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Marie Antoinette aus ihren Briefen. 277
energiſche Frau aber auch angeſtrengt thätig, Genaueres über die Dispoſition der Mächte und die Unterſtützung, welche von außen kommen könnte, zu erfahren; und ſie hatte Veranlaſſung genug dazu, denn, ſo ſchreibt ſie am 16. Auguſt,„die Armee iſt für uns verloren, Geld gibt es nicht mehr, keine Feſſel, kein Zügel kann die überall bewaffnete Maſſe zurückhalten, ſelbſt die Häupter der Revolution finden keinen Gehorſam mehr, wenn ſie von Befehl ſprechen wollen. Nehmen Sie dazu, daß Jeder⸗ mann uns verräth, der Eine aus Haß, der Andere aus Schwäche und Ehrgeiz... Glauben Sie, welches Un⸗ glück mich auch verfolgen mag, ich kann mich in die Umſtände ſchicken, aber nie werde ich in etwas meiner Unwürdiges willigen. Im Unglück erſt fühlt man, was man iſt; mein Blut fließt in den Adern meines Sohnes, und ich hoffe, daß er ſich eines Tages als den würdigen Enkel Maria Chereſia's erweiſen wird.“ Große Unruhe und wohlbegründetes Mißvergnügen bereiteten der Königin die Taktloſigket der Emigranten, welche„Frank⸗ reich nur da ſehen, wo ſie ſind,“ und welche„uns(die königliche Familie) nur zu Grunde richten können, nach⸗ dem ſie ſich ſelber zu Grunde gerichtet haben“; der König dagegen„bewahrt bei allen dieſen Dingen eine unerhörte Heiterkeit“, was freilich die ſtrengere Geſchichte richtiger als Hilfloſigkeit und Schwäche bezeichnet. Im September, nachdem der König die neue Verfaſſung ohne Widerrede beſchworen hatte, ſchreibt die Königin an ihre Schweſter Marie Chriſtine:„Schicke mir meine Diamanten nicht zurück, ich ſchmücke mich nicht mehr, mein Leben iſt ein ganz neues Daſein, ich leide Tag und Nacht, ich verändere mich zuſehends, meine ſchönen Tage ſind vorüber, und wenn meine Kinder nicht wären, möchte ich gern in Frieden in meinem Grabe liegen. Sie werden mich tödten, meine liebe Chriſtine; nach meinem Tode vertheidige mich mit aller Deiner Kraft. Ich habe ſtets Deine Achtung und die aller recht⸗ ſchaffenen Leute aller Länder verdient. Man beſchuldigt mich abſcheulicher Dinge; ich brauche Dir nicht zu ſagen, daß ich derſelben nicht ſchuldig bin, und der König be⸗ urtheilt mich glücklicher Weiſe als Ehrenmann; er weiß wohl, daß ich es nie an Dem, was ich ihm und mir ſelbſt ſchuldig war, habe fehlen laſſen.“
Wie an den Gemal, ſo hatte die Königin auch an ihrem kaiſerlichen Bruder ſo gut wie keine Stütze, und die Apathie des Letzteren war ſo groß, daß die Königin in ihrer Noth ſich zuletzt an die Kaiſerin wendete, damit dieſe den Herrn Gemal veranlaſſe,„ſich endlich als Marie Antoinettens Bruder zu beweiſen.“ Auch dieſe Be⸗ mühungen fruchteten wenig oder gar nichts; die Schwer⸗ fälligkeit des reichsverfaſſungsmäßigen Geſchäftsganges in Deutſchland war nicht dazu angethan, dem bedräng⸗ ten franzöſiſchen Hofe ſchnelle und wirkſame Hilfe zu bringen. Auch war, nachdem der König die neue Ver⸗ faſſung rückhaltlos beſchworen hatte und in ſeine könig⸗ liche Gewalt feierlich wieder eingeſetzt war, die zu ſeinen Gunſten in's Werk geſetzte Demonſtration von Pillnitz in ſich zuſammengefallen, und Kaiſer Leopold erklärte in einem Rundſchreiben an die Höfe(12. Nov. 1791), daß durch die Annahme der Konſtitution von Seite des
