Jahrgang 
1864
Seite
281
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Auflagen orden

Hildebrand: Niederländiſche Charaktere. 279

nen angefüllt. Die Letzteren drehen ſich auf den Vor⸗ plätzen der Goldſchmiede umher, oder ſtrömen unter lautem Geſpräche in die Koekläden*) hinein und heraus, aus vollem Munde lachend und ſich bei jedem Aus⸗ bruche des Bäuerinnenwitzes auf die Knie klopfend.

Am ſtärkſten iſt aber das Gedränge auf dem Waagplein, wo die kleinen gelben Käſe in langen Rei⸗ hen, mit der Namenschiffer des Eigenthümers verſehen, zu tauſenden von Pfunden liegen. Alles, was man da ſieht, muß vor dem Glockenſchlage zwei verkauft ſein. Nach dieſer Stunde darf kein Kauf mehr abgeſchloſſen werden und kein Bauer kann oder will ſeine Käſe wie⸗ der mit zurücknehmen. Er muß ſie verkaufen, wie der Kaufmann ſeinerſeits ſie aus erſter Hand kaufen muß. Den höchſten Preis zu machen, iſt eine Kunſt, die mancher Bauer, der gar dumm ausſieht und es auch in allen anderen Beziehungen in nicht geringem Maße iſt, ausgezeichnet verſteht. Komiſch iſt der erkünſtelte Zorn, in dem gefordert und geboten und endlich der Kauf geſchloſſen wird, wenn ſich beide Parteien mit in⸗ grimmigen Geſichtern glauben zu machen ſuchen, ſie würden bis auſ's Blut gedrückt. Dann aber kom⸗ men die Käſeläufer in ihren weißen Anzügen mit gel⸗ ben, grünen und rothen Hüten, um im unveränderlich langſamen Trabe die verhandelte Waare dahin zu bringen, wohin ſie kommen muß, in's Schiff oder in's Packhaus.

Seht, das iſt nun die Lebenskraft Nordhollands. Kein anderer als dieſer Käſe vertheidigt es gegen die Wuth der See, macht es zumgrünen Lande und er⸗ hält es als ſolches, und läßt alle nordholländiſchen Schornſteine rauchen. Wollt ihr wiſſen, ob es dem Bauer gut geht? ſo fragt nach den Käſepreiſen. Fragt ihr, ob der Klingelbeutel am Sonntage merkt, daß der Freitag vortheilhaft war? Ob der Grundherr inne wird, wie hoch der Käſe das ganze Jahr im Preiſe ſtand? Die Antwort iſt: Nein! Goldſchmiede und Kuchen⸗ bäcker merken es wohl, Bauernkirmeß und Alkmaarkir⸗ meß floriren dadurch. Denn die Frau liebt Putz und Süßigkeiten und der Bauer verſteht es, großes Geld zu verzehren, wenn er zu ſeinem Vergnügen ausgeht. In dem Regenjahre 1841 fiel die Heuernte bitter ſchlecht aus, als aber die Kirmeßglocke von Alkmaar läutete, kamen darum doch nicht weniger Chaiſen und Wagen auf allen Wegen und zu allen Thoren herein, mit Bauern und Bäuerinnen beladen, die ſich den rothen Wein mit Zucker, den weißen und was ſonſt noch Alles zur Schärfung der Lebensgeiſter auf den Tiſch gebracht werden kann, und dazu den Pfundkuchen nicht weniger gut als im vorhergehenden Jahre ſchmecken ließen. Auch der Cirkus wurde nicht minder fürchter⸗ lich von ihrer unbeſchränkten Bewunderung der edlen Halsbrecherkunſt und der unübertrefflichen Späße des Clowns, der wie ein Stock umfällt, erſchüttert. Die Klagen wurden bis gegen Weihnachten für den Grund⸗

*) Koek iſt eine Art Syropskuchen, dem Lebkuchen ähnlich, der mit buntem Guß und ſinnreichen Sprü chen verziert ſehr geliebt wird.

herrn aufgeſpart, um dann mit in Rechnung gebracht zu werden.

