wird in meinem ganzen Körper ſein.“
„Es iſt aus Ich bin toll!... ⸗
I.
Der Mann, den wir im vorhergehenden Prolog haben figuriren ſehen, war einer der reichſten Schloßherren des Departements..
Reich geworden in Paris durch zweidentige Spekula⸗ tionen und verdächtige Händel, hatte er zu niedrigem Preiſe eine Beſitzung erworben, an deren Werth er durch geſchickte
Manöver zu glauben es verſtanden hatte.
Launig, proceßſüchtig, knauſerig, in Aller Rechte Ein⸗ griffe machend, war er die Peſt der Gegend.
Als man aber auch den Unfall erfuhr, der ihm zu⸗ geſtoßen, war die Aufregung nicht eine ſolche, wie ſie es geweſen wäre, wenn es ſich um jemanden Andern gehan⸗ delt hätte.
Was ihn ſelbſt anbetrifft, ſo hatte er, als er nach Hauſe in ſein Schloß gekommen war, einfach den Arzt der Gemeinde rufen laſſen.
„Ich bin von einem tollen Hunde gebiſſen worden.“
„Aber 7
„Es find ſeither wenigſtens fünf Stunden... Ja, ich weiß, was Sie mir ſagen wollen: man kann verſuchen, die Wunde auszuätzen... mich leiden laſſen umſonſt.“
Erinnerungen. 88. Bd. 1864.
Feuilleton. eS
„Es iſt wahr, daß nach Verlauf dieſer Zeit zu be⸗ fürchten wäre....“
„Es genügt.. Vollenden Sie nicht, ich habe ver⸗ ſtanden. Wie viel Zeit meinen Sie, daß mir noch übrig bleibe vor... der Kataſtrophe?“—
„Vierzig Tage höchſtens.“
„Vierzig Tage, es ſei. Das iſt Alles, was ich wiſſen wollte. Doktor, wenn ich Sie nicht wiederſehen ſollte, ſo ſage ich Ihnen Adieu.“
Dann, als er allein war:
„Vierzig Tage!“.. ich habe ſomit keine Minute zu verlieren, um alles Uebel, welches ich verurſacht habe, wieder gut zu machen. An die Arbeit!“
II.
Gleich des andern Tages ſehr frühe begab er ſich zu ſeinem Nachbar rechts.
„Herr †rrr, ich komme, um mit Ihnen hinſichtlich des Proceſſes zu ſprechen, welchen...“
„Entſchuldigen,“ unterbrach ihn der Nachbar mit einer hochmüthig verachtenden Miene,„Sie haben gewonnen, und ziemlich ungerecht, wie ich glaube, aber Sie haben gewonnen; erſparen Sie mir wenigſtens die Sorge, mich mit Ihnen in ein Geſpräch einzulaſſen.“
„Herr F†rxr, laſſen Sie mich vollenden. Ich habe in der That meinen Proceß gewonnen, aber nur darum, weil ich die Gerechtigkeit durch lügneriſche Behauptungen irre leitete. Die Grundſtücke, welche den Gegenſtand des Streites bildeten, waren wirklich von Ihnen erworben und gehören Ihnen.“
„Wie?“
„Erlauben Sie, daß ich Ihnen hier beigeſchloſſen die gehörig dinaliſiten Beſitz⸗Urkunden übergebe.“
„Aber... ⸗
„Oh! danken Sie mir nicht,— und entſchuldigen Sie mich, daß ich Sie ſo über Hals und Kopf verlaſſe. Ich habe ſo viel zu thun!“
III.
Den Tag darauf war es der Nachbar links.
„Herr Brrx,“ ſagte der Unglückliche,„ich habe Ihnen die Villa, welche meinen Park von dem Ihrigen trennt, und zu deren Beſitzer ich mich unter der Hand gemacht hatte, um einen Schinderpreis verkauft.
Dadurch habe ich Sie um zwanzig tauſend Franken gebracht.“
„In welcher Abſicht, Herr, geben Sie mir ſo ver⸗ trauliche Erklärungen?“
„In der ganz einfachen Abſicht, Sie zu bitten, die Wiedererſtattung dieſer zwanzig tauſend Franken anzu⸗ nehmen, die ich Ihnen hier baar bringe.“
„Ich weiß wahrlich nicht, ob ich...“
„Laſſen Sie mich nicht warten, Herr Bv*r*, ich habe keine Zeit. Hier ſind die zwanzig tauſend Franken. Zür⸗ men Sie mir nicht, das iſt alles, um was ich Sie bitte.“
IV.
Den dritten Tag ſah man in das Schloß des Opfers drei Wagen voll unbekannter Leute kommen.
Alle wurden in den großen Salon eingeführt, wo der Herr des Schloſſes auch alſobald erſchien.
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