Königs die Lage der Dinge weſentlich verändert erſcheine und vor der Hand keine Gefahr für das monarchiſche Princip mehr vorhanden ſei. Trotzdem zeigte ſich der Königin wieder ein Schimmer von Hoffnung auf die für ſie günſtige Einmiſchung des Auslandes. Der Kur⸗ fürſt von Trier begünſtigte die in ſein Gebiet ausge⸗ wanderten franzöſiſchen Rohaliſten ſo offen und geſtattete denſelben die rückſichtsloſeſten Kriegsrüſtungen gegen Frankreich, daß die Geſetzgebende Verſammlung, die Nachfolgerin der nach Vollendung der neuen Verfaſſung aufgelöſten Nationalverſammlung, die Regierung ver⸗ anlaßte, ſich darob beim Kaiſer zu beſchweren. Marie Antoinette hoffte von dieſer Differenz Großes; ſie er⸗ wartete, daß die Franzoſen an Deutſchland den Krieg erklären würden:„die Dummköpfe, ſie ſehen nicht, daß, wenn ſie das thun, ſie uns damit dienen, weil am Ende, wenn wir anfangen, alle Mächte ſich darein miſchen müſſen, um die Rechte jedes Einzelnen zu ſchützen; die⸗ ſelben müſſen aber überzeugt ſein, daß wir hier nur den Willen der Andern ausführen, daß alle unſere Handlungen erzwungen ſind, und daß in dieſem Falle die beſte Art, wie ſie uns nützlich ſein können, darin beſteht, daß ſie geradezu über uns herfallen. Unſer Schickſal liegt in den Händen des Kaiſers und ſeiner Verbündeten.“ Unter dem 7. Dec. 1791 ſchreibt die Königin:„Unſere Lage, welche bis jetzt eine der betrü⸗ bendſten war, kann dennoch, in Folge der gegenwärtigen Verhältniſſe, zu unſeren Gunſten ſich wenden, wenn ſie gut benutzt wird und die anderen Mächte uns helfen wollen, indem ſie mit anſehnlichen Streitkräften an die Grenze rücken, ohne das franzöſiſche Gebiet ſelbſt zu betreten. Jetzt iſt es Sache des Kaiſers und der übrigen Mächte, uns zu helfen.. Zunächſt, wenn wir dumm genug ſind, um anzugreifen, wird er als Ober⸗ haupt des Reichs genöthigt ſein, das deutſche Korps zu unterſtützen, und überdies wird ſein Gebiet, bei ſo un⸗ disciplinirten Soldaten wie die unſrigen bald von allen Seiten verletzt ſein. Es iſt keine Zeit mehr, um für unſere Perſonen zu fürchten; die Haltung, die wir an⸗ genommen haben, indem wir thun, als ob wir frei und offen in dem gewünſchten Sinne handelten, ſtellt uns ſicher; die allergrößte Gefahr für uns würde darin be⸗ ſtehen, daß wir blieben wie wir ſind. Allerdings kann ein ſolcher Zuſtand nicht von Dauer ſein er führt direkt zu einer Kataſtrophe.“ Noch am 16. Jan. 1792 ſchreibt die Königin:„Niemand kann glauben, daß ein Bruder ſo geringe Theilnahme für die ſchreckliche Lage einer Schweſter hat... Fühle nur der Kaiſer einmal ſeine eigenen(die ihm zugefügten) Beleidigungen, zeige er ſich an der Spitze der anderen Mächte mit einer Macht, aber mit einer impoſanten Macht, und ich verſichere Sie, daß hier Alles zittern wird. Wegen unſerer Sicher⸗ heit braucht man ſich nicht mehr zu beunruhigen, dies Land provocirt ſelbſt den Krieg, die Verſammlung will ihn, das konſtitutionelle Syſtem, in welches der König eingegangen iſt, ſchützt ihn einerſeits, andererſeits iſt ſein und ſeines Sohnes Leben allen den Ruchloſen, die uns umgeben, ſo nothwendig, daß dies unſere Sicherheit ausmacht. Nur ſage ich, nichts iſt ſchlimmer als wenn


