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Stimme und Geſang. 247
Wegfall des ganzen Waſſer⸗ und drei Viertel des Koh⸗ lenvorraths kaum ein Zwanzigſtel übrig. In Frankreich allein ſind 3000 Lokomotiven in Thätigkeit, die zu⸗ ſammen eine Durchſchnittsſtärke von 450.000 Pferden repräſentiren. Darnach urtheile man, welch unermeßlicher Gewinn in der Beziehung aus einer allgemeinen Ein⸗ führung der Luftmaſchine entſtehen müßte. Auch für den Landwirth, der in der Scheune, auf dem Felde mit Maſchinenkraft arbeiten läßt, für den Baumeiſter, der ſchwere Laſten zu heben hat, iſt die Luftmaſchine von großer Bedeutung. Wer weiß, ſelbſt als Lokomobil ſehen⸗ wir ſie vielleicht über kurz oder lang Triumphe feiern!? Welchen Nutzen kann ſie ferner bei Brandſpritzen, auf unterirdiſchen Eiſenbahnen gewähren! Und betreten wir erſt das Feld der Induſtrie, ſo ſehen wir die Möglichkeit ihrer Einführung überall, bei großen und kleinen Fabri⸗ kanten, bei Arbeitern und Meiſtern. Welche Konſequenzen aber hieraus zu ziehen, das kann ein jeder ſelber leicht ermeſſen.
Uebrigens iſt die Anerkennung, welche Belou'’s Luft⸗ maſchine in Frankreich findet, groß. Bei der Geſellſchaft, welche in Paris noch im Entſtehen begriffen iſt, ſind bereits über fünfhundert Beſtellungen auf Maſchinen eingelaufen. In Preußen, Oeſterreich, Belgien, England iſt die Erfindung patentirt und wird bereits fleißig kon⸗ ſtruirt. Außer verſchiedenen kleineren Maſchinen in Havre u. ſ. w. iſt eine größere Luftmaſchine von 80 Pferdekraft in der Papierfabrik(papeterie) des Herrn Auzou u. Comp. zu Cuſſet im franzöſiſchen Allierdepartement in Thätigkeit. Dieſe vortreffliche Maſchine, welche das ganze Material des höchſt bedeutenden Etabliſſements in Bewegung ſetzt und mit ſtehendem(vertikalem) Cy⸗ linder arbeitet, vereinigt ſämmtliche dem Erfinder von der Erfahrung angedeuteten Vervollkommnungen in ſich. Den Cylinder umgibt ein doppelter Mantel, in welchem die zur Speiſung der Maſchine beſtimmte Luft auf Koſten der hinausſtrömenden, benutzten Luft anfängt, ſich zu erhitzen. Betreffs zweckmäßiger, auf Sparſamkeit abzielender Einrichtung iſt in der Maſchine der Gipfel⸗ punkt erreicht.
Am 6. Mai 1855 nahm der Erfinder, Ingenieur Belou, ſein erſtes Patent für Frankreich. Als Vervoll⸗ kommnungsperiode der neuen Luftmaſchine kann die Zeit
von 1855— 1860/61 betrachtet werden. Jetzt aber,
wo neue Patente die alten erſetzten und der Fortſchritt der Erfindung den letzten Stempel aufgedrückt, jetzt bricht ihr einleuchtender Nutzen ſich raſch Bahn, und die induſtrielle Welt bemächtigt ſich ihrer mit Enthuſiasmus.
Stimme und Geſang.
0 Inſere modernſten Muſiker ſchenken dem Orche⸗ ſter mehr Beachtung als den Sängern. Sie
lieben das Holz mehr als die Stimme und für das Blech ſchwärmen ſie. Eine Oper gut zu S wbci iſt weit mehr ihr Chrgeiz, als melodiſche Arien in ſie zu verflechten. So ge⸗ wiſſenhafte Studien der Stimme und des Geſanges,
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wie ſie bei den alten Meiſtern Grundſatz waren, dürften ſelten noch vorkommen. Ein vor einem Jahre geſtorbe⸗ ner Komponiſt, Halevy, hat ſolche Studien noch gemacht. Er wollte die Reſultate in„Briefen über die Muſik“ niederlegen, die unter dem Namen eines von Halevy fingirten gelehrten deutſchen Muſikers Gervaſius er⸗ ſcheinen ſollten. Leider hat ihn der Tod bei ſeiner Arbeit überraſcht, und für die Ausgabe ſeiner nachgelaſſenen Werke finden ſich nur drei Briefe vor. Sie ſind, wie Halevy in einer Note ſelbſt ſagt, als Einleitung zu einem größeren Werke aufzufaſſen, und ihr Hauptthema iſt die menſchliche Stimme. Mit Unwillen weiſt Halevy die Annahme zurück, daß der Menſch den Geſang von den Vögeln gelernt habe. Wer mag es nur zuerſt ge⸗ wagt haben, die Behauptung aufzuſtellen, daß ein Schäfer, nachläſſig auf dem Raſen hingeſtreckt, