260 Julius Roſen„Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungen.“
Berger gerade damit beſchäftigt, den Gefangenen das Mittagseſſen anzurichten. Seitdem er öffentlich gegen den Grafen gezeugt, hielt man ihn für ſicher und gab ihn dem Schließer als Aushelfer bei. Als er Marie erblickte, ließ er Meſſer und Gabel fallen und ſtarrte das Mädchen mit offenem Munde an.„Mariel'“ rief er nach einer Pauſe, während welcher er ſich von ſeinem Staunen erholt hatte, lief auf ſie zu und wollte ſie umarmen. Aber das Mädchen hielt ihm mit ange⸗ borener Majeſtät die Hand entgegen und hinderte ihn, ſie zu berühren.„Noch nicht,“ ſprach ſie ernſt,„erſt müſſen wir uns ausgeſprochen haben.“
„Wer iſt das Mädchen?“ fragte der Schließer verwundert.
„Meine Schweſter,“ antwortete raſch der Jäger. „Sie kommt nach Dänemark, um mich aufzuſuchen, das gute, brave Kind. Ihr erlaubt wohl, daß ich unter vier Augen mit ihr ſpreche.“
„Gerne,“ erwiederte der Schließer, nahm einen Korb mit gefüllten Kochgeſchirren und begab ſich in die Gefängnißlokalitäten.
Als ſie allein waren, muſterte Marie ihren Schatz von oben bis unten auf die eindringlichſte Weiſe und ſprach ſodann mit feſtem Tone:„Sie ſind ein ſchlechter Menſch, Bergerl“
„Könnte ich Ihnen ſo ruhig in die Augen ſehen,“ antwortete lächelnd der Jäger,„wenn ich ein ſchlechtes Gewiſſen hätte?“
„Wollte Gott, es wäre ſo, wie Sie ſagen,“ ent⸗ gegnete das Mädchen.„Haben Sie nicht den Tod unſeres guten Grafen verſchuldet?“ 3
„Ich hätte das gethan? Da ließe ich mir doch lieber den Kopf vom Rumpfe hauen.“ Berger er⸗ zählte dem ſtaunenden Mädchen ſeine letzten Erlebniſſe, wie er den Grafen gefunden, wie er die Flucht einge⸗ leitet und ausgeführt, wie er geglaubt habe, ſie ſei ge⸗ lungen und wie Major Gramonz Alles vereitelt hätte. Er erzählte ferner, wie er ſich freiwillig in die Gefangenſchaft zurückbegeben habe, um den alten Herrn doch zu retten.„Halten Sie mich nun noch für einen Verräther?“ fragte er, nachdem ſeine Geſchichte zu Ende war.
„Mein guter, mein beſter Schatz!“ rief Marie und flog ihrem Berger ſo entſchieden an den Hals, daß er ſich anlehnen mußte, um der Heftigkeit ihrer Freude nicht zu erliegen.„Mein Bruder iſt alſo in Kopenhagen?“ fragte das Mädchen, ihre Stimme zum Flüſtern herabſtimmend.
„Sie müſſen ihn aufſuchen, Marie,“ entgegnete Berger,„denn ich bedarf ſeiner.“
„Wie mache ich das?“
„Wenn Sie heute oder morgen, je eher, deſto beſſer, einige Stunden in der Nähe dieſer Kaſerne herumſchleichen, müſſen Sie mit ihm zuſammentreffen. Er hat mir verſprochen, ſich täglich in der Nähe auf⸗ halten zu wollen. Treffen Sie ihn nun, müſſen Sie ihm ſagen, er möge ſich unauffällig mit Waffen und einer Strickleiter verſehen und ſodann weitere Aufträge von Ihnen erwarten.“
„Ich will das beſorgen,“ entgegnete Marie. „Haben Sie denn wirklich Hoffnung, den Grafen zu retten?“
„Es iſt ein ſchweres Stück Arbeit,“ antwortete Berger,„aber mit Gottes Hilfe werde ich es fertig bringen.“
„Wie wird ſich unſer gute Herr Lieutenant freuen.“
„Sie dürfen ihm nicht eine Sylbe davon ver⸗ rathen. Es war mir unbequem genug, daß er nach Kopenhagen kam.“
„Es würde ihn tröſten in ſeinen ſchweren Wunden.“
„Was iſt es mit ihm?“
Nun erzählte Marie das Duell und ſeine Folgen.
„Wollte Gott, ich begegnete dieſem Major Gra⸗ monz mitten in einſamer Nacht,“ knirſchte Berger, „er ſollte ein nettes Andenken bekommen. Wenn die Wunde nicht gefährlich iſt,“ fuhr er nach einer Pauſe fört,„dann iſt es mir eigentlich lieb, daß der Lieute⸗ nant verwundet wurde. Einen Verwundeten kann man der Mitwiſſenſchaft und Theilnahme an der Flucht eines Verurtheilten nicht beſchuldigen. Um die hieſige Stellung unſeres braven Herrn nicht gefährlich zu machen, müſſen wir ſchweigen. Er darf nichts wiſſen, bis Alles vorüber iſt.“
„Ich werde ſchweigen,“ entgegnete Marie,„aber dem armen, betrübten Fräulein darf ich doch ſagen—“
„Ahnen darf ſie die Möglichkeit einer Rettung, aber wiſſen darf ſie nichts. Sie würde ſich verrathen. Sagen Sie ihr ſo viel, als genügt, um ſie ein klein wenig zu tröſten. Wenn der Schließer zurückkommt, ſind Sie freundlich mit ihm, Sie müſſen öfter zu mir kommen können.“
Dieſen Rath befolgte Marie. Sie machte dem grauen Sünder, welcher ſie in die vollen Backen zwickte, einen Knix über den andern und wußte ihm ſo gut zu gefallen, daß er ſelbſt ſie einlud, recht bald wieder zu kommen.
Sie gab ihm das Verſprechen und ging.
„Ein nettes Mädchen, dieſe Kleine,“ brummte ſchmunzelnd der Schließer, ihr nachſehend.„Weiß Gott, man wäre verſucht, dem Junggeſellenſtand Adieu zu ſagen und die Wetterhexe zu heiraten. Hat Sie ſchon einen Schatz?“ wendete er ſich zu Berger.
„Sie hat noch nie einen gehabt,“ entgegnete Berger;„das Mädel iſt zu wild für die Liebe.“
„Wild,“ ſchmunzelte der Schließer.„Wild habe ich die Mädels am liebſten. Es iſt dann doch der Mühe werth, ſie zahm zu machen.“
„Schafskopf,“ brummte Berger.
„Was meint Ihr?“ fragte der Schließer.
„Ich meinte, daß Ihr ein gefährlicher Menſch ſeid.“
Marie war inzwiſchen vor's Thor gekommen und ſah ſich nach einem geeigneten Plätzchen um, von wo ſie die Vorübergehenden betrachten könnte, ohne ſelbſt den Blicken aller Neugierigen ausgeſetzt zu ſein. In der Einfahrt eines der Kaſerne gegenüberſtehenden Hauſes bemerkte ſie ein altes Weib, das Gebäck und geiſtige Getränke verkaufte und von Niemand beachtet
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