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hörten, daß in einem wilden Walde zwiſchen einem Ge⸗ birge zwanzig Meilen Wegs von den Menſchen ein Rieſe oder ein Recke wohnte, der viel tauſend Mark Silbers und Goldes hätte. Da erwählte ich mir tüchtige Geſellen, ſo daß unſer hundert waren bei einander und zogen dahin mit großer Mühſal. Da wir den Recken nicht daheim fanden, da waren wir gar froh und nahmen Gold und Silber ſo viel, als wir tragen konnten. Da meinten wir ſicher und friedlich davon zu gehen. Gar bald kam derſelbige Recke mit neun anderen Recken un⸗ verſehens und fing uns alle hundert, und theilten uns unter ſich, daß jeglicher zehn von meinen Geſellen nahm, und ich armer bedrängter Mann mit meinen neun Ge⸗ ſellen gefiel dem Rieſen, dem wir das Silber und Gold genommen hatten. Der band uns die Hände auf den Rücken und führte uns in ſeine Höhle im Berge und trieb uns hinein wie die Schafe. Da gelobten wir ihm, daß wir uns löſen wollten mit vielem Gelde, und mit großem Gute, aber er ſprach, er wollte keinerlei Geld von uns nehmen, ſondern er wollte unſer Fleiſch freſſen. Alsbald ergriff er einen, der am allerfetteſten war. Den hieb er und zerſchlug ihn in Stücke und kochte ihn. Auf ſelbige Art fraß er jeglichen Tag meine Geſellen alle miteinander auf und zwang mich dazu, daß ich ſie mußte eſſen helfen. Darnach meinte er, daß er mich auch erwürgen wollte. Da erdachte ich eine Lüge und ſprach: „Ich ſehe wohl, daß du böſe Augen haſt und ſchlechtes Geſicht. Ich bin in der Kunſt der Arznei wohl bekannt und erfahren. Ich getraue mir wohl, dir zu rathen und zu helfen, wenn du willſt mich leben laſſen.“ Alsbald ſicherte er mir mein Leben, daß ich ihm hülfe an ſeinem Geſichte. Alſo ſchaffte er mir alles Zeug und Geräthe, das ich dazu haben wollte. Alsbald nahm ich ein Faß voll Oels und goß das in einen Keſſel und mengte dazu Schwefel, Pech, Salz, Auripigmeut(Arſenik) und andere ſchädliche Dinge und ſott die alle durcheinander, daß ich ihm wollte machen ein Pflaſter auf ſeine Augen. Aber da die vorgenannte Materie ſott und recht heiß war, da goß ich ſie ihm in die Augen und auf ſeinen Hals und verbrannte ihn gar ſehr, daß ſeine Haut über dem ganzen Leib zuſammenſchrumpfte und abging, und das benahm ihm das Augenlicht, das er noch hatte, und alle ſeine Adern ſtemmten ſich. Da fiel er nieder vor großem Wehe und wälzte ſich hin und her in dem Hauſe und ſchrie und heulte und brüllte wie ein Löwe oder ein Ochſe gar ſchrecklich und grauſam. Darnach aber in dem großem Wehe ward er gar zornig, und in großem Grimme erwiſchte er ſeine gewaltige Keule und lief in dem Hauſe herum hin und her und ſuchte mich und ſchlug an die Wände und an die Erde hie und da. Alſo wußte ich nicht, was ich beginnen ſollte, oder wo ich mich retten und bewahren könnte. Das Haus war überall feſt zu und hatte gar hohe Mauern, auch war kein Ausgang, noch Eingang, denn die Thür, die war feſt verſchloſſen mit eiſernen Riegeln. Alſo ſuchte er mich in allen Winkeln in dem Hauſe. Zuletzt ſtieg ich auf einer Leiter unter das Dach und hing mich mit beiden Händen an einen Hanebalken. Da hing ich den Tag und die Nacht. Darnach, da ich das nimmer aushalten
Altdeutſche Erzählungen in neuem Gewande.
