Jahrgang 
1864
Seite
280
Einzelbild herunterladen

278

Hildebrand: Niederländiſche Charaktere.

wir bleiben wie wir ſind; von der Zeit oder im Innern des Landes iſt keine Hilfe mehr zu erwarten.

Dieſe letzteren Worte der Königin ſollten bald ſchneller vielleicht als ſie ſelbſt erwartet hatte in Erfüllung gehen. Im April 1792 wurde der Krieg an Oeſterreich erklärt. Bei der Nachricht der erſten Nieder⸗ lage der Franzoſen wurde die Aufregung der Maſſen ungeheuer. Die Geſetzgebende Verſammlung erklärte ſich in Permanenz und beſchloß die Errichtung eines Lagers von 20.000 Mann Nationalmiliz in der Nähe von Paris. Als der König, ſeine Hoffnung auf das Vor⸗ dringen des Feindes ſetzend, dieſem Vorſchlage ſeine Zuſtimmung verſagte, verlor er ſelbſt ſeine letzte Stütze, die ihm treu gebliebenen Girondiſten, das Volk der Vorſtädte von Paris erhob ſich am 20. Juni in wildem Aufruhr, und die königliche Familie ſah ſich den em⸗ pörendſten Beſchimpfungen eines entfeſſelten Pöbels ausgeſetzt. Am 4. Juli ſchreibt die Königin:Unſere Lage iſt ſchrecklich und wird immer kritiſcher. Auf der einen Seite herrſcht nur Gewaltthätigkeit und Wuth, auf der andern Schwäche und Schlaffheit; man kann weder auf die Nationalgarde noch auf die Armee rechnen, man weiß nicht, ob man in Paris bleiben oder ſich anderswohin werfen ſoll.. Es iſt Alles verloren, wenn man die Aufrührer nicht mit der Furcht vor naher Strafe im Zaume hält. Sie wollen um jeden Preis die Republik; um ihren Zweck zu erreichen, haben ſie be⸗ ſchloſſen, den König zu ermorden... Trotz aller dieſer Gefahren werden wir unſern Entſchluß nicht ändern.

Dies ſind ziemlich die letzten Worte des letzten Briefes der Königin, den die gegenwärtige Sammlung enthält. Wie raſch die in jenen Worten ſich ausſprechende düſtere Ahnung in Erfüllung gegangen, iſt bekannt. Am 21. Januar 1793ſtieg der Sohn des heil. Ludwig zum Himmel empor und am 16. Oktober ging Marie Antoinette ihren letzten Gang. Sie war kein gewöhn⸗ liches Weib geweſen; auf ihre hohe Abkunft und Stel⸗ lung ſtolz und durch und durch von den Grundſätzen der Ariſtokratie im edleren Sinne durchdrungen, hatte ſie die unumſchränkte königliche Gewalt nicht nur als heiliges Recht der legitimen Herrſcher, deſſen Beeinträch⸗ tigung ſündlicher Frevel, ſondern auch als ein unabweis⸗ liches Bedürfniß des Staates betrachtet, deſſen Miß⸗ kennung für das Volk ſelbſt ein Unglück ſei. Ihr ſtarker Abſcheu vor den neuen demokratiſchen Grundſätzen, ver⸗ bunden mit einer ungewöhnlichen Thatkraft, und gehoben durch die Schwäche und unerſchütterliche Regungsloſigkeit ihres Gemals, hatten ſie zu weit in den Vordergrund der Begebenheiten treten laſſen, als daß nicht der ſchlimmſte Verdacht des mißtrauiſchen Volkes gegen ſie hätte erweckt werden müſſen; als man ſie auf's Schaffot ſchleppte, glaubte der Pöbel, es geſchehe der öſterreichi⸗ ſchen Verrätherin nur volles Recht. So ſtarb ſie, von Allen verlaſſen, unbetrauert, und nur ſehr wenige Thränen der Theilnahme mögen ihr nachgeweint wor⸗ den ſein.

Niederländiſche Charaktere.

Aus der Camera obſcura von Hildebrand*).

1. Der nordholländiſche Zauer.

N 1 4 ehen wir an einem Freitag Vormittag nach

V Altmaar. Es iſt die rechte Käſejahreszeit; mehr als ſiebzig, rund um die nordholländiſche Metro⸗ pole liegende Dörfer haben ihr Kontingent ge⸗

. liefert. Beemſter, Pürmer, Schermer, Waard haben ſich in das kleine nette Städtchen ausge⸗ ſchüttet. Jede mit einem Thore endende Straße, beſonders aber der ſogenannte Dyk(Deich), ein breiter Platz im Innern der Stadt, ſtehen voller weiß und grün ange⸗ ſtrichener Wagen, deren Vordertheil mit Blumentöpfen, geſchnörkelten Buchſtaben und Gedichten bemalt iſt. Alle Ställe rauchen vom Dampfe ihrer Pferde, alle Bierhäuſer und Wirthſchaften dampfen vom Rauche ihrer Pfeifen, alle Barbierſtühle prangen mit eingeſeif⸗ ten Geſichtern. Wohin man kommt, zum Tabakshändler, zum Schuhmacher, in die Gewürzläden, in die Töpfereien, die alle doppelt ausgeſtellt haben, zum Notar, zum Advokaten, zum Doktör, zu den tauſend und einem Hauſe der Dykgrafen*) und Polder⸗Pfennigmeiſter), über⸗ all begegnet man einem Bauer. Da ſucht der Eine den Bürgermeiſter ſeines Dorfes, der von Alkmaar aus die Intereſſen ſeiner Kinder viel beſſer wahrneh⸗ men kann; der Andere holt beim Schmiedemeiſter ein Recept für ſein krankes Pferd, das dieſer nur geſund geſehen hat. Das Alkmaar, das alle übrigen Tage der Woche ſo ſtill und leblos iſt, daß es ein Städtchen ab⸗ ſichtlich nur für Begräbniſſe gemacht zu ſein ſcheint (was jedem, der ſich erkühnt, dieſe Vermuthung zu he⸗ gen, aus der beſonderen Koſtbarkeit und Weitläufig⸗ keit der Begräbnißplätze hervorgeht), iſt nun einem von Gewimmel und Geſumme erfüllten Bienenkorbe zu ver⸗ gleichen. Und in der That ſind hier die Bienen verſam⸗ melt, die aus den kemmerſchen und weſtfrieſiſchen But⸗ terblumen ihren Honig und Wachs ſaugen. Die lange Straße, die ihren Namen der Familie De Lange zu entlehen ſcheint, da ſie mit allen Buchſtaben des Alphabets abwechſelnd bezeichnet, auf drei Viertheilen der Thürpfoſten prangt, iſt mit Bauern und Bäuerin⸗

**) Das holländiſche Original hat ſchon vier Auflagen erlebt und iſt in's Franzöſiſche überſetzt worden. Für unſere Leſer dürfte es nicht unintereſſant ſein, eine Probe dieſes noch neuen und populären Buches zu erhalten, das einer Literatur angehört, die bei uns faſt unbekannt iſt.

***) Dhykgraf, Oberaufſeher der Dämme, in Zeiten der Gefahr bei Ueberſchwemmungen, mit faſt unbegrenz⸗ ter Gewalt und Macht.

) Pfennigmeiſter, Rentmeiſter, Polder, niedriges Land, das rings durch Dämme gegen Ueberſchwemmung

geſchützt iſt.