Jahrgang 
1864
Seite
254
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254 Feuilleton.

läßt. Der Sultan warf ein Kleidungsſtück ab, um es nie wieder anzuziehen, wenn ein Menſch es berührt hatte. Es iſt bekannt, daß er ausſchließlich voͤn Frauen ſeines Harems bedient wurde. Oeffentlich redete er Niemanden an. Er heftete ſeinen Blick mehr oder weniger lange auf die Perſon, welche ihm gegenübertrat, je nach dem Grade der Achtung, die er ihr beweiſen wollte. Es waren in dieſer ſtummen Sprache des Padiſchah Nüancen der in⸗ nigſten Gefühle, welche die Sprache nicht ausdrücken würde.

Die zweite und furchtbarſte Epidemie, welche im Jahre 1856 zu bekämpfen war und die ſich hauptſächlich unter den in engen, dem Angriff miasmatiſcher Einflüſſe ausgeſetzten Gegenden zuſammengedrängten Bevölkerungen verbreitete, war die Kriegs⸗, Gefängniß⸗, Schiffs⸗, Hoſpital⸗ Krankheit, auch ungariſches oder neapolitaniſches Fieber oder kontagiöſer Mainzer Typhus benannt. Die Urſachen des Typhus ſind bekannt und man kann willkürlich den typhöſen Einfluß entſtehen und verſchwinden machen. Der Typhus bricht ſchneller oder langſamer aus; jeder Kranke verbreitet gefährliche Emanationen. Zur Heilung dieſer furchtbaren Krankheit bedarf man vor Allem reiner, ohne Unterlaß erneuerter Luft. Das Auftreten des kontagiöſen Typhus war die ſchrecklichſte Periode, welche die Orient⸗ armee durchzumachen hatte, und ohne die Anwendung der energiſchſten Maßregeln wäre die Sterblichkeit ohne Grenzen geweſen. Die Hauptmittel waren Iſolirung und Lüftung. Während des Monats Februar 1856 war die Geſammtzahl der Kranken auf der Krim 19.648, von denen 2400 geſtorben, 1993 geheilt und 8738 nach Konſtan⸗ tinopel gebracht wurden. Während desſelben Monats ſtieg die Zahl der Kranken in den Hoſpitälern Konſtantinopels auf 20.088, von denen 2527 ſtarben, 3817 geheilt, 4200 nach auswärts gebracht wurden. Man ſpricht mit Schrek⸗ ken von der egyptiſchen Peſt im Jahre 1792; aber was wollen die 700 Opfer, welche derſelben gefallen ſind, gegen die ungleich furchtbareren Verheerungen bedeuten, die der Typhus in der Krim angerichtet hat!

Aus einer vom engliſchen Kriegsminiſter Lord Pan⸗ mure herausgegebenen Statiſtik geht hervor, daß vom 19. September 1854 bis zum 28. Sept. 1855 in der engliſchen Armee 188 Officiere und 1775 Soldaten ge⸗ tödtet, 51 Officiere und 1548 Soloaten an ihren Wunden geſtorben, anderen Krankheiten dagegen bis zum 31. De⸗ cember 1855 erlegen ſind nicht weniger als 26 Officiere und 11.425 Mann. Glücklicher Weiſe wiederholten ſich dieſe grauſamen Prüfungen nicht, im Jahre 1856 blieb der Geſundheitszuſtand des engliſchen Heeres ſehr be⸗ friedigend, ſelbſt im ſtrengen Winter. Im Ganzen hatten die Engländer 270 Officiere und 14.314 Soldaten ver⸗ loren, überdies waren 2873 Soldaten erfroren.

Zum Schluſſe ſei hier noch ein Blick auf das türkiſche Medicinalweſen geworfen, welches kennen zu lernen Dr. Baudens um ſo mehr geſpannt war, als die Hilfs⸗Eleven aus der mediciniſchen Schule zu Konſtantinopel, welche ihm früher zur Verfügung geſtellt waren, einen ſehr vor⸗ theilhaften Eindruck auf ihn gemacht hatten. Direktor des Geſundheitdienſtes der türkiſchen Armee war Thomal⸗Bey, Oberrichter von Anatolien, welche Würde dem Range eines Muſchir oder Paſcha mit drei Roßſchweifen ent⸗ ſpricht. Dieſer hohe Würdenträger war auch Direktor der militärärztlichen Schule, in der man Civil⸗Eleven zu⸗ ließ; er präſidirte zweimal wöchentlich dem aus Profeſſoren beſtehenden Rathe und arbeitete direkt mit dem Kriegs⸗ miniſter. Der Vicedirektor der Schule, Arif⸗Bey, über⸗ wachte den Geſundheitsdienſt und überſendete täglich dem Direktor einen geſchriebenen Rapport. Die Geſundheits⸗ Officiere des ottomaniſchen Dienſtes haben einen hierar⸗ chiſchen Rang, der ſie den eigentlichen Officieren des Heeres gleichſtellt.

