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Marie Antoinette aus ihren Briefen.
politiſchen Lage den Worten der Königin einen gewich⸗ tigeren Inhalt gibt.
Die fünfzehnjährige Braut des Dauphins war nur mit ſchwerem Herzen in ihre neue Heimat gezogen; noch von Augsburg aus hatte ſie an ihre Schweſter Maria Chriſtine, die Gattin des Herzogs von Sachſen⸗ Teſchen, einen kläglichen Brief geſchrieben, in welchem ſie bekannte, ſie ſei eher geneigt wieder umzukehren als „in die Verbannung zu gehen“, und nur mit Zittern und Zagen betrat ſie den Boden des Reiches, deſſen Königin ſie einſt werden ſollte. Nicht minder gedrückt war die Stimmung, in welche ſie durch den Tod Lud⸗ wigs XV. verſetzt wurde.„Wiewohl,“ ſchreibt ſie am 11. Mai 1774 an ihre Mutter, die Kaiſerin Maria Thereſia,„wiewohl wir auf das unvermeidlich gewor⸗ dene Ereigniß ſeit zwei Tagen vorbereitet waren, ſo war doch der erſte Augenblick niederſchmetternd, und der Eine wußte ſo wenig zu ſagen wie der Andere. Wie ein Schraubſtock ſchnürte mir Etwas den Hals zu; Ihnen zu ſagen, wie beſtürzt wir geweſen ſind, würde unmög⸗ lich ſein. Der(neue) König ſcheint völlig wieder beru⸗ higt zu ſein und bewahrt aus Pflichtgefühl eine gute Faſſung, aber dieſe ganze Feſtigkeit iſt nicht ſtichhaltig, und nachdem er Briefe geſchrieben und Befehle ertheilt hat, kann er nicht umhin zu mir zu kommen und mit mir zu weinen. Ich habe ſchreckliche Augenblicke, ich habe gleichſam Furcht, und er ſagt mir ſoeben, daß er ſich wie ein Menſch fühle, der von einem Kirchthurm ge⸗ fallen ſei.“ Auch hatte das königliche Paar ſehr bald Gelegenheit, den ganzen Ernſt der Situation zu erken⸗ nen. Ludwig XV. war erſt drei Tage todt, und ſchon „regnete es“, wie die Königin ſchreibt, bei ſeinem Nach⸗ folger Denkſchriften von einſichtigen Männern, welche ganz unumgänglich nothwendige Reformen verlangten, „bei Strafe des Sturzes des Königthums“, wie die Dame arglos dazuſetzt. Ihrem Gemal gibt ſie übri⸗ gens das Zeugniß, es ſei unmöglich, von beſſeren Ab⸗ ſichten beſeelt zu ſein als er, er verſuchte ſein Möglich⸗ ſtes zu thun und ſei unaufhörlich darauf bedacht, was er thun müſſe,„um ſeiner Aufgabe würdig zu ſein.“ Ihrem Bruder Joſeph, dem ſpäteren Kaiſer, ſchreibt ſie unter dem 27. Juni 1774:„Der König hat keinen anderen Gedanken, als Gutes zu thun; aber durch welche Mittel? Ich weiß nicht, was ihm im Kopfe herum⸗ geht, er ſchweigt gänzlich darüber und iſt doch ſehr auf⸗ geregt. Ich kann nicht ſagen, daß er mich von oben herab und als Kind behandelte und daß er Miß⸗ trauen gegen mich hätte; im Gegentheil es entſchlüpfte ihm neulich eine lange Rede mir gegenüber, als ob er mit ſich ſelber ſpräche über die Verbeſſerungen, welche in Finanzen und Juſtiz einzuführen ſind; er ſagte, ich müßte die Wohlthäterin des Thrones ſein und ihm Liebe erwerben, er wolle geliebt ſein. Aber er hat nicht ſeine Mittel aufgezählt, ſei es daß er ſie noch nicht kom⸗ binirt hat, ſei es, daß er ſie für ſeine Miniſter aufbe⸗ wahrt; er ſchreibt ihnen viel; er iſt wirklich ein Mann, welcher ſich der Aufgabe, die ihm ſo plötzlich zugefallen iſt, mit Ernſt annimmt, welcher wie ein Vater regieren will ꝛc.“ Sonſt klagt die Königin hauptſächlich über
den Zwang der alten Etiquette, welcher ihr höchſt läſtig iſt, dem ſie aber, dem Willen des Königs gemäß, ſich mit Würde fügt.„Man glaubt,“ ſchreibt ſie einmal, „daß es ſehr leicht iſt, Königin zu ſein; man hat Un⸗ recht. Der Zwang der Etiquette iſt unendlich groß, wie wenn das Natürliche ein Verbrechen wäre. Der König läßt mir zwar im Allgemeinen freien Willen, er will aber Reformen nicht förmlich ſanktioniren; hier ein Band, dort Franſen und Federn, wo ſie die Etiquette nicht erlaubt, und das Königthum wäre für gewiſſe Leute verloren.“
Die eigentlich politiſchen Briefe der Königin be⸗ ginnen um das Jahr 1786. Höchſt charakteriſtiſch für die geborene öſterreichiſche Erzherzogin iſt ein Urtheil über Friedrich den Großen vom 17. April 1786, alſo aus jener Zeit, wo die Politiker den vorausſichtlichen(vier Monate ſpäter auch wirklich erfolgten) Tod des preußi⸗ ſchen Monarchen und die an dieſes Ereigniß ſich mög⸗ licher Weiſe knüpfenden Folgen lebhaft beſprachen.„Im Augenblick,“ ſchreibt Marie Antoinette an ihre Schwe⸗ ſter,„geht es beſſer mit ihm, er iſt aber ſo ſchwach, daß er ſchwerlich noch widerſtehen kann. Das Phyſiſche iſt bei ihm ſchon unterlegen, aber die Kraft und Energie ſeines Geiſtes, ſagt man, hat ſich in den ſtärkſten Kri⸗ ſen aufrecht erhalten, ja ſie ſchien ſogar in dieſen Au⸗ genblicken, welche für die Helden oft kritiſcher ſind als für die gewöhnlichen Menſchen, ſich zu ſteigern. Ich habe ſtets wenig Geſchmack für ſeine Perſon gehabt, ſein allbekanntes unmoraliſches Leben hat den guten Sitten ſehr geſchadet. Nichts war ihm heilig, und man hat mir barbariſche Dinge von ihm erzählt, welche Schauder erregen. Durch ſeine Anmaßung, ſich zum Schiedsrichter Europas aufzuwerfen, hat er uns Alle gekränkt, er hat die raſende Sucht gehabt, gegen ſeine Nachbarn irgend welche Unternehmungen auszuführen und ſie die Koſten ſeines Ehrgeizes bezahlen zu laſſen, er i*ſt ein König für ſein Land, aber ein Störenfried für die andern geweſen. Als Töchter Maria Thereſia's können wir ihn nicht betrauern, und der franzöſiſche Hof wird gewiß nicht ſeine Leichenrede halten.“
Allmälig umwölkt ſich der Horizont, aber die „Tochter Maria Thereſias“ hat wenig Verſtändniß für die Furchtbarkeit der Lage und noch weniger für die Mittel, den Forderungen einer neuen Zeit entgegenzu⸗ kommen. Am 24. März 1787 ſchreibt ſie an ihren Bru⸗ der, Kaiſer Joſeph II., daß ihr von der einberufenen Notablenverſammlung nichts Gutes ahne, denn„das regt nur die Gemüther auf und kann viel zu weit füh⸗ ren... Der König iſt entſchloſſen, den Notablen Zeit und Freiheit zu laſſen, Alles zu erwägen und Alles zu ſagen, natürlich wird er dann doch nach ſeinem Wil⸗ len und ſeiner Ueberzeugung handeln, wozu ich mehr Vertrauen habe als zu den Reden der Schwätzer, welche ſich den Teufel aus den Privilegien Etwas machen.“ Allein die Ereigniſſe waren mächtiger als der König, deſſen Unentſchloſſenheit und Mangel an Thatkraft nicht wenig dazu beitrugen, die Geſchicke des Landes der großen Entſcheidung entgegenzuführen. Die Natio⸗ nalverſammlung trat zuſammen, die Baſtille ward er⸗


