248 Stimme und Geſang.
aber nur halb ſo lang wie jene. In Schwingung geſetzt, gibt ſie ebenfalls C an, aber der Ton iſt nicht derſelbe, ſondern feiner, höher und zugleich eindringlicher. Schlagen wir beide Saiten zugleich an, ſo tritt die Ver⸗ ſchiedenheit noch merklicher hervor und wir erkennen den Einklang, den die Muſiker die Oktave nennen. Um ihr höheres C hervorzubringen, muß die kürzere Saite die doppelte Zahl der Schwingungen durchmachen, die bei der längern eintreten, und zwar in derſelben Zeit. Ohne es zu wollen und zu wiſſen, gehorchen wir demſelben Geſetze der Schwingung. Man bitte ein junges Mäd⸗ chen, eine Arie, die eben ein Mann geſungen hat, in derſelben Tonart zu wiederholen. Sie wird ganz von ſelbſt in der Oktave ſingen. Die tiefere Stimme des Mannes iſt die längere, die höhere Stimme der Frau iſt die kürzere Saite. Die zartere und feinere Stimme der Frau macht in derſelben Zeit mehr Schwingungen durch, als die Stimme des Mannes, und wird dadurch höher. In der Stimme des Mannes wie in der der Frau gibt es je zwei Unterabtheilungen. Die Männer ſingen entweder Baß oder Tenor, die Frauen entweder Alt oder Sopran. Der Alt iſt die Oktave des Baſſes, der Sopran die Oktave des Tenors. Jede dieſer Stimmen hat einen eigenthümlichen Charakter, der nicht blos auf dem Um⸗ fange, d. h. auf dem Raume, den die Stimme zu be⸗ herrſchen im Stande iſt, und auch nicht blos auf der Fülle, d. h. der ſtärkern oder geringern Einwirkung der Stimme auf die Gehörorgane, ſondern auch auf der Klangfarbe, d. h. auf der Beſchaffenheit des Tones an ſich beruht. Ein geübtes Ohr erkennt die verſchiedenen Na⸗ turen der Stimmen auf der Stelle und weiß ſie ebenſo leicht von einander zu unterſcheiden, wie den Ton eines Horns von dem einer Clarinette. Die drei Eigenſchaf⸗ ten des Umfangs, der Fülle und einer ſchönen Klang⸗ farbe— Metall nennen die Italiener ſie— finden ſich ſelten vereinigt. Eine Stimme, die ſich vorzüglich geltend machen will, bedarf aber noch anderer Eigenſchaften. Sie muß ausdrucksvoll ſein, das Gefühl ſympathiſch anre⸗ gen, biegſam ſein und das ihr von der Natnr angewie⸗ ſene Gebiet raſch und leicht durchlaufen können. Zuweilen kommen bevorzugte Stimmen vor, die ſich erobernd über die gewöhnlichen Stimmlagen des Baſſes, Soprans u. ſ. w. ausdehnen. Häufiger ſind die Stimmen, die man eklektiſch nennen könnte. Sie ſchaffen ſich ein Königreich nach ihrer Bequemlichkeit, wählen ein Gebiet nach ihrem Wohlgefallen. Ein geheimer Inſtinkt leitet ſie und gibt ihnen glückliche Kombinationen ein. Sie verbinden nicht ſelten Kraft und Geſchmeidigkeit, die ſich gewöhnlich ausſchließen, und glänzen durch eine glückliche Vereinigung anmuthiger Gaben. Man hat ſolchen Stimmen beſondere Namen gegeben und nennt ſie bei den Männern Bariton, bei den Frauen Mezzo⸗ ſopran. Zwiſchen Tenor und Baß, Alt und Sopran ſte⸗ hend, nehmen ſie einen geachteten und geſuchten Platz ein. Der Baß hat etwas Schallendes, iſt ſehr aus⸗ drucksvoll und bewegt ſich majeſtätiſch, iſt aber nicht ohne Langſamkeit und Schwerfälligkeit. Es iſt ein mäch⸗ tiges Werkzeug, deſſen Handhabung beſtändige Anſtren⸗ gungen erfordert. Da bei wohl organiſirten Menſchen
