anderer Geldquellen gefährlich.
Julius Roſen:„Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungen.“ 261
wurde, da ihre Kundſchaft nur aus Soldaten beſtand. Auf dieſe trat ſie zu, kaufte ihr einige Brödchen ab und ließ ſich mit ihr in ein Geſpräch über den Krieg ein. Das Weib mochte wohl Eva's Erbfehler mit überkom⸗ men haben, es ſprach gerne und ließ ſich in eine ſo aus⸗ führliche Erzählung aller Heldenthaten, welche die Dänen vollführt hatten, ein, daß die ſcheinbar zuhörende Marie Muße genug hatte, die Vorübergehenden zu muſtern. Die Erzählung der Alten war zu Ende und Wilhelm kam noch immer nicht. Marie zog das abgelaufene Uhrwerk des Redefluſſes der Alten von Neuem auf, indem ſie die zutraulich gewordene über ihre Familienverhältniſſe ausfragte, welche dieſe bereit⸗ willigſt mittheilte. Doch auch dieſe waren erſchöpft und Wilhelm kam noch immer nicht.
Für heute iſt es mit dem Warten nichts mehr, dachte das Mädchen, dankte der Alten für die ange⸗ nehme Unterhaltung, die ſie ihr bereitet hatte, und ging.
Ihre Augen ſchweiften von einem Geſichte auf das andere, in jedem glaubte ſie den Geſuchten zu finden und immer wieder ſah ſie ſich getäuſcht. Als ſie traurig über ihr Mißgeſchick den Weg nach Hauſe ein⸗ ſchlug und in eine minder belebte Straße kam, klopfte ihr Jemand auf die Achſel. Sie wendete ſich um und— lag an der Bruſt ihres Bruders.
Wer war nun froher als Marie. Vor Allem entledigte ſie ſich ihres Auftrages, und dann ging es an ein Erzählen, ſo daß ſie zu Hauſe angekommen war, lange bevor ſie es wünſchte. Auch Wilhelm war erfreut, ſeine Schweſter zu ſehen; einmal darum, weil er Nachrichten von ſeinem Vater und ſeinem Kinde er⸗ hielt, und ſodann, weil er aus der größten Geldver⸗ legenheit geriſſen wurde, denn die wenigen Geldſtücke Bergers waren ausgegeben und die Ermittelung
„Wo bliebſt Du ſo lange, Marie?“ fragte Bertha, als ihr Mädchen in's Zimmer trat.
„Ich hatte Einkäufe zu beſorgen, gnädiges Fräu⸗ lein,“ entſchuldigte ſich Marie,„und konnte nicht früher kommen.“
„Du hätteſt kommen ſollen,“ entgegnete unwillig Bertha.„Wie leicht hätten wir Deiner benöthigt.“
„Ich will ein andermal früher kommen,“ ent⸗ gegnete Marie demüthig, um Walls Aufmerkſam⸗ keit nicht auf ſich zu lenken, winkte aber verſtohlen dem Fräulein, mit ihr in das vordere Gemach zu treten. Bertha bemerkte endlich den Wink und kam.
„Was haſt Du?“ fragte ſie raſch.
„Ich habe mit Berger geſprochen.“
„Mit dem Verräther?“
„Er iſt treu!“
„O mein Gott!“
„Laſſen Sie den Kranken nichts merken, er darf nichts erfahren, Berger hat es verboten.“
„Was kann ich hoffen?“
„Hoffen und beten Sie, Fräulein! Mehr kann und darf ich nicht ſagen.“
Am andern Morgen ging Marie abermals zu ihrem Berger. Bruder Wilhelm erwartete ſie vor
Strickleiter gekauft und übergab dieſe Effekten dem Mädchen zur Aushändigung an Berger. Dieſer em⸗ pfing die Geräthſchaften mit Jubel.„Es iſt hohe Zeit,“ ſprach er, als ſie allein waren, zu dem Mädchen.„Man munkelt hier überall, der König habe das Urtheil gegen den Grafen bereits beſtätigt, und iſt dem ſo, dann wird dieſer Bluthund, dieſer Gramonz, ſchon dafür ſorgen, daß es ſo raſch als möglich in Vollzug geſetzt werde.“
„Wann ſoll der arme alte Mann entfliehen?“ fragte Marie.
„Noch heute,“ antwortete Berger.
„Nachts?“
„Nein, bei Tage. Es iſt kühner, aber ſicherer. An der rückwärtigen Seite der Kaſerne gegen das Waſſer zu arbeiten Maurer, welche an ihren Seilen ſchwebend die Mauer ausbeſſern und verputzen. Wenn ich auf dieſer Seite den Grafen hinablaſſe, fällt es nicht auf, man wird ihn eben für einen Maurer halten.“
„Um welche Stunde ſoll das Wageſtück ausge⸗ führt werden?“
„Mittags von zwölf bis ein Uhr. Da gehen die Maurer zum Eſſen und ſtören uns nicht. Hören Sie weiter, Marie. Ich kann dem alten Herrn heraus⸗ helfen, aber forthelfen kann ich ihm nicht. Ich muß in der Kaſerne zurückbleiben und wo möglich die Flucht entdeckt zu haben ſcheinen. Es iſt dies zu meiner, mehr noch zu Eurer Sicherheit nothwendig. Es muß demnach Wilhelm dran. Er möge ſich zwiſchen Zwölf und Eins am Damme einfinden. Ich werde ihm ein Zeichen geben, nach dem er aufpaſſen ſoll. Ein Krähenruf ſoll dies Zeichen ſein. Kommt der Graf glücklich am Damme an, dann ſollen ſie ſich ſo ſchnell als möglich entfernen, ſich eine Zeit lag im Lande ſelbſt verbergen, und erſt ſpäter nach Deutſchland hinüber entfliehen. Man wird, iſt die Flucht des Grafen entdeckt, genau aufpaſſen und ihn überall ſuchen, nur im Lande ſelbſt nicht.“
„Gebe Gott ſeinen Segen und ſeine Hilfe,“ flü⸗ ſterte Marie.
„Auch Sie müſſen mir behilflich ſein, Marie.“
„Was kann ich armes Mädchen thun?“
„Ihre Armuth nützt uns nichts, wohl aber Ihre Schönheit.“
„O, ich bitte—“
„Der Schließer, der alte Eſel, iſt in Sie verliebt. Ich ſollte ihn dafür eigentlich niederſchlagen, aber ich muß dies mein inniges Sehnen unterdrücken, denn zu unſerem Plane paßt mir dieſe Liebe. Gegen zwölf Uhr kommen Sie wieder hierher. Der Alte wird ſchön mit Ihnen thun. Sie laſſen ihn gewähren—“
„Ich ſoll—“ fragte zögernd das Mädchen.
„Sie ſollen es dulden, wenn er Sie am Kinn faßt, in die Backen kneipt oder gar küſſen will—“
„Auch das ſoll ich dulden?“
„Auch das, entgegnete ſeufzend Berger. Mich tröſten dabei nur die rieſigen Prügel, welche der Mann bekommen wird, iſt der Graf entflohen.“
„Alſo ich laſſe mich küſſen—“


