Jahrgang 
1864
Seite
270
Einzelbild herunterladen

268 Altdeutſche Erzählungen in neuem Gewande.

Jahren kam, da gelüſtete es ihn, andere Lande zu ſehen, und er bat ſeinen Vater, daß er ihn ließe andere Lande ſehen und ihm erlaubte zu reiſen. Dies war ſeinem Bater ſchmerzlich und leid, und er bat den Sohn zu bleiben und hätte ihn gerne gehindert. Dies aber konnte nicht ſein, der Sohn wollte von der Fahrt nicht laſſen. Da der Vater ſah, daß es nicht anders konnte ſein, da ſprach er:Lieber Sohn, nachdem du nun nicht verzichten willſt auf deine Fahrt, ſo will ich dir zwei Dinge empfehlen, daß du die beſtändig hältſt, wo⸗ hin du kommſt. Das eine iſt, daß du niemals einen Tag ohne Meſſe ſollſt ſein, wenn du es thun kannſt. Das andere iſt: wohin du kommeſt, zu welcher Herr⸗ ſchaft du immer kommeſt, wenn du eines Herrn Diener werdeſt, ſo ſollſt du darauf achten: wenn deine Herr⸗ ſchaft betrübt und ungemuth iſt, ſo ſollſt du auch un⸗ gemuth ſein, wenn ſie aber fröhlich und wohlgemuth. ſind, ſo ſollſt du mit ihnen fröhlich ſein. Dieſer Jüng⸗ ling ſprach:Vater, das will ich thun, und nahm Urlaub von ſeinem Vater und fuhr hinweg, und kam in ein Land und ward da Diener eines Herrn und diente dem Herrn und ſeiner Frau ſowohl, daß ſie ihn gar lieb und werth hatten, und er that, wie ihn ſein Vater geheißen hatte: ſo er ſeine Frau und ſeinen Herrn betrübt ſah, ſo war er auch betrübt, ſo er ſie fröhlich ſah, ſo war er auch fröhlich.

Nun war ein anderer Diener auch dort an des⸗ ſelben Herrn Hof, der war roth(d. h. er hatte rothe Haare); den verdroß es gar ſehr, daß dieſer Jüng⸗ ling ſo werth dort am Hofe war und daß ihn der Herr und ſeine Frau ſo lieb hatten, und er gedachte, wie er dieſen Jüngling möchte verleiten gegen ſeinen Herrn, und er hatte wahrgenommen, wie dieſer Jüngling alle⸗ zeit traurig war, wenn ſein Herr und ſeine Frau trau⸗ rig waren, und er ging zu ſeinem Herrn und ſprach: Herr, ich bin euch Treue ſchuldig, ich muß euch billig bewahren vor eurem Schaden, wo ich den weiß, und ſprach:Herr, da iſt euer Diener, jener Jüngling, dem ihr da ſo zugethan ſeid; ſo ſollt ihr wiſſen, daß der mit eurer Frau zu ſchaffen hat, und das hab' ich wohl wahrgenommen. Da ſprach der Herr:Dies kann ich nicht glauben, dazu vertraue ich ihm zu wohl mit Leib und Leben. Da ſprach der Rothe:Herr, ich will es euch beweiſen, daß ihr ſelbſt merkt, daß es war iſt. Wie kann ich das merken? ſprach der Herr. Da ſprach der Rothe:Herr, da ſollt ihr mit eurer Frau Streit anheben und ſollt ihr einen Backenſtreich geben, daß ſie betrübt werde: ſo merkt ihr, daß jener Jüngling Leid und Ungemach und Unmuth mit ihr hat. Der Herr that alſo und hob einen Streit mit ſeiner Frau an, und der Streit ward ſo ſtark, daß er ihr einen Backenſtreich gab. Und da er die Frau geſchlagen hatte, ſo ward die Frau traurig und ungemuth. Der Herr achtete darauf, wie der Jüngling, ſein Diener, ſich benehmen würde. Da ſah er, daß der Jüngling auch gar traurig und ungemuth war, wie ihn ſein Vater gelehrt hatte. Der Herr, der erſchrak und dachte, daß es wahr wäre, wie ihm der Rothe geſagt hatte. Da kam der Rothe zu dem Herrn und ſprach:Herr, wie dünkt euch nun? hab'

