Jahrgang 
1864
Seite
252
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Feuilleton.

Spitze des Säbels gemacht wäre, und dieſes Geſchoß weicht nicht ſo leicht ab wie die runde Kugel, da Nichts der durchdringenden Kraft der Spitze des koniſchen Pro⸗ jektils widerſteht. Wenn eine runde Kugel unter einem ſtumpfen Winkel auf die runde Oberfläche eines Knochens ſchlägt, wie die Schädelknochen, eine Rippe ꝛc., ſo um⸗ kreiſt ſie ihn ſehr oft, ohne ihn zu zerbrechen; die Spitze des chlindro⸗koniſchen Projektils rberch ihn faſt immer ohne Umſtände. Wenn eine koniſche Kugel noch am Ende ihres Laufes trifft, ſo kann ſie ſich neigen und in die Quere eindringen. Die Wunden durch Feuerwaffen, die im Weſentlichen Kontuſionen ſind, bedingen eine ſehr hef⸗ tige, entzündliche Reaktion, welche, da ſie im Verlaufe einer Reihe von Zufällen Brand veranlaſſen kann, oft eine energiſche Behandlung erfordert. In dieſem Falle ſcheint das Eis das beſte therapeutiſche Agens. Die Be⸗ handlung mit Eis kann übrigens nicht nur bei Wunden des Krieges angewendet werden, ſondern auch bei zufälligen Verletzungen, Kontuſionen und Frakturen und beſonders bei eingeklemmten Brüchen, die ſie oft ohne Operation mit dem beſten Erfolge heilt.

Wenn ein Haubitzenſplitter mit einem ſeiner Winkel aufſchlägt, macht er eine breite Schnittwunde, die ziemlich rein ausſieht, aber nur nach einer gewiſſen Abſtoßung der durch die Wucht ſeines Stoßes getödteten Gewebe heilen kann. Dieſe Wunden hatten in der Krim eine ſehr beſtimmte Neigung, den Charakter des Hoſpitalbrands anzunehmen. Wenn Kanonenkugeln am Ende ihres Laufes am Boden hinrollen, muß man ihnen behutſam aus dem Wege gehen, ſelbſt wenn ihr Lauf nur ganz langſam iſt. Ein Grenadier der Garde, der an der Erde auf der Seite lag, wurde auf der Stelle von einer Kanonenkugel getödtet, deren Stoß ihm die Wirbelſäule luxirt hatte. Dieſe Kugel hatte ſo wenig Kraft behalten, daß ſie ſich durch einen unbekannten Zufall in die Kapuze dieſes Soldaten bettete. Dort fand man ſie.

Bomben bringen immer ſehr ſchwere Wunden hervor. In der Bruſt und im Abdomen richten ſie ſo ſcheußliche Zerſtörungen an, daß die Kunſt unfähig iſt, dieſelben mwieder herzuſtolen. Hat eine Stückkugel oder ein Bom⸗ benſplitker ein Glied weggeriſſen, ſo empfindet der Ver⸗ wundete ſehr häufig die Wirkung einer allgemeinen Er⸗ ſchütterung, und bis der Stupor zu verſchwinden anfängt, iſt die Hand des Chirurgen unfähig, die Wunde in Ord⸗ nung zu bringen. Wenn man ſie der Naturheilung allein überließe, ſo würden die ſtark zerriſſenen Lappen, durchſäet von Sehnenſtücken von ungleicher Länge und zermalmten Knochenſplittern, faſt immer einen tödtlichen Brand ver⸗ urſachen. Abgeriſſene Arterien können Hämorrhagien be⸗ dingen und faſt unmittelbar den Tod herbeiführen. Es gibt indeſſen Fälle, wo die Heftigkeit des Stoßes ſelbſt ein wirkſames Mittel abgibt: die Abreißung eines Gliedes veranlaßt, daß das arterielle Gewebe ſich zurückzieht, die Oeffnung des Gefäßrohrs ſich faltet, in ſich zuſammen⸗ kriecht und dem Andrang der Blutſäule einen Damm ent⸗ gegenſetzt.

Zuweilen haben die Wirkungen der Bomben grauen⸗ hafte Eigenthümlichkeiten. General Pecqueux de Lavarande ward buchſtäblich durch eine Bombe, die zwiſchen ſeinen Beinen platzte, in zwei Theile zerriſſen. Der Kopf blieb auf der einen Seite des Rumpfs mit einem Arm und einem Bein, die andern einzelnen nicht mit genannten Theile wurden während der Belagerung von Sebaſtopol in mehreren Stücken geſehen. Es iſt bekannt, daß die Bomben, während ſie ihre Parabel durchlaufen, ſich durch ein eigenthumliches Pfeifen ankündigen, und daß dieſes Pfeifen dazu benutzt wird, ſich vor ihnen zu retten, und daß man kluger Weiſe ſich an die Erde zu werfen pflegt, um dem Platzen aus dem Wege zu gehen. Es iſt vor⸗ gekommen, daß in dem Augenblicke, wo die Soldaten ſich krümmten, um ſich zu Boden zu werfen, die Bombe ihre Kurve beſchreibend der Konvexität des Rückgrats folgte, und es in ſeiner ganzen Länge zerſchmetterte. Der Tod erfolgte augenblicklich. In einem andern Fall, wo der Stoß

weniger heftig war, konnte die Wirbelſäule ihn aushalten. Die Haut war in Folge ihrer Elaſticität nicht verletzt, nur die ſubkutanen Gefäße waren zerriſſen.

Sonſt, wenn man auf dem Schlachtfelde einen Leich⸗ nam fand, deſſen Aeußeres keine Spur einer Verwundung verrieth, ſchrieb man den Tod auf Rechnung eines Luft⸗ ſtreifſchuſſes. Dieſer Irrthum iſt nicht mehr gangbar. Einerſeits ſieht man eine Kugel den Torniſter von den Schultern des Soldaten, ſein Käppi, ſelbſt ſeine Pfeife wegreißen, ohne eine Spur von einer Berührung zu hin⸗ terlaſſen, andererſeits findet man oft unter der Haut die Eingeweide zu Brei zerquetſcht und die Knochen zermalmt. Ein Luftſtreifſchuß würde ſolche Zerſtörungen nicht an⸗ richten können, die Kugel ſelbſt thut es, namentlich in ihren letzten Sprüngen zu Ende ihres Laufes. Aus der Elaſticität der Haut erklärt es ſich, daß dieſe trotz der Be⸗ gegnung der Kugel mit dem Körper unverletzt bleiben konnte.

Der Theil der Wiſſenſchaft, welcher von den Ampu⸗ tationen handelt, iſt von großer Wichtigkeit; über die zwei Hanptfragen: wo ſoll man ſie ausführen und wie kaun man ſie umgehen, hat der Feldzug in der Krim die koſt⸗ barſten Aufklärungen gegeben. Es iſt Vorſchrift der erſten Praktiker, die Amputation ſo tief unten wie möglich zu machen und ſtets, wenn irgend möglich, oberhalb der Knöchel; auch muß dieſelbe möglichſt bald erfolgen, nicht erſt nach dem Verfluß von Tagen oder ſelbſt Wochen. Die Amputationen am Schenkel ſind um ſo gefährlicher, je näher dem Rumpfe ſie gemacht werden; es iſt alſo ſehr wichtig, ſie zu umgehen. Bei den oberen Extremitäten kann man häufig die Amputation vermeiden und dieſelben nicht nur durch Entfernung der Knochenſplitter, ſondern auch noch durch Reſektionen erhalten, operative Eingriffe, welche die merkwürdigſten Reſultate ergeben. Die Reſek⸗ tionen haben nicht nur den Vorzug, das betreffende Glied zu erhalten, ſondern ſie haben auch ſicherer Heilung zur Folge.

Der ſchrecklichſte Feind, den die Orientarmee zu de⸗ kämpfen hatte, war der Hoſpitalbrand, jene furchtbare Geißel, welche, wie der Typhus, von dichten und anhal⸗ tenden Dünſten entſteht, welche in ſtationären, eng zu⸗ ſammengedrängten Armeen ſo ſchwer zu verhüten ſind. Er entſteht ſpontan, verbreitet ſich durch die Luft oder auf dem Wege der Anſteckung direkt durch Auflegen eines Verbandes auf eine geſunde, eiternde Wunde, der von einer vom Brande befallenen Wunde herrührt. Das erſte Mittel dagegen iſt die Iſolirung in geſunden, nicht infi⸗ cirten Räumen, und dieſe Iſolirung geſchieht gleichmäßig im Intereſſe des unglücklichen Betroffenen wie in dem ſeiner Nebenkranken.

Man hatte während der beiden Winter von 1855 und 1856 5 6000 Fälle von Erfrierung gehabt; aber die Beobachtungen haben ganz beträchtliche Verſchieden⸗ heiten ergeben. 1855 war der Froſt nicht ſehr intenſiv. Regenwetter war vorwiegend; der Boden war lange Zeit durchgetreten, beſonders in den Trancheen. Die Füße der Soldaten, in dem Eiswaſſer macerirt, bekamen Erſchei⸗ nungen von Erfrierung, ähnlich denjenigen, die man 1836 unter den Mauern von Konſtantine beobachtete. Sie be⸗ ſtanden in einer Anſchwellung und Röthe und in mehr oder weniger deutlichen Brandflecken. Die Erfrierung zeigte den ſechsten Grad der Veränderung, die Dupnytren der Verbrennung zuſchreibt. Bekanntlich bedingen Hitze und Kälte dieſelben Folgen. Dieſe Desorganiſation kam durch feuchten Brand zu Stande..

Dagegen beobachtete man während des ſtrengen Win⸗ ters von 1856, wo das hundertgradige Thermometer oft auf 200 unter Null fiel, plötzlich trockenen Brand. Kranke die auf Bahren nach den Ambulancen gebracht wurden, Soldaten, die unter ihrem Zelte eingeſchlafen waren, be⸗ kamen erfrorene Extremitäten. Die durchdringende Kälte drängte die Säfte zurück, und die ausgetrockneten in ihrem Volumen verminderten, ſo zu ſagen pergamentar⸗ tigen Füße wurden weiß, farblos, dann bildete ſich eine ſchwarze trockene Kruſte, wie förmliche Mumifikation.

Wenn man in Rußland im Schlitten reiſt, ohne die