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Literatur und Kunſt.
den Bauernchaiſe*) mit vergoldeten Rädern. Wenn er auf dieſem leichteſten und eleganteſten aller alt⸗ und neumodiſchen Fahrzeuge, mit ſeiner aufgeputzten Frau zu einer Bauerkirmeß fährt, und es ihm gelingt, durch ſchreckliches Ziehen am Maule ſeines Pferdes, denn die Peitſche gebraucht er niemals, ſeinem Nachbar vorbei zu fahren, ſo fühlt er das höchſte Vergnügen, an das der Abtswouderbauer nicht gedacht hat, als er ſich freute am
Aepfel ernten, Birnen pflücken,
Mähen, Schneiden, Scheun und Schober Voller Feldgewächſe ſtapeln,
Schafe ſcheren, Euter drücken u. dgl. m
Literatur und Kunſt.
— Eine„populäre Aeſthetik“. Die werthvollen Dar⸗ ſtellungen der„Wiſſenſchaft vom Schönen“, wie wir ſie aus der Feder Jean Paul's, Weiße's, Viſcher's, Carriere's u. A. beſitzen, kommen ſtrenggenommen nur den Fach⸗ gelehrten, den Philoſophen von Beruf zu Gute. Um ſo mehr begrüßen wir ein populär gehaltenes Werk über Aeſthetik. Dr. Carl Lemcke's„populäre Aeſthetik“(Leipzig, Seemann— erſte und zweite Lieferung, die dritte und letzte ſoll Ende Oktober erſcheinen) reiht ſich den dankens⸗ werthen Beſtrebungen der jüngeren Gelehrtengeneration an, die Wiſſenſchaft aus den Feſſeln philoſophiſcher Dia⸗ lektik zu befreien, ſie dem Leben zu nähern, das Gebiet des Abſtrakten mit der wirklichen Welt in eine für beide Theile fruchtbringende Beziehung zu ſetzen. Wollten wir ausführlich auf Lemcke's Buch eingehen, ſo würde uns das bei ſo wichtigem wiſſenſchaftlichen Stoff freilich allzu weit und tief in ein dieſen Blättern ferner liegendes Ge⸗ biet bringen. Wir können hier alſo nur dem ſchönen Werke unſere wärmſte Empfehlung mit auf den Weg in die Oeffentlichkeit geben.
— Eine neue Gabe von Leopold Kompert. Nach längerem Zeitraum begrüßt Leopold Kompert, der be⸗ rühmte Verfaſſer der Erzählungen„aus dem Ghetto“, wieder die zahlreichen und aller Orten zu findenden Freunde ſeiner Muſe mit einer größeren Schöpfung, be⸗ ſtehend in zwei Bänden Novellen, denen er den Titel „Geſchichten einer Gaſſe“ verliehen hat. Damit iſt denn ſchon angedeutet, daß auch dies neue Werk ſich in ſpeciell jüdiſchen Sphären halten wird. Wir freuen uns deſſen, weil es das eigenſte Bereich des Kompert'ſchen Talentes iſt. Kein Anderer unſerer Erzähler hat ſo wie er zu zeigen verſtanden, welche Fülle von Gemüth, welche Welt von Idealen auch bei jenen ſcheinbar nur auf dem realſten Boden fußenden Exiſtenzen zu finden iſt, wie innig in dieſen ſo verkannten Bewohnern der„Gaſſe“ die Bezie⸗ hungen der Familie, wie heilig die Traditionen ſind und wie unantaſtbar die Pietät für Dahingeſchiedene. In der neuen Sammlung wird Kompert außerdem uns wahr⸗ nehmen laſſen die Kämpfe, welche der unaufhaltſam ſich Bahn brechende Fortſchritt auf politſchem und ſocialem Gebiet der„Gaſſe“ bereitet, das Ringen des Altherge⸗ brachten mit der modernen Anſchauung, die Gegenſätze, welche die applanirende Gegenwart im Schoß der Ge⸗ meinde, in der Familie ſelbſt gewaltſam hervorruft. Die einzelnen jener„Geſchichten einer Gaſſe“ werden lauten:
*) Ein kleiner ſehr leichter Wagen auf hohen Rädern mit einem Sitze, von dem aus der Bauer fährt, während ſeine Frau neben ihm ſitzt und ihn oft umfaſſen muß, will ſie ſicher ſein, nicht herauszufliegen. So fahren ſie in langen Reihen und ſchnellſtem Trabe, denn das Gefährte iſt leicht, das Pferd ſtark und jung und der Weg vortrefflich.
„Die Jahrzeit“,„Die Seelenfängerin“,„Die Augen der Mutter“,„Gottes Annehmerin“,„Chriſtian und Lea“, „Die beiden Schwerter“ und„Der Karfunkel.“ Das Er⸗ ſcheinen der Sammlung iſt uns für Oktober verheißen und werden wir alsbald darüber Näheres berichten.