konnte, da mußte ich herniederſteigen und mengte mich unter ſeine Schafe. Mit denen lief ich gar oft zwiſchen ſeinen Beinen hinweg, daß er mich nicht gewahr ward. Derſelbige Rieſe hatte tauſend Schafe, die er täglich zur Weide in das Feld ließ geh'n, und ſie kamen alle Tage von ſelbſt wieder heim. Nun fand ich in dem Hauſe bei den Schafen ein Fell von einem Bock. Da wand ich mich in dasſelbige Fell und machte die Hörner über mein Haupt. Da hatte der Rieſe die Gewohnheit, wenn er die Schafe herausließ auf die Weide, ſo liefen ſie zwiſchen ſeinen Händen, daß er ſie zählte, auf das Feld, und welches er ergriff als das allerfeiſteſte, das behielt er und kochte es auf den Tag, und fraß es. In derſelbigen Weiſe wäre ich auch gerne davon gelaufen und lief ihm auch zwiſchen den Händen hindurch, wie die Schafe alle thun mußten. Da ergriff er mich und erkannte, daß ich feiſt war. Da ſprach er:„Du biſt recht fett, du mußt mir meinen Bauch heute füllen.“ Da brauchte ich meine Stärke und entſprang ihm aus ſeinen Händen, aber er ergriff mich wieder. Ich entſprang ihm abermals aus ſeinen Händen. Das that ich ſiebenmal. Zuletzt ward er zornig und trieb mich zur Thür hinaus und ſprach zornig⸗ lich:„Lauf doch hin, daß dich die Wölfe freſſen! Du haſt mich oft genug betrogen und geärgert.“ Alsbald warf ich ab das Fell, darein ich mich gewunden hatte, und trat heraus und warf ihm höhniſch und ſpöttiſch vor, daß ich ihm ſo oft entwiſcht wäre. Da er mich hörte, zog er von ſeinem Finger einen güldenen Ring und ſprach:„Siehe, nimm den güldenen Ring zu einer Gabe, den haſt du wohl verdient. Es ziemt ſich ja nicht, daß ſolch ein ge⸗ wandter Mann unbeſchenkt bleibe.“ Alſo nahm ich den Ring und ſteckte ihn an meinen Finger. Nun weiß ich nicht, wie der Ring bezaubert war, daß ich ſtets mußte ſchreien:„Hie bin ich, hie bin ich!“ dasſelbe konnte ich nicht laſſen. Da folgte der Recke meiner Stimme nach. Obwohl er blind war, ſo lief er doch in dem Walde nach meiner Stimme„Hie bin ich, hie bin ich!“ und ſtieß ſich zuweilen an die Büſche und an die Aeſte, daß er hinfiel wie ein großer mächtiger Baum. Zuletzt, da er nahe an mich heran kam, und ich das Geſchrei nicht konnte laſſen„Hie bin ich“ von der Kraft, die der Ring hatte, und ich auch den Ring nicht konnte vom Finger bringen, da mußte ich aus Noth den Finger mit den Zähnen abbeißen ſammt dem Ringe, daß ich nicht mehr brauchte zu ſchreien:„Hie bin ich.“ Alſo verlor ich meinen Finger und behielt meinen geſunden Leib und mein Leben.—
Wurden die oberſächſiſchen Erzählungen wegen ihres Inhaltes als Beitrag zur Märchen⸗ und Sagen⸗ literatur des Mittelalters veröffentlicht, ſo überwog bei der Herausgabe der niederrheiniſchen Sammlung zunächſt wenigſtens die Rückſicht auf die Sprache. Franz Pfeiffer theilte als„Beiträge zur Kenntniß der Kölniſchen Mund⸗ art“ im erſten und vierten Jahrgange der Zeitſchrift von K. Frommann:„die deutſchen Mundarten“, Aus⸗ züge aus einem unter dem Titel„der Seelen Troſt“ nicht unbekannt gebliebenen Buche mit, welches ähnlich wie das bekanntere Sammelwerk der Gesta Romanorum eine Fülle von überallher zuſammengeleſenen Novellen,