Nach und nach verſchwinden die echten alten hol⸗ ländiſchen Bauerntypen, oder verändern ſich, wie alle Typen. Aber hier auf dieſem Alkmaar'ſchen Markte findet man ſie noch in allen Schattirungen. Der alte Burſche dort, deſſen fröhliche Augen, ſo lachend wie ſein Mund, unter dem breiten Rande eines rundköpfi⸗ gen Hutes hervorſehen, den er mit einem Pfeifenſtiel⸗ chen gegen den Wind feſtgeſchraubt hat, iſt die älteſte Type. Ein ſchmal zuſammengelegtes rothbaumwollenes Halstuch iſt mit einem goldenen Knopfe um ſeinen Hals befeſtigt. Ein langes braunes Wamms mit einer Reihe großer ungebrauchter Knöpfe, denn Haken und Schlin⸗ gen verſehen ihren Dienſt, hängt bis über die Hüften herab. Seine kurze Hoſen halten das Gebiet der Wa⸗ den und Schienbeine ihrer für unwürdig und überlaſ⸗ ſen es ganz den grauen Strümpfen, die in dicken Schu⸗ hen mit ſchweren ſilbernen Schnallen endigen. So gehen hier noch Einige umher, lange geſchälte Stöcke in den Händen, die ihnen bis an das Kinn reichen. Der Raum verbietet mir alle Zwiſchenſtufen zu ſchil⸗ dern; wenn ihr aber die jüngſte ſehen wollt, ſo iſt ſie hier. Ein blaues Wamms mit Felbelkragen, der ge⸗ rade bis über die Schulterblätter reicht, überläßt den ganzen übrigen Theil den Pantalons, Pantalons von baumwollenem Sammtv; ein wollenes Halstuch, roth, grün und gelb geflammt, umſchließt den Hals und je nach den Umſtänden bedeckt den Kopf ein großer, ho⸗ her, breit aufſteigender, viel umfaſſender Hut, oder eine haarige Pelzmütze mit Klappen, die, wie Regen oder Sonnenſchein es erfordern, in die Augen oder den Nak⸗ ken gedreht werden. Die alte Type iſt, zehn ge⸗ gen eins, ein fröhlicher Schwätzer, die jüngſte ein hart⸗ näckiger, ſteifer, mißtrauiſcher hölzelner Stock von einem Burſchen.

Zu Markt gehen iſt die Hauptbeſchäftigung des nordholländiſchen Bauers. Er iſt eigentlich Kauf⸗ mann und ein Adminiſtrator ſeiner Beſitzung; das iſt Alles. Seine Eigenſchaften ſind mehr negativ als poſi⸗ tiv. Fragt ihr, ob er ein eifriger, thätiger Burſche iſt? ſo antworte ich: er achtet auf ſein Spiel. Fragt ihr, ob er ordentlich und geregelt lebt? ich antworte: er trinkt nur an Markttagen und Kirmeſſen. Iſt er ein Schläger und Zänker? niemals, wenn er nüchtern iſt. Iſt er ehrlich? er melkt nicht die Kühe eines Andern. Iſt er barmherzig? er iſt gegen ſein Viehr gut. Liebt er ſeine Frau?'s gibt kein beſſre Kä⸗ ſrinn. Hat er ſeine Kinder lieb? ſie bekommen dicke Butterbröde undder Maiſter dorf ſe nich an den Kopf ſchlagen. Iſt er fromm? er geht getreulich in die Kirche.

Sein Ideal iſt, auf einem eigenen Bauerngut zu wohnen, in dem Theile des Polders, auf dem er die weite Fläche rund um ſich ſieht, ohne daß irgend etwas die Fernſicht begrenzt, und keine anderen Knechte und Mägde zu halten, als ſeine eigenen Kinder. Die Abgötter ſeines Herzens ſind eine ſchöne ſchwarzbunte Kuh mit vollen Eutern, und ein junges Pferd vor einer blitzen⸗