die Eigenſchaften gewöhnlich in Einklang ſtehen, ſo fin⸗ det man den Baß gewöhnlich bei ſolchen, die von der Natur zu Gelehrten, Richtern und Aerzten beſtimmt ſind. Der Baß redet nicht viel, wenige Worte genügen ihm, denn man achtet ihn ob ſeines Ernſtes und hört ihn aufmerkſam an. Der Tenor iſt freundlicher. Der Tenoriſt braucht ſich nicht ſo anzuſtrengen wie der Baſſiſt, denn ſeine Stimmmittel ſind gefügiger. Wenn einem Manne mit Phantaſie ein Tenor zufällt, einem Manne, in deſ⸗ ſen Kopfe klare und lebendige Gedanken wohnen, ſo wird er in dieſer Stimme ein bereitwilliges Werkzeug ſinden. Die Töne werden dem Druck des Gedankens augenblicklich gehorchen und hell und deutlich aus dem Munde kommen, wie ein gutes Klavier dem leichten Druck einer geübten Hand gehorcht. Die goldenen Ket⸗ ten, die auf alten Basreliefs aus Merkurs Lippen her⸗ vorgehen, ſind das Emblem der Tenorſtimme. Alle gro⸗ ßen Redner des Alterthums müſſen Tenoriſten oder Baritoniſten geweſen ſein. Vertheilen wir die Stimmen auf die Götter und Heroen des Alterthums, ſo müſſen wir Jupiter, Minos, Hippokrates, Agamemnon zu Baſ⸗ ſiſten, Apollo, Achill, Hektor, Endymion zu Tenoriſten, Romulus, Numa Pompilius, Mars zu Baritoniſten machen. Setzen wir dieſe Vertheilung bei den Frauen fort, ſo müſſen wir Helena, Venus, Hebe in den So⸗ pran, Juno, Klytämneſtra, Kleopatra in den Alt, Diana in den Mezzoſopran verweiſen. Weßhalb ſchreiben die Italiener nun für den erſten Baß Buffo⸗Rollen? Nach dem, was wir über den Adel und die Majeſtät dieſer Stimme geſagt haben, erſcheint das auf den erſten Blick als widerſinnig. Aber eben der Kontraſt iſt es, der komiſch wirkt. Man ſchreibe die Buffo⸗Rolle für den Tenor um und die Wirkung geht verloren. Wenn der Baß, der gewöhnlich im Namen der Könige und der Väter ſpricht, ſeine ernſte Würde aufgibt und ſich in die raſchere Bewegung der komiſchen Oper wirft, ſo liegt in dem Gegenſatz zwiſchen dem Organ und deſſen Ver⸗ wendung eine unwiderſtehliche Komik.
Noch eine kurze Bemerkung. Man hat den Frauen zu allen Zeiten vorgeworfen, daß ſie zu viel ſprechen. In dieſem Vorwurf, der ſo alt wie die Welt und viel⸗ leicht mit der Oktave zugleich entſtanden iſt, muß etwas Wahres liegen. Dieſe Leichtigkeit des Sprechens, die man den Frauen beilegt, iſt das natürliche und noth⸗ wendige Ergebniß ihres Stimmapparats. Ihre beweg⸗ liche und elaſtiſche Kehle gehorcht den Gedanken noch leichter, als die des Tenors; die Worte kommen ſchnel⸗ ler und reichlicher hervor. Die Frauen reden viel, weil ſie Sopran, Alt oder Mezzoſopran haben, mit einem Wort weil ſie Frauen ſind. Wer dürfte ſich darüber be⸗ klagen? Iſt ihre Sprache nicht die ſüßeſte Harmonie der Erde? Gott hat ihnen eine ſanfte Stimme gegeben und ihnen zu ſprechen befohlen, damit ſie uns in unſern Leiden tröſten, bei unſern Arbeiten ermuntern, in un⸗ ſern Mußeſtunden erheitern. In der großen Partitur der Welt wie in der Oper ſingt die Frau immer die erſte Stimme.
ROOX


