Julius Roſen:„Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungen.“ 263
die albernen Reden des Schließers anhören, mußte ſich ſchmeicheln und ſchön thun laſſen.
Als nun Berger nicht bemerkt von dem hitzig gewordenen Schließer in die Stube trat, hätte ſie jauch⸗ zen mögen. Sie hielt ſich jedoch zurück und wartete bis die Schlüſſel an der Wand hingen, Berger ſich auf des Schließers Bett hingeworfen hatte und zu ſchlafen ſchien.
Da riß ſie ſich von ihm los und wollte fort.
„Ihr geht ſchon?“ fragte der Schließer, ſie mit zärtlichen Blicken bombardirend.
„Ich muß, es iſt hohe Zeit,“ entgegnete Marie, „auch könnte uns der Bruder—“
„Der ſchläft ja,“ lachte der Schließer und wollte ſie nochmals umarmen, aber Marie riß ſich von ihm los und eilte zur Thür hinaus.„Auf Morgen,“ flüſterte ſie dem alten Galan zu.
„Ich warte,“ hauchte er zärtlich und warf ihr Kußhändchen nach.„*
„Das Mädchen könnte mich zu einer Dummheit verleiten,“ brummte er,„und wenn ſie wollte—“ Des Satzes Ende verſchwand in einem unverſtändlichen Grunzen.
Es war ein Uhr. Die Thätigkeit und das Leben im Innern der Kaſerne begann von Neuem. Des Gra⸗ fen Flucht ward erſt am Abend entdeckt, als die Runde in die verlaſſene Zelle kam. Berger traf kein Verdacht und Niemand konnte begreifen, wie dieſe Flucht ſtatt⸗ gefunden hatte.
12.
Die Flucht des Grafen hatte große Senſation ge⸗ macht. Major Gramonz withete, konnte jedoch keinen Gegenſtand finden, an welchem er ſeine ohn⸗ mächtige Wuth ausgelaſſen hätte. Sein Anſehen war ſeit dem Duell mit Wall bedeutend untergraben wor⸗ den. Seine Kameraden konnten es ihm nicht verzeihen, daß er ſich unwürdig dabei benommen hatte. Er ver⸗ ſuchte zwar den Lieutenant zu verdächtigen und ſcheute ſich nicht zu behaupten, Wall habe dem alten Grafen zur Flucht verholfen, dieſe Behauptungen ermangelten jedoch jedes Beweiſes, und das Kriegsgericht wagte es nicht, gegen den öſterreichiſchen Officier einzuſchreiten, von dem man wußte, daß er zur Zeit der Flucht an einer Wunde ſchwer darniederlag. Es war inzwiſchen längere Zeit verfloſſen. Wall und Bertha wußten, daß ihr Vater gerettet wäre, wußten auch, daß Berger der Retter war, konnten jedoch über den gegenwärti⸗ gen Aufenthaltsort des Grafen keine Kunde erhalten. Wall ſtand von ſeinem Krankenlager auf, beſorgte ſeine Geſchäfte und hatte keine Urſache mehr, länger in Dänemark zu bleiben. Berger hatte durch Marie, welche ihn nach wie vor öfter beſuchte, den Officier bitten laſſen, nichts zu ſeiner Befreiung zu unternehmen, indem er ſchon zur rechten Zeit zu den Truppen einrücken würde, ohne ausgewechſelt worden zu ſein. Wenn dies auch erſt in Deutſchland ſein ſollte, kommen würde er ge⸗ wiß, doch niemals ohne den Grafen und Wilhelm.
Wall, ſeine Braut und die ausgewechſelten Ge⸗ fangenen waren abgereiſt. Als dies Berger erfuhr, beſchloß er zu entfliehen, da ſeine Geſchäfte in Kopen⸗ hagen zur allgemeinen Zufriedenheit beendet waren. Seine Flucht unterlag keinen großen Schwierigkeiten, denn, wie ſchon erwähnt, wurde er faſt gar nicht über⸗ wacht und erhielt ſogar die Erlaubniß ohne Eskorte in der Stadt ſpazieren zu gehen. Um Geld brauchte er ſich nicht zu kümmern. Bertha hatte ihn reichlich damit verſehen laſſen und ſo konnte denn ſeine Flucht ein wahrer Vergnügungszug werden.„Wilhelm und der Alte,“ ſprach Berger zu ſich ſelbſt, nachdenkend über ſeine Entweichung,„ſind in das Land hinein ge⸗ flohen, ich will ſie aufſuchen, denn ohne mich kommen ſie doch nicht weit. Auch könnte ihnen das Geld aus⸗ gehen und ich habe genug davon. Ehe ich jedoch meine Rundreiſe durch Sr. Majeſtät des Königs von Däne⸗ mark Staaten antrete, möchte ich ein Privatgeſchäft ab⸗ machen, wozu ich mich als ehrlicher Kerl verpflichtet fühle. Ich möchte eine kurze aber eindringliche Unter⸗ haltung mit dem lieben Major Gramonz pflegen. Ich hoffe, wir verſtändigen uns.“ Was Berger ein⸗ mal beſchloſſen hatte, führte er auch konſequent durch. Er hatte ſich unter der Hand einen einfachen Civilanzug zu verſchaffen gewußt, legte ihn an einem ſchönen Frühlingsnachmittage an, ſeine eigenen Kleider in einem Winkel des Kaſernenbodens zurücklaſſend, und ſchlenderte mir nichts, dir nichts zum Kaſernenthor hinaus. Niemand hielt ihn an und man hätte ihn auch nicht angehalten, wenn man ihn erkannt hätte, da er beim Kommandanten gut angeſchrieben war. Einmal auf der Straße, ſchlug er den Weg nach der Wohnung des Majors ein, nichts ſehnlicher wünſchend, als den braven Mann zu Hauſe anzutreffen.
Sein Wunſch ging in Erfüllung. Gramonz war zu Hauſe, jedoch in der übelſten Stimmung, in welche ihn Berthas Abreiſe, welche er zu verhindern nicht im Stande geweſen, verſetzt hatte.
Berger klopfte an.
Ein lautes Herein ertönte und er trat ein.
Gramonz erkannte ihn nicht.„Was wünſchen Sie?“ fragte er ziemlich unfreundlich.
„Ich habe mit Ihnen einige Worte zu ſprechen, Herr Major,“ entgegnete Berger.„Meine Ausſagen betreffen den Grafen Brander.“ 8
„Haben Sie Nachrichten von ihm?“ fragte gierig der Major.
„Zuverläſſige, welche ich Ihnen jedoch nur dann mittheilen kann, wenn ich die Ueberzeugung habe, daß wir allein ſind.“
„Wir ſind es. Sprechen Sie, mein Herr!“
„Erlauben Sie, daß ich mich davon überzeuge,“ entgegnete Berger ruhig und unterſuchte das Neben⸗ ſowie das Vorzimmer. Es war wirklich Niemand dort.
„Nun kann ich ſprechen,“ hub Berger an. „Wollen der Herr Major mir erlauben, daß ich mich ſetze.“
„Setzen Sie ſich!“ „Wollen der Herr Major neben mir Platz nehmen“