Die ottomaniſche Regierung hatte während des Krieges nur vier Hoſpitckler für ihren eigenen Dienſt be⸗ halten, die anderen den Verbündeten zur Verfügung ge⸗ ſtellt. Dieſe waren ſämmtlich auf hohen geſunden Plätzen erbaut, von allen Seiten iſolirt und bezeugten ein großes

Verſtändniß der Sanitätsgeſetze. Eine große Anzahl von Oeffnungen ließ Luft und Licht eintreten, die Fenſter waren doppelt, damit die zunächſt liegenden Kranken nicht von der Zugluft durch die Fugen beläſtigt werden ſollten und im Winter eine milde Temperatur der Säle leichter unterhalten werden konnte. Grüne Vorhänge milderten das oft zu grelle Licht des orientaliſchen Himmels. In gleicher Höhe mit dem Boden ventilirten geſchickt ange⸗ brachte kleine Löcher in der äußeren Mauer die niedrigen Regionen der Säle. Die Fußböden waren mit Oel ge⸗ ſtrichen oder ſo rein gewaſchen, daß man kein Fleckchen ſah. Ueberall herrſchte eine faſt übertriebene Reinlichkeit. Chlorräucherungen und vorzüglich ſolche mit aromatiſchen Kräutern entführten die von den Kranken ausſtrömenden Miasmen. Die meiſten Betten waren von Eiſen, die Matratzen, Lacken und Decken von tadelloſer Reinlichkeit. Die Einrichtung der Waſchhäuſer hätte den Neid der flandriſchen Hausfrauen erregen können. Die Beſpeiſung war geſund und einfach. Das ottomaniſche Marine⸗ Hoſpital zeigte einen großen Luxus in der Einrichtung und war ſo muſſtterhaft eingerichtet, daß es kein euro⸗ päiſches Hoſpital zu beneiden brauchte.

Ich verließ ſagt Baudens am Schluſſe ſeiner Darſtellungden Orient mit dem Bewußtſein, im Verhältniß zu meinen Kräften in vielen Leiden Erleichte⸗ rung verſchafft zu haben, und nachdem ich, wie ich wohl ſagen kann, dem ſchmerzlichſten Schauſpiel beigewohnt hatte, das ich ſeit langer Zeit geſehen. Den Werkzeugen der Zerſtörung, die menſchliches Genie ſo mörderiſch ge⸗ macht, und die in ſo großer Zahl wohl nie auf einem ſo engen Raum zuſammengehäuft waren, ſtanden Cholera, Skurbut, Dysenterie und Typhus zur Seite. Die ſtete und lebhafte Beſorgniß der Regierung, die beharrlichen Anſtrengungen der Militärverwaltung, die Hingebung der Sanitätsbeamten hatten endlich über die Epidemie trium⸗ phirt, das iſt wahr, aber um den Preis welcher Opfer? Befragen wir die mediciniſche Statiſtik der Krankenan⸗ ſtalten, die allein uns hier leiten kann, ſo war die Zahl der Todten, die ſich in den Ambulancen und Spitälern ergeben hat, für den ganzen Feldzug im Orient ungefähr 63.000, von denen 31.000 auf die Krim und 32.000 auf Konſtantinopel kommen.

Die Armeen bedürfen moraliſcher Triebfedern, die ſie vor Heimweh und Erſchlaffung bewahren. Die Religion begeiſterte die Truppen Gottliebs von Bouillon, der ritter⸗ liche Geiſt beſeelte die franzöſiſchen Officiere bei Fontenoy; die Gewißheit des Sieges, unterhalten durch die raſche Folge von Siegen, riß die Armeen des Kaiſerreichs fort. Auch unſere Truppen hielt ein moraliſcher Sporn während dieſes ſchweren Krimkrieges aufrecht, das Ge⸗ fühl der Pflicht, welches unſere Soldaten beſeelte, ohne einen einzigen Tag in dieſem Kampfe abzuſtumpfen, der gleich ruhmvoll gegen den Feind wie gegen Entbehrun⸗ gen und Leiden aller Art war. Andere Armeen mögen ebenſo viel kriegeriſches Feuer bewieſen haben, ebenſo viel ungeſtümen Muth, wie die Orientarmee, keine hat es weiter gebracht an Stoicismus, Muth und Todesver⸗ achtung.

Bonbons.

Der Londoner Rothſchild ſandte jüngſt einen Wech⸗ ſel an die Londoner Bank, mit der Bitte, denſelben zu diskontiren, und erhielt den Beſcheid, die Bank diskon⸗ tire nur ihre eigenen Wechſel, aber keine für Privat⸗ leute.Gut, rief Rothſchild,wir wollen der Bank zeigen, was für Private wir ſind! Folgenden Tages begab er ſich auf die Bank, gefolgt von einem Diener mit einem Kaſten. Er holte aus ſeinem Portefeuille eine Fünfpfundnote, und verlangte dafür Sovereigns, dieſel⸗ ben wurden gezahlt! Daranf präſentirte er die zweite, dritte und ſofort, bis das Portefeuille geleert war. Die