— Lebailly †. In Paris iſt vor einigen Wochen der Dichter Armand Lebailly, der begeiſterte Anhänger, Schüler und Biograph Ginſeppe Moreau's, im Spital Necker ge⸗ ſtorben. Die Pariſer Literatengeſellſchaft erfuhr es erſt, nachdem er in die Gemeindegrube geworfen war, daß er im Spital geweſen und da geſtorben. Sie veranlaßte die Ausgrabung der Leiche und ſchickte ſie in ſeine Heimat, die Normandie. Armand Lebailly war noch ſehr jung und hat ſich durch ſeine Dichtung:„Italia mia“ und noch einen andern Band Poeſien bekannt gemacht.
— Die Renovatian der Stiftskirche zu Gernrode. Dieſe Kirche iſt eines der älteſten chriſtlichen Baudenkmale Deutſchlands. Das Städtchen liegt bekanntlich im Harz und gehört zum Bernburgiſchen Lande. So war es denn die Herzogin⸗Regentin von Bernburg, welche noch bei Lebzeiten ihres Gemals jene Renovation begann. Nach⸗ dem aber nun das ganze Anhaltiſche Gebiet wieder unter einer Krone, der von Deſſau vereinigt iſt, hat der Herzog von Anhalt verordnet, daß die Wiederherſtellung der Gernroder Stiftskirche unter Leitung des Geheimrath Quaſt bis zum Mai 1865, wo dann ihr 900jähriges Ju⸗ biläum gefeiert werden kann vollendet ſein ſoll.
— Ein Gemälde als Geſchenk für den Grafen Berg. Die Ruſſen im Königreich Polen, und zwar vornehmlich, wie man ſich leicht denken kann, die Militärs, veranſtalten unter ſich eine Subſkription, um dadurch die Mittel für ein Ehrengeſchenk an den Grafen Berg zu gewinnen. Der Maler Charlemagne in Warſchau ſoll das bekannte Atten⸗ tat auf Jenen(am 19. September vorigen Jahres) bild⸗ lich darſtellen. Etwaige Ueberſchüſſe ſollen den Witwen und Waiſen der im Kampfe gegen die Inſurgenten Ge⸗ fallenen zu Gute kommen.
— Ernſt Reſch †. Am 26. September verſchied plötzlich an einem Gehirnſchlag. in Breslau, der Profeſſor der Malerei Ernſt Reſch. Er war 1808 in Meißen geboren und Schüler der Dresdner Akademie. 1840 kam er in die Hauptſtadt Schleſiens, wo er ſeitdem als Porträtiſt hochgeſchätzt wohnen blieb.
— Die Marſeillaiſe vor Gericht. Ein Verwandter— von einer Seite heißt es beſtimmter: der Sohn— Rouget de l'Isle's hat den Herausgeber der„Biographie univer- selle des musiciens“, Fétis, vor Gericht deßwegen belangt, weil er in der neuen Auflage jenes Werkes dem Vorge⸗ nannten die Autorſchaft der Kompoſition zur„Marſeillaiſe“ abſpricht. Der Klageſteller will durch unwiderlegliche Do⸗ kumente nachweiſen, daß Rouget de l'Isle und kein An⸗ derer der Komponiſt geweſen ſei.
— Das Quartett der Gebrüder Müller auf Reiſen. Das bisher in der Kapelle des Herzogs von Meiningen engagirte berühmte Streichquartett der Gebrüder Müller wird dieſe feſte Stellung demnächſt aufgeben und fortan ſich ſtets auf Kunſtreiſen befinden. Begleitet und in ihren Koncerten unterſtützt werden die vier Herren durch die Gattin des Einen, die renommirte Sängerin Berghaus.
— Zwei Stücke von Fritz Pichler. Der Direktion des Thaliatheaters in Gratz ſind zwei neue Werke aus der Feder des Dr. Fritz Pichler zur Aufführung übergeben worden. Das eine unter dem Titel:„Brockmann“ ſchil⸗ dert die Erlebniſſe des bekannten großen Schauſpielers, das andere iſt ein einaktiges Luſtſpiel, genannt:„Robinſon.“
— Ein Volksſtück:„Andreas Hofer.“ Der in Wien lebende Enkel des Sandwirths von Paſſeyer, Herr Karl Edler von Hofer, arbeitet, wie das„Fremdenblatt“ ſchreibt, gegenwärtig im Verein mit dem Schriftſteller Th. L. Da⸗ nis an einem Volksſtück:„Andreas Hofer“, wozu bisher unbekannte Familientraditionen benutzt werden ſollen.


