blühte wieder auf, und die hh. Brüder fanden Zutritt zum königlichen Hofe.
Doch war bei der rohen Natur des Königs nicht ſo bald eine Bekehrung zu erwarten. Da half dem heil. Method ſeine ſeelſorgliche Klugheit und ſeine Malerkunſt. Als der König vom chriſtlichen Glauben nichts hören mochte, bot ihm der heilige Method ſeine Dienſte als Maler an.
Der König gab ihm den Auftrag, er möchte ihm an einer Wand ſeines Schloſſes das Schrecklichſte dar⸗ ſtellen, was es hier auf Erden geben könne. Method malt fleißig; das Gemälde iſt fertig. Der König wird herbeigeführt, der Vorhang fällt, der König ſieht das Gemälde an, er bebt und zittert! Was iſt das für ein Bild?— Es iſt die Darſtellung des VII. Glaubens⸗ artikels:„Von dannen er kommen wird zu richten die Lebenden und die Todten.“— Was Method mit Far⸗ ben nicht auszudrücken vermochte, das vollendet er mit beredtem Worte; er ſchildert die Glorie der Auserwähl⸗ ten zur Rechten, die Qualen der Verdammten zur Lin⸗ ken; eigene Qualen ſind dargeſtellt für jene Fürſten, welche den chriſtlichen Glauben nicht annehmen wollen. Boris fällt auf das Knie— und verlangt die heil. Taufe; er will nicht die Zahl der Verdammten ver⸗ mehren.(J. 862.).
Das Volk folgt dem Beiſpiele ſeines Königs. Nachdem derſelbe einen Aufſtand der Großen ſiegreich unterdrückt hatte, ſendet er eine Geſandtſchaft ab nach Rom zum Papſte Nikolaus I., und bittet um Aufnahme in den Verband der Kirche, um Prieſter, Rath und Ge⸗ ſetze— ein Beweis, daß die Bulgaren bekehrt worden ſeien von einem Prieſter, der zur Partei des Photius nicht gehört hatte.
Altdeutſche Erzählungen in neuem Ge⸗ wande.
ie literariſchen Schätze unſeres deutſchen Alter⸗
thums, durch ihre Sprache dem größten Theile
der Gebildeten noch immer wie verſchloſſen, ſind
durch verdienſtvolle Uebertragungen ſchon viel⸗
fach zum Gemeingute geworden. Namentlich hat
ſich den herrlichen Erzeugniſſen aus der Glanz⸗ periode der mittelalterlichen Dichtkunſt, wie dem Nibe⸗ lungenliede, der Gudrun, den Liedern Walthers von der Vogelweide, eine erfreuliche Aufmerkſamkeit zuge⸗ wendet. Auch der Novellenliteratur, den ſogenannten Volksbüchern, hat es nicht an Erneuerungen gemangelt. Dagegen ſind proſaiſche Stücke von geringerem Um⸗ fange, Märchen, Sagen und Legenden, in der Geſtalt, in der wir ſie aus dem Alterthume überliefert erhalten haben, bis jetzt noch recht wenig für unſere Leſer ver⸗ werthet worden.
Reinhold Bechſtein hat es unternommen, in ſei⸗ nem Büchlein„Altdeutſche Märchen, Sagen und Le⸗ genden“(Leipzig, O. A. Schulz) aus drei handſchrift⸗ lichen Sammlungen des fünfzehnten Jahrhunderts,
Erinnerungen. 88. Bd. 1864.
Altdeutſche Erzählungen in neuem Gewande.
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welche in der Urſprache von zwei namhaften, noch jetzt wirkenden Gelehrten herausgegeben wurden, eine An⸗ zahl der ſchönſten und für unſere Tage paſſenden Er⸗ zählungen auszuwählen und dieſelben im Gewande der heutigen Sprache, aber mit möglichſter Schonung des alterthümlichen Styls, für Alt und Jung mitzutheilen.
Jene alten Ueberlieferungen gehören verſchiedenen Theilen Deutſchlands an: die eine ſtammt vom Nieder⸗ rhein, die zweite aus Oberſachſen, die dritte aus dem Elſaß, und ſo kommt es, daß eine jede, abgeſehen von der Verſchiedenheit der Sprache und Mundart, ihre beſonderen Eigenthümlichkeiten aufzuweiſen hat. Un⸗ willkürlich drängt ſich der Gedanke auf, daß ſich in der Verſchiedenheit des Styls der Erzählungen eine Eigen⸗ thümlichkeit des niederdeutſchen, oberdeutſchen und mit⸗ teldeutſchen Volkscharakters wiederſpiegelt.— Die zuerſt bekannt gewordene Sammlung iſt die oberſächſiſche, welche aus einer der Leipziger Univerſitätsbibliothek ge⸗ hörenden Papierhandſchrift des 15. Jahrhunderts von M. Haupt im erſten Bande der altdeutſchen Blätter von Moriz Haupt und Heinrich Hoffmann(von Fallersleben) unter dem Titel„Märchen und Sagen“ herausgegeben wurde. Zwei Erzählungen aus dieſer Quelle brachte ſchon Ludwig Bechſtein in ſeinem deutſchen Märchen⸗ buche, nämlich„das Rebhuhn“ und„die ſieben Schwa⸗ nen“, die in R. Bechſteins Büchlein unter dem Titel „Rebhühner offenbaren einen Mord“ und„die ſieben Schwäne“ erſcheinen. Da der Herausgeber auch be⸗ zweckte, ein Bild der mittelalterlichen Proſa in ſeiner Uebertragung zu gewähren, ſo iſt naturgemäß der An⸗ ſchluß an das Original bei ihm weit größer als in ſeines Vaters Märchenbuche. Bei zwei Erzählungen, nämlich„Griſeldis“ und„Kampf eines Ritters mit einem Bauern“, welche in den altdeutſchen Blättern unberückſichtigt blieben, mußte der Herausgeber unmittel⸗ bar aus der Handſchrift ſchöpfen.— In dieſen ober⸗ ſächſiſchen Erzählungen, von denen im Ganzen acht in R. Bechſteins Sammlung aufgenommen wurden, iſt der Styl ſchon durchaus ein novelliſtiſcher, bei einigen zeigt ſich auch deutlich, daß ſie aus Gedichten in die proſaiſche Form umgeſchrieben wurden. Bringt es auch der Stoff bei den meiſten dieſer Geſchichten mit ſich, daß ihr Um⸗ fang ein ausgedehnter iſt, ſo hat doch auch der Erzähler ſelbſt Antheil an der Eigenthümlichkeit der Abfaſſung, er handelt ſubjektiv, er ſpinnt aus, wiederholt und motivirt, ja ſelbſt eine gewiſſe Redſeligkeit kann er nicht überwinden. Die Abenteuer eines alten Räu⸗ bers, mit welcher Erzählung das Büchlein eröffnet wird, ſchildern die Gefahren eines„gewandten, land⸗ kundigen und verrufenen Räubers“, der ſich in ſeinen alten Tagen der Gewohnheit des Stehlens und des Raubens enthielt; der alte Räuber erzählt ſie ſelbſt einer Königin, um ſeine drei Söhne dadurch aus deren Gefangenſchaft zu erlöſen. Das erſte der Abenteuer er⸗ innert ſtark an die bekannte Cyklopen⸗Sage in der Odyſſee und iſt ſomit nach ſeinem Inhalte nicht ohne literariſchen Werth. Wir laſſen es zugleich als Probe von der Vortragsweiſe des alten oberſächſiſchen Erzählers hier folgen:— Ich und meine Geſellen vernahmen und
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