Jahrgang 
1864
Seite
262
Einzelbild herunterladen

262 Julius Roſen:Schleswig

Holſtein meerumſchlungen.

Sie Dann müſſen Sie

Gut. Ich werde mich ſodann entfernen. harren aus, bis ich wiederkomme. fort, denn dann iſt Alles gelungen.

O wären wir ſchon ſo weit.

Marie entfernte ſich. Wilhelm erwartete ſie an der Straßenecke und verſprach, ſich rechtzeitig einzufinden und keine Gefahr zu ſcheuen, um den Grafen zu retten.

Dieſer fand, als ihm gegen eilf Uhr der Schließer das Eſſen brachte, einen Zettel im Brode, worauf ge⸗ ſchrieben ſtand:Machen Sie ſich fertig! Heute muß es ſein!

Ohne Hoffnung auf ein Gelingen zu haben, freute ſich der Alte dennoch der Theilnahme des braven Mannes und beſchloß, da er ja doch ſterben müſſe, jeden der Rathſchläge Bergers zu befolgen.

Es ſchlug zwölf Uhr. Die Gefangenen hatten ab⸗ gegeſſen, der Schließer hatte ebenfalls geſpeiſt und dehnte ſich auf ſeinem Lager.

Marie kam. Das Mädchen war bleich und zitterte.

Ach die ſchöne Schweſter! rief der Schließer, ſprang vom Bette auf, ging auf das Mädchen zu und umarmte es. Die Zornesröthe färbte ihre Wangen und das war gut, ſonſt hätte der Mann ihre Bläſſe und die Angſt, in welcher ſie ſich befand, merken müſſen.

Solche Späße müßt Ihr laſſen, Herr Schließer, fuhr ſie ihn an,ich bin das nicht gewöhnt, bin ein braves Mädchen und laſſe mich nur von meinem Bräu⸗ tigam umarmen.

Nun, man kann ja nicht wiſſen was geſchieht, ſchmunzelte der Schließer und drehte an ſeinem Schnurr⸗ bart.Ich bin ledig, bin ein netter Mann in den beſten Jahren, verſpüre Luſt zum Heiraten, was man mir, da ich Verdienſte habe, wohl bewilligen wird. Wenn ich nun mein Auge auf Sie geworfen hätte, kleine Hexe!

Ach geht, Ihr macht mich ſchamroth, ſprach Marie und verbarg ihr Geſicht in der Schürze.

Schämt Euch nicht, kleine Schöne, flüſterte ſüß lächelnd der zahnloſe alte Kerl und zog das Mädchen näher zu ſich.

Marie retirirte, der Schließer ihr nach. So kamen ſie bis in die Fenſterniſche, wo Marie endlich Stand hielt, da ſie ja alle Augenblicke hinausrufen konnte, falls der verliebte Alte zu dreiſt werden ſollte.

Berger benützte dieſe Operation zur Ausführung ſeines Planes. Er nahm geräuſchlos die Schlüſſel von der Wand und drückte ſich zur Stube hinaus.

Marie hatte es gut bemerkt und ſetzte nun Alles daran, den Schließer an ihrer Seite zu behalten, Einer vollendeten Kokette gleich, zog ſie ihn bald an ſtieß ihn wieder ab, ſo daß der alte Gimpel beſeligt im Netze zappelte und bis Abends mit ihr geſchäkert und gekoſt hätte.

Verkaſſen wir die Beiden und gehen wir mit Bergerden gefährlichen Gang zur Rettung des Grafen.

Die Mittagsſtunde machte die Gänge der Kaſerne menſchenleer. Es war ſo ſtill wie in der Nacht. Vor⸗ ſichtig ſchlich der Jäger, die Strickleiter um den Leib

gewickelt, durch die Gänge, die Treppen hinauf in den rückwärtigen Trakt, wo ſich Branders Zelle befand. Er öffnete und trat ein.

Seid Ihr bereit, Herr Graf? flüſterte er.

Jetzt, zur Mittagszeit? entgegnete verwundert der Graf.

Gerade jetzt.

Wie komme ich mit meinen Feſſeln fort?

Ich habe Feilen mitgebracht.

In einigen Minuten fielen die Feſſeln ab und Berger trat hinaus auf den Gang. Es war Alles ſtill. Kommt nur, Herr Graf flüſterte er. Sie ſchlichen hinaus und Berger führte den alten Mann die Bo⸗ dentreppe hinauf.

Wohin gehen wir? fragte der Alte in fieber⸗ hafter Aufregung.

Den einzig möglichen Weg, entgegnete Berger.

Der Dachboden war offen, denn die Maurer gingen aus und ein. In dieſem Augenblicke aber be⸗ fanden ſich Alle in der Kantine im Hofe und die beiden Männer kamen demnach ungeſehen bis zur Dachlucke und auf das Gerüſt, von welchem die Seile der Maurer hinabhingen.

Da hinunter müſſen Sie, Herr Graf, ſagte Berger.

Mit Gott denn, entgegnete entſchloſſen der Alte.

Es wird nicht ſo gefährlich ſein, ich habe für eine ſichere Treppe geſorgt, ſprach Berger und ent⸗ ledigte ſich der Strickleiter. Während deſſen ließ er den Ruf einer Krähe erſchallen. Die Antwort blieb aus.

Vielleicht iſt Femand auf dem Damme.

Mit klopfendem Herzen wartete er einige Augen⸗ blicke, dann wiederholte er den Ruf.

Diesmal wurde das Zeichen erwiedert.

Aufathmend ſprach Berger:Die Luft iſt rein, nun raſch hinab, benützen wir den günſtigen Augen⸗ blick.

Er befeſtigte die Strickleiter an dem Gerüſte, gab dem Grafen eine Maurerkelle in die Hand, beſpritzte ihm die Kleider mit Kalk und Mörtel und die gefähr⸗ liche Reiſe begann.

Der Alte ſtieg hinab. Als er den Augen Ber⸗ gers entſchwand, beobachtete dieſer mit bebendem Herzen die Schwingungen der Leiter. Wenn ſie heftiger zitterte, ergriffen ihn Befürchtungen der ſchrecklichſten Art. Wenn der Alte ſchwindelte und hinabfiel, wenn zu⸗ fällig Jemand vorbeiging, dann war auch ſein Leben verloren. Erſt jetzt trat das Gefährliche ſeines Unter⸗ nehmens vor ſeine Blicke und es war ihm, als ob er Alles im Stiche laſſen und davon laufen müßte. Krähenruf riß ihn aus ſeinem Schrecken. Der Alte war glücklich unten, war gerettet. Er hätte in die Knie ſinken und Gott laut und brünſtig danken mögen. Aber die Zeit drängte. Schnell nahm er ſeine Leiter wieder zuſammen, verbarg ſie am Boden in altem Gerümpel, kehrte zu der Zelle des Grafen zurück, verſchloß ſie vor⸗ ſichtig und ſchlich ſich in des Schließers Stube.

Was mag inzwiſchen die arme Marie ausge⸗ ſtanden haben? Mit Todesangſt im Herzen mußte ſie

Der.