ich wahr geſagt oder nicht? Da ſprach der Herr:Es iſt wahr, es dünkt mich nach ſeinem Benehmen. Nun rathe, ſprach der Herr zum Rothen,was wir mit ihm thun, daß wir ſeiner ledig werden und ihn töd⸗ ten. Der Rothe ſprach:Herr, da will ich euch einen guten Rath dazu geben. Ihr habt einen Kalkofen hier in der Nähe liegen, da ſollt ihr ſenden nach den Ofenknechten und ſollt ihnen befehlen: der erſte, der morgen früh zu ihnen komme euretwegen und zu ihnen ſpreche, ob ſie gethan hätten, was ihr ſie geheißen habt, daß ſie dann denſelben nehmen und ihn vorwärts in den Ofen ſtoßen und ihn verbrennen, er ſei, wer es ſei,

und gebietet ihnen das bei euren Hulden. Und wenn

ihr ihnen das befehlt, ſo ſendet dann dieſen Jüngling dahin, ſo werdet ihr ſeiner ledig. Der Herr ſprach: Du haſt mir wohl und recht gerathen.

Der Herr ſandte nach ſeinen Ofenknechten und ſprach zu ihnen: Ihr Männer(im Originalihr Her⸗ ren), ich gebiete euch bei meinen Hulden und bei eurem Leben, der erſte, der morgen früh zu euch kommt vor den Ofen und ſpricht zu euch:Habt ihr gethan, was euch mein Herr befohlen hat? daß ihr den dann nehmt und ihn verbrennet in dem Ofen, er ſei wer er wolle. Und wiſſet, thut ihr das nicht, daß ihr darum ſterben müßt. Sie ſprachen:Herr, das werden wir thun, und gingen heim zum Ofen. Des Morgens früh, da ſprach der Herr zu dem Jüngling ſeinem Knecht: Gehe hin zu dem Kalkofen und ſprich zu den Ofen⸗ knechten, ob ſie gethan haben, wie ich ihnen befahl. Der Jüngling ſprach:Herr, ich thu's, und ſetzte ſich auf ſein Pferd und ritt hin und wollte nach dem Ofen. Und da er auf die Straße kam, da hörte er in einer Kapelle, die an der Straße ſtand, läuten zur Meſſe. Da gedachte er an ſeines Vaters Lehre, daß er täglich ſolle eine Meſſe hören, und dachte: geh' in die Kapelle und höre die Meſſe, du kommſt dann noch zeitig genug dahin, und ging in die Kapelle und hörte die Meſſe.

Hierbei, während er die Meſſe hörte, begab es ſich, daß es ſich etwas lange hinzog, der Meſſe wegen; da gedachte der Rothe, daß er jetzt wohl verbrannt wäre, und ſprach:Herr, ich will reiten zum Ofen und will zuſehen, wie es dieſem ergangen ſei, und ritt hin zum Ofen. Doch da war der Jüngling noch nicht zum Ofen gekommen, weil ihn die Meſſe aufhielt. Und da der Rothe zum Ofen kam, da ſprach er zu den Ofen⸗ knechten:Ihr Männer habt ihr gethan, was euch mein Herr befohlen hat? Sie ſprachen:Nein, wir haben es noch nicht gethan, wir wollen es aber thun, und nahmen den Rothen und ſtießen ihn vorwärts in den Ofen. Er ſchrie gewaltig, und ſprach, er wäre der nicht. Die Knechte ſprachen, ſie wüßten wohl, was ſie der Herr geheißen hätte, das wollten ſie auch thun. Der Rothe ward verbrannt.

Da war die Meſſe geſprochen, die der Jüngling da hörte in der Kapelle, da ſetzte er ſich auf ſein Pferd und ritt hin zum Ofen und wollte ſeine Botſchaft aus⸗ richten, wie ihn ſein Herr geheißen hatte. Da er zum Ofen kam, da ſprach er zu den Knechten:Ihr Männer, habt ihr gethan, was euch mein Herr befohlen hat?