Jahrgang 
1864
Seite
272
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270 Kleroth: Das Miſtweibel.

Seite wird behauptet, daß über das gemeinſame Interimi⸗ ſtikum für die Herzogthümer ſtatt der bisherigen Sonder⸗ verwaltung und über die Beſetzung der militäriſchen Po⸗ ſitionen nach dem Friedensſchluß Preußen mit Oeſterreich ſich verſtändigt habe. Für die Richtung des ſchleswig⸗ holſtein'ſchen Kanals von Brunsbüttel oder St. Marga⸗ rethen nach Eckernförde hat der Baurath Lentze ſich aus⸗ geſprochen. Das preußiſche Marineminiſterium dagegen verlangt, daß der Kanal zwiſchen Kiel und Friedrichsort. in den Kieler Hafen münde, welcher bei Friedrichsort durch die Annäherung beider Ufer von Natur verſchloſſen wird, während die Verſchließung des offenen Hafens Eckern⸗ förde nur durch koſtſpielige künſtliche Vorrichtungen erzielt werden könnte.

Die Wiederwählung Lincolns für ein Zeichen unab⸗ ſehbarer Kriegsdauer auszugeben, iſt grundlos. Daß ſie den raſchen Sieg und die raſche Herſtellung der Union bedeute, kann natürlich eben ſo wenig behauptet werden. Aber ſie bedeutet ganz entſchieden die Hoffnung des Volks auf einen ſolchen Sieg und eine ſolche Herſtellung. Die Leute pflegen nicht Männer auf den Schild zu erheben, welche nach vierjährigem erfolgloſem Ringen wieder von vorn anfangen müſſen. Republiken ſind oft gegen den Sieger undankbar; aber dem Beſiegten ſind ſie nie gnädig. Die Amerikaner wählen wohl Leute ohne Vergangenheit und ohne Befähigung, nicht aber Leute, deren Vergangen⸗ heit ein Schiffbruch und deren Befähigung ein Bankerott iſt, zu ihren Präſidenten. Wenn die Hoffnungen dieſes Herbſtes abermals fehlſchlagen, wenn die Berechnungen, welche ſich auf die Erſchöpfung des Südens ſtützten, als falſch ſich erweiſen, ſo wird eine neue Parteibildung in den Nordſtaaten eintreten, und erſt dann wird man ſehen können, wie weit die Mehrheit Lincoln zu folgen ge⸗ ſonnen iſt.

Das Miſtweibel.

Prager Sage von Kleroth.

Soch zu Anfang des jetzigen Jahrhunderts wurde zu Zeiten in den Straßen Prags ein in Lumpen G gehülltes Weib geſehen, deſſen gealterte Züge Spuren einſtiger Schönheit trugen. Große blaue, wenn auch durch Gram erloſchene Augen blickten ſtarr vor ſich hin und einzelne graue Haare hingen wirr aus dem Kopftuch hervor. Ihre bleichen Lippen zuckten zuweilen konvulſiviſch, und ihre feinen, ſchön geformten Hände ſtützten ſich auf einen langen, mit einer eiſernen Spitze beſchlagenen Stock. Ihrer Ge⸗ wohnheit wegen, mit demſelben in dem Kehricht der Gaſſen zu wühlen und dann in ein lautes Schluchzen auszubrechen, wurde ſie von den Leuten nur das Miſt⸗ weibel genannt. Von dieſer traurigen Geſtalt erzählten ſich die älteſten Leute eine abenteuerliche Geſchichte. Das Miſtweibel ſollte die einzige Tochter eines verwitweten Tiſchlers ſein, und in der Jugend ſeiner Schönheit und ſeines Liebreizes wegen die Aufmerk⸗ ſamkeit der Nachbarn auf ſich gezogen haben. Ihr alle Herzen gewinnendes Weſen, die Talente, die ſich ſchon frühzeitig entwickelten, erhöhten den Stolz des Vaters, und er behandelte ſie mit einer Zuvorkommenheit, welche ihn in den Ruf brachte, er wäre in ſeine Tochter ver⸗ liebt. Und dieſer Verdacht wurde durch ſein Benehmen noch erhöht. Er betrieb ſein Tiſchlerhandwerk mit der

