Jahrgang 
1864
Seite
277
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Marie Antoinette aus ihren Briefen. 275

obert, die Fiſchweiber von Paris zogen nach Verſail⸗ les hinaus, um den König und ſeine Familie ſammt der Reichsverſammlung nach der Reichshauptſtadt zu geleitendas ſchrecklichſte aller Attentate, wie die Königin am 9. Okt. 1789 ſchrieb, obgleich es nur ein Vorſpiel zu viel Schrecklicherem war. Von allen dieſen Vorgängen wurde die Königin tief erſchüttert.Ich habe den Tod in der Nähe geſehen, man gewöhnt ſich daran. Der König hat eine wunderbare Konſtitution, er befindet ſich ſo wohl, als ob Nichts geſchehen wäre; aber, großer Gott, in welcher Lage ſind wir, man ver⸗ liert den Kopf dabei und das Herz wird zerriſſen. Kaiſer Joſeph mit ſeinem ſcharfen Blicke ſcheint der königlichen Schweſter die wahre Sachlage und deren Bedeutung ſehr überzeugend und eindringlich dargelegt zu haben, denn ſie gibt in Briefen an ihn zu, daß die königliche Familie Gefahren entgegengehe. Bei alledem aber empört ſich ihr königliches Blut immer noch gegen erhebliche Zugeſtändniſſe, und noch am 26. Fe⸗ bruar 1790 ſchreibt ſie dem(inzwiſchen aber bereits verſtorbenen) Bruder:Um mich(in meiner Umge⸗ bung) hat man ſich ganz darein ergeben, mit einem ſehr beſcheidenen Theil zufrieden zu ſein; was mich be⸗ trifft, ich würde die Macht des Thrones nicht ſo billig hingeben; je mehr man den Parteien einräumt, deſto anſpruchsvoller zeigen ſie ſich, wir ſehen den Beweis dafür jeden Tag... Die Nationalverſammlung iſt der Herd des Uebels; ſie ſtrebt danach, ſich aller Gewalt zu bemächtigen und das Königthum vollſtändig zu ver⸗ nichten. Mir ſcheint, man hätte verſuchen müſſen, mit den Führern ſich zu vergleichen und ſie zu gewinnen. Der Erſte und Gefährlichſte iſt Mirabeau; aber ſeine Unmoralität flößt ſolchen Abſcheu ein und man ent⸗ wirft ein ſolches Bild von ihm in den Tagen des 5. und 6. Oktober(Zug des Pariſer Volks nach Verſail⸗ les), daß man ſich nicht entſchließen kann, auf irgend eine Weiſe in Verbindung mit dieſem Menſchen zu tre⸗ ten.... Wir haben von einigen ergebenen geiſtvollen Männern Denkſchriften erhalten, aber die Auskunfts⸗ mittel, die ſie angeben, ſind zu eigenmächtig. Wenn das Volk einmal eine Regierung in engliſcher Weiſe gekoſtet hat, ſo ſchwindelt ihm der Kopf von Souveränetäts⸗ gelüſten, und es würde einer ſehr ſtarken Hand bedürfen, um es dann im Zaume zu halten... Man will mit aller Macht etwas Neues haben, und das geſchändete Königthum iſt nur noch ein Amt wie jedes andere. Endlich entſchloß ſich der Hof doch, mit Mirabeau in Unterhandlung zu treten, nachdem ihm von glaub⸗ hafter Seite die Mittheilung zugegangen, daß der große Volksmann an den unglückſeligen Oktobertagen des vergangenen Jahres nicht nur nicht Theil genommen, ſondern ſich ſogar ſehr ungehalten über dieſelben gezeigt habe. Mirabeau entwarf mehrere Denkſchriften, nach deren Durchleſung man fand, daß es gut wäre, wenn er mit der Königin eine Zuſammenkunft hätte, um all⸗ gemeine Inſtruktionen entgegenzunehmen.Fch geſtehe, ſchreibt Marie Antoinette unter dem 7. Juli 1790 an ihren Bruder, den Kaiſer Leopold,ich geſtehe, daß mich bei dieſem Gedanken der Schauder des Abſcheues

wieder mehr als je erfaßt; da man aber bei einem mündlichen Geſpräche in einer halben Stunde viele Ideen zuſammenfaſſen konnte, welche man ſonſt aus hundert zerſtreuten Briefen hätte zuſammenſuchen müſſen, und man ſich zugleich ein⸗ für allemal über Alles ver⸗ ſtändigen und vereinigen konnte, ſo habe ich in eine geheime Zuſammenkunft gewilligt. Ich habe alſo in den letzten Tagen das Ungeheuer geſehen, mit einer außerordentlichen Aufregung, die aber ſeine Sprache ſofort ſehr ſchnell aufzuwiegen wußte. Der König war bei mir und iſt mit Mirabeau, der ihm von der beſten Geſinnung und ſehr ergeben zu ſein ſchien, ſehr zu⸗ frieden geweſen. Man hält Alles für gerettet. Die erſte Bedingung des Planes von Mirabeau iſt unſere Ent⸗ fernung aus Paris nebſt unſerer ganzen Familie, nicht in Ausland, ſondern innerhalb Frankreichs. Das Ver⸗ trauen auf Mirabeau bekam indeß bald einen harten Stoß, als derſelbe, nachdem er kaum erſt dem Könige einigezwar etwas heftige, aber doch verſtändige Be⸗ merkungen über die Nothwendigkeit, den Anmaßungen der Nationalverſammlung vorzubeugen, gemacht hatte, plötzlich bei Gelegenheit von Unruhen, die bei einer Flottenabtheilung vorgekommen waren, einezum Ent⸗ ſetzen gewaltthätige, aufrühreriſche Rede hielt, welche die auf ihn geſetzten Hoffnungen vernichtete, den König unwillig machte und die Königin verzweifeln ließ.Dieſer Mann, ſchreibt die Letztere,iſt ein Vulkan, der ein ganzes Reich entzünden könnte; rechne da alſo Einer auf ihn, daß er den Brand löſche, welcher uns verzehrt! Er wird große Mühe haben, bevor wir wieder Vertrauen zu ihm faſſen.. Graf Lamarck vertheidigt Mira⸗ beau und behauptet, daß er, wenn er auch zuweilen überſchnappt(wie er ſich ausdrückt), doch von guter Geſinnung gegen die Monarchie und treu ſei, und daß er dieſen Seitenſprung der Phantaſie, von welchem das Herz nichts wiſſe, gewiß wieder gut machen werde. Der König hatte mittlerweile die neue Verfaſſung beſchworen und verharrte in den Tuilerien in gänzlicher Apathie. Unthätig und ſich auf's innigſte an ſeine Fa⸗ milie anſchließend, ſchien er den Kampf der Parteien, die Wuth und den Fanatismus der Jakobiner, die In⸗ triguen und Anſchläge des Herzogs von Orleans nicht zu beachten. Am dritten Weihnachtsfeiertage des Jahres 1790 ſchreibt die Königin an ihren Bruder, den deut⸗ ſchen Kaiſer:Ja, mein lieber Bruder, unſere Lage iſt ſchrecklich, ich fühle und ſehe es, und Dein Brief hat Alles errathen. Die menſchliche Natur iſt zu böſe und entſetzlich, und doch iſt dieſes Volk, ich habe eigenthüm⸗ liche Beweiſe dafür, im Grunde genommen nicht ſchlecht; ſein Fehler beſteht darin, daß es zu beweglich iſt; es hat edle Regungen, welche aber nicht von Dauer ſind, es läßt ſich wie ein Kind entflammen und leiten, und iſt es einmal irregeführt, ſo kann man es alle möglichen Verbrechen begehen laſſen: nachher kommt die Reue unter blutigen Thränen, wenn aber das Uebel geſchehen iſt, dann iſt es zu ſpät. Du erinnerſt mich daran, daß ich die Generalſtände als einen Herd der Unruhe und als die Hoffnung der Aufrührer betrachtet habe. Ach, ſeit jener Zeit ſind wir weit vorgeſchritten. Ich werde

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