276 Marie Antoinette aus ihren Briefen.
täglich mit Schmähungen und Dohungen überſchüttet. Beim Tode meines armen Dauphin*) hat das Volk nicht einmal gethan, als ob es Notiz davon nähme Von dieſem Tage an iſt die Maſſe von einem förmlichen Delirium ergriffen, und ich höre nicht mehr auf zu weinen oder meine Thränen zu verſchlucken. Nachdem man die Gräuel des 5. und 6. Oktober erlebt hat, kann man Alles erwarten. Der Meuchelmord lauert vor unſeren Thüren; ich kann nicht am Fenſter, ſelbſt nicht mit meinen Kindern, erſcheinen, ohne von einem trun⸗ kenen Pöbel verhöhnt zu werden, dem ich nie das ge⸗ ringſte Böſe, im Gegentheil Gutes gethan habe, und gewiß befinden ſich Unglückliche darunter, welche meine Hand unterſtützt hat. Ich bin auf jedes Ereigniß vor⸗ bereitet, und ich hörte heute kaltblütig meinen Kopf fordern.“
Im Januar 1791 erhielt Marie Antoinette eine Botſchaft von ihrem Bruder aus Wien, welcher ſie bat, ſchleunigſt zu fliehen, denn in dieſem Falle könne man auf ihn rechnen; wenn aber die Verfaſſung ſich befeſtige, ſo ſei die königliche Familie verloren. Die Königin war mit dem Fluchtprojekt ſofort vollſtändig einverſtanden, zumal die Volkswuth gegen das Königspaar immer noch im Wachſen begriffen war und die Königin z. B. nicht ausgehen konnte, ohne ein Dutzend Mal in der Stunde inſultirt zu werden; allein in ſehr verſtändiger Weiſe verlangte ſie vor Allem Auskunft darüber, ob das Königspaar, wenn es ihm gelinge, Paris zu ver⸗ laſſen und eine feſte Stadt zu erreichen, dann ſicher auf die Hilfe des Kaiſers rechnen könne. Sie erklärte aus⸗ drücklich, ſie wünſche durchaus kein Einrücken fremder Truppen in Frankreich, ſondern nur die Verſicherung zu erhalten, daß die Mächte auf Verlangen hinreichende Truppen an der Grenze Frankreichs aufſtellen wollten, um allen Wohlgeſinnten und Mißvergnügten, welche ſich mit der königlichen Familie verbinden möchten, als Sammel⸗ und Stützpunkt zu dienen. Die Ausführung der Flucht ſelbſt hielt die Königin für nicht ſchwierig; ſie hoffte auch mit Zuverſicht, auf eine beträchtliche An⸗ zahl treuer Truppen, auf eine ergebene Provinz und eine hinreichende Summe Geldes, um zwei bis drei Monate leben zu können, rechnen zu dürfen. Die Be⸗ ſchaffung des Geldes zeigte ſich freilich als eine höchſt ſchwierige Sache; die Königin hielt vierzehn bis fünf⸗ zehn Millionen Frcs. für die erſten Monate nöthig, die in Holland unter dem Namen mehrerer Privatleute und unter dem Vorwande, Nationalgüter kaufen zu wollen, aufgenommen werden könnten und dergl., aber alle darauf bezüglichen Projekte gelangten nicht zur Realiſirung.
Unterdeſſen kam der bekannte 18. April 1791 heran, welcher die königliche Familie neuen Inſulten von Seiten des Pöbels ausſetzte, und in Folge deſſen entſchloſſen ſich König und Königin, dem unleidlichen Zuſtande ſo ſchnell wie möglich ein Ende zu machen. „Erwarte,“ ſchreibt Marie Antoinette unter dem
*) Der Dauphin Ludwig, geboren 1781, ſtarb den 4. Juni 1789.
20. April ihrem Bruder,„erwarte alſo eine plötzliche Abreiſe, es wird Alles wohl vorbereitet. Die Sache iſt mit erſchrecklichen Schwierigkeiten verknüpft, aber unſere Lage iſt ſo unerträglich, daß Alles beſſer iſt als ſich darein ergeben. Meine Kinder weinten noch ſoeben, weil ſie nicht an die friſche Luft gehen konnten. Die armen Un⸗ ſchuldigen, wenn ſie die ſchreckliche Wahrheit wüßten.“ Und am 6. Mai ſchreibt ſie an den Grafen von Merch: „Unſere Lage iſt ſchrecklich... Es gibt hier nur noch eine Alternative für uns, beſonders ſeit dem 18. April: entweder blindlings Alles zu thun, was die Aufrührer verlangen, oder durch das Schwert zu ſterben, welches über unſern Köpfen ſchwebt... Die letzten Exceſſe.. machen es uns zur Pflicht, einen Ort zu verlaſſen und zu fliehen, wo wir durch unſer Schweigen und unſere Ohnmacht ſolche Gräuel im Stillen zu billigen ſcheinen... Erſt wenn der König ſich frei in einer feſten Stadt zeigen wird, dann wird man erſtaunt ſein über die Menge von Mißvergnügten, welche erſcheinen werden und welche bis jetzt noch in der Stille ſeufzen; aber je länger man zögert, deſto weniger wird man Unterſtützung finden. Der republikaniſche Geiſt gewinnt in allen Klaſſen täglich mehr an Boden, die Truppen ſind aufgeregter als je, man würde nicht mehr auf ſie rechnen können, wenn man noch lange zögerte.“ Der lebhafte Geiſt der Königin ſann nun auf verſchiedene Mittel, welche die Flucht begünſtigen oder wenigſtens die von ihr gehofften günſtigen Folgen verbürgen könnten. Barthelemy ſollte am Hofe von St. James genaue Erkundigungen über die Stimmung der maß⸗ gebenden politiſchen Kreiſe Englands einziehen, um günſtigen Falls der britiſchen Regierung eine vollkom⸗ mene Neutralität abzugewinnen, wofür ihr Handelsvor⸗ theile und die Abtretung von Beſitzungen in Indien oder auf den Antillen angeboten werden ſollten. Zum Ort, wohin die Flucht zu richten ſei, wurde Montmedy, ein feſter Platz in Lothringen nahe der deutſchen Grenze, auserſehen. Kaiſer Leopold ſollte 10 bis 12.000 Oeſter⸗ reicher bei Luxemburg, Arlon und Virton aufſtellen. Bis zur wirklichen Ausführung der Flucht ſollte Nach⸗ giebigkeit und ſcheinbares Entgegenkommen gegen die Volkswünſche gezeigt und geübt werden. Ueber das, was in den nächſten ſechs Wochen noch weiter verhan⸗ delt und gethan worden, liegt leider keine Aufzeichnung der Königin vor; daß die in der Nacht vom 20. zum 21. Juni in's Werk geſetzte Flucht mißlang, iſt bekannt.
Zu ſeinem Unglück hatte der König bei der Ab⸗ reiſe eine eigenhändig geſchriebene Erklärung zurückge⸗ laſſen, in welcher er gegen die Verfaſſung und gegen alle Akte der Nationalverſammlung proteſtirte; die Königin gab ſich daher die größte Mühe, dieſen unan⸗ genehmen Zwiſchenfall möglichſt zum Beſten zu kehren. Sie ſchlug zu dieſem Behufe vor, der König ſolle, da nun einmal aller Widerſtand vergeblich ſei, die Erklä⸗ rung abgeben, daß er zwar in ſeinem Innern von der Unmöglichkeit, mit dieſer Verfaſſung zu regieren, über⸗ zeugt ſei, daß er aber, wenn die Nation in der Beſtätigung der Verfaſſung ihr Glück finde, keinen Anſtand nehme, die Beſtätigung zu ertheilen. Während deſſen war die