größten Anſtrengung, um ihr eine ſorgfältige Erziehung zu geben, ſparte ſich jeden Biſſen vom Munde ab, um ſie elegant zu kleiden, und wenn er ſich von Niemanden geſehen wähnte, da ſchloß er ſie weinend in ſeine Arme, küßte ihre ſchönen weißen Hände, welche ſie nur dazu brauchen durfte, die Nadel zu führen und ihren Geſang auf einem Flügel zu begleiten, welchen er zu ihrer Aus⸗ bildung von einem Inſtrumentenmacher um theures Geld ausgeliehen hatte. Sie ſang und ſpielte aber auch in kurzer Zeit ſo trefflich, daß die Leute auf der Straße ſtehen blieben, um ſie zu hören. Bei ihren muſikaliſchen Uebungen ſaß der Vater gewöhnlich zu ihren Füßen, verſicherte ſie ſeiner Liebe, beklagte, daß ſie ſeine Tochter ſei, und er ſie nicht heiraten könne, ja, daß es ſein Leben koſten würde, wenn ſie einen andern Mann lieben, oder gar ſeine Gattin werden ſolle.

Obgleich Joſefa über dieſe exaltirten Aeußerun⸗ gen ihres Vaters in ihrem Innern lächelte, ſo hütete ſie ſich doch, ihm zu widerſprechen, oder ihn auf andere Gedanken zu bringen, denn ſie war ſchlau genug einzu⸗ ſehen, daß gerade dieſe Exaltation ihre Wünſche, an⸗ genehm zu leben und ſich auszubilden, zu verwirklichen im Stande ſei. Sie verdoppelte daher ihre Zärtlichkeit und ſchwur ihrem Vater, daß ſie nie einen andern Mann lieben, als ihn, ſich nie vermälen werde und ihr ganzes Leben nur ihm weihen wolle, um ihn im Alter zu pflegen und ihm ſeine grenzenloſe Liebe zu vergelten. Der Vater glaubte ihren Worten und verdoppelte ſeine Anſtrengungen, um alle ihre Wünſche zu befriedigen. Joſefa wurde immer begehrender und ihre Anforde⸗ rungen immer größer. Sie wollte noch eleganter ge⸗ kleidet ſein, und ihre beſcheidene Wohnung war ihr nicht gut genug. Die natürliche Folge dieſer Anſprüche war, daß ſich der Tiſchler, da ſein Gewerbe den Auf⸗ wand zu decken nicht mehr im Stande war, endlich ver⸗ ſchuldete und ſeinen Ruin herbeiführte. Er wurde ge⸗ pfändet, und da er nicht zahlen konnte, nicht nur ſeine Werkzeuge, ſondern auch das geſammte Mobilar zum Verkaufe ausgeboten. In dieſer verzweiflungsvollen Lage erſchien eines Tages ein kleiner, ſchwarzgekleideter hagerer Mann, mit einem erdfahlen Geſicht und blitzen⸗ den Augen, in der Wohnung des Tiſchlers. Er verlangte mit Joſefa zu ſprechen, da er ihr etwas Wichtiges an⸗ zuvertrauen habe. Der Vater, ſelbſt noch in ſeinem Elend auf ſeine Tochter eiferſüchtig, wollte anfänglich nicht darauf eingehen, als aber der Fremde ſeinen Namen nannte und hierauf eine gerichtliche Verſtändi⸗ gung aus der Taſche zog, vermöge welcher er berechtigt war, die ſämmtlichen Effekten des Tiſchlers veräußern zu laſſen; da erkannte dieſer in ihm den Direktor einer wandernden Theatertruppe, welcher ſchon früher durch ſeinen Agenten ihm den Antrag ſtellte, Joſefa bei ſeiner Bühne engagiren zu wollen, welchen der Vater jedoch aus Furcht, ſeine Tochter zu verlieren, ſtets zurückwies. Der Direktor hatte jedoch, um Joſefa zu erhalten, alle Wechſel des Tiſchlers aufgekauft, die Pfändung und die Bewilligung zur Feilbietung erwirkt. Als er daher zu dieſer traurigen Erkenntniß kam, blieb ihm nichts Anderes übrig, um ſich zu retten, als JFoſefa kommen