Jahrgang 
1864
Seite
274
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272 Zur Geſchichte der Luftſchifffahrt.

ihre Schönheit und herrliche Stimme entzückten das Publikum. Sie fand allgemeinen Beifall und der Di⸗ rektor war ſelig, daß ſie ſo glänzend reuſſirte. Er er⸗ wartete ſie nach der Vorſtellung mit offenen Armen und drückte ſie mit leidenſchaftlicher Heftigkeit an ſeine Bruſt. Joſefa ließ es ſich gefallen, denn ſie war trunken vor Entzücken über den Enthuſiasmus, den ſie hervorgerufen, und der Direktor war ihr in dieſem Augenblicke ein rettender Engel, der ſie in eine Welt der Glückſeligkeit eingeführt hatte. Selbſt ſein uninter⸗ eſſantes Aeußere erſchien ihr anziehend, und da er Alles aufbot, um ihr Freuden zu bereiten, ihr immer mehr Gelegenheit gab, ſich auszuzeichnen, ſie vor allen Mit⸗ gliedern ſeiner Truppe begünſtigte und ſein Intereſſe für ſie offen zur Schau trug, ſo war es bei ihrem Ehr⸗ geiz und ihrer Neigung zum Wohlleben natürlich, daß ſie ohne es zu ahnen in dem Netze des ſchlauen Ver⸗ führers verſtrickt war. Sie fiel in einer unbewachten Stunde ſeiner Leidenſchaft zum Opfer und erkannte zu ſpät, daß ſie die Warnungen ihres Vaters vergeſſen und der Ring ihrer Mutter ſie ſchützen ſollte vor dem Verderben. Einmal in die Sünde hineingezogen, war für ſie keine Rettung mehr. Die Leidenſchaften, welche in ihr ſchlummerten, erwachten und riſſen ſie auf die Bahn des Laſters. Als die Blüthe ihrer Schönheit ab⸗ geſtreift war und ſie ihre Stimme verloren hatte, mußte ſie ihre theatraliſche Laufbahn verlaſſen und kam nach Prag zurück. Ihr Vater war indeß geſtorben und ſein kleines Erbe reichte nicht hin, ihr an viele Bedürfniſſe gewöhntes Leben zu erhalten, ſie verarmte gänzlich und wurde endlich Lumpenſammlerin. Der Wunſch, den Ring ihrer Mutter vor ihrem Ende noch zu finden, er⸗ wachte nun mit aller Kraft und geſtaltete ſich zur fixen Idee. Ihn ſuchend wanderte ſie von Straße zu Straße. So wanderte ſie viele Jahre in Elend, bis ſie endlich eines Tages ein meſſingenes Ringlein fand, es unter einem Strom von Thränen an ihre Lippen drückte, dann mit einem Freudenſchrei an den Zeigefinger ihrer Rech⸗ ten ſteckte, ihn mit zahlloſen Küſſen bedeckte, hierauf ohnmächtig auf das Pflaſter ſank und nie mehr er⸗ wachte!

Zur Geſchichte der Luftſchifffahrt.

des Menſchen Sehnſucht von jeher darauf gerichtet war, die Lüfte gleich dem Vogel zu durchſchiffen, lehrt uns ſchon die Mythe von Dä⸗ SPedun und Ikarus. Ob derſelben eine wirkliche Thatſache zu Grunde liegt, oder nicht, iſt gleich⸗ giltig; genug daß wir dadurch erfahren, wie ſchon im grauen Alterthume dieſer Gedanke lebendig war. Nachrichten aus hiſtoriſcher Zeit bis zu unſeren Tagen berichten uns außerdem von vielen wirklich an⸗ geſtellten, aber ohne Ausnahme mißlungenen Verſuchen, und wenn auch jetzt die Kunſt, die höheren Regionen der Luft zu durchſchiffen, nicht mehr ein völlig ungelöſtes Problem zu nennen iſt, ſo ſind wir doch von der eigent⸗

lichen Luftſchifffahrt d. h. von der Fertigkeit, nach Be⸗ lieben in jeder Richtung das Luftmeer zu durchkreuzen, noch ebenſo weit entfernt, wie vor Tauſenden von Jahren. Die erſten Verſuche, den angegebenen Zweck der Luft⸗ ſchifffahrt zu erreichen, fallen in das Jahr 1783, in welchem die Brüder Etienne und Joſef von Montgol⸗ fier zeigten, daß ein mit warmer Luft gefüllter Ballon ſich zu erheben vermag. Der Erfolg bewies die Richtig⸗ keit der Idee, und das Ereigniß wurde mit ungeheurem Enthuſiasmus begrüßt. In demſelben Jahre noch, we⸗ nige Monate ſpäter, wurde eine neue Art von Luftſchiffen konſtruirt, welche nicht mit warmer Luft, ſondern mit einer ſehr leichten Gasart, mit Waſſerſtoffgas, gefüllt wurden. So hatte man, während Luftſchiffe kurz vorher noch gar nicht vorhanden waren, plötzlich in einem Jahre zwei Arten erfunden. Die erſteren wurdenMontgol⸗ fièren, die letzterenCharlièren genannt, Beides zu Ehren der Erfinder. Auf dieſe Weiſe wurde die Luft⸗ ſchifffahrt bis in die neueſte Zeit fortgeſetzt. Unter den neueren Luftſchiffern ſind beſonders Green, Coxwell, Nadar und Godard bekannt,. Letzterer iſt nun neuerdings zu den Montgolfiéèren, die faſt ganz außer Gebrauch gekommen waren, zurückgekehrt. Godard iſt, nach den von ihm gemachten Erfahrungen, der Meinung, daß bei weiten Luftreiſen die Anwendung verdünnter Luft viel weniger Gefahren biete, als Waſſerſtoffgas. So richtig ſeine Annahme auch ſchien, ſtellte ſich der Ausführung doch eine erhebliche Schwierigkeit entgegen; die in den Ballon eingelaſſene heiße Luft erkältete ſich zu bald, und nach einer halben höchſtens Dreiviertel Stunden ſank der Ballon wieder. Godard's Beſtreben ging nun dahin, dieſen Fehler zu verbeſſern, und er glaubt, dafür ein geeignetes Verfahren gefunden zu haben. Er bringt nämlich in der untern Oeffnung des Ballons einen von ihm erfundenen Feuerungsapparat an, welcher während der Fahrt mit Roggenſtroh geheizt wird. Der Erfinder behauptet, ſeinen Ballon ſo lange in der Luft zu halten, als das Brennmaterial zureicht. Neuerdings hat Godard einen Ballon von bis jetzt noch nicht dageweſenen Di⸗ menſionen konſtruirt, welchem er den NamenAdler gegeben. Nach mehreren vergeblichen Verſuchen iſt es ihm angeblich gelungen, ſich in die Lüfte zu erheben, und mit großer Spannung ſieht man der Veröffentlichung ſeiner Erfahrungen entgegen. Unſere Illuſtration ſtellt den untern Theil des Ballons mit dem die Verdünnung der Luft bewirkenden Heizapparat dar.

Marie Antoinette aus ihren Briefen.

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A Inter allen Umſtänden wird die unglücklichſte Tochter des Erzhauſes Oeſterreich, die Gema⸗

5 lin des zu ſo furchtbarer Buße für die Sünden ſeiner Väter beſtimmten Ludwig XVI. von Frankreich, wegen des herben Loſes, das ſie betroffen, ein Gegenſtand herzlichſten Mitleids bleiben. Ueber den Antheil, welchen ſie an der Politik ihres Gemals genommen haben möge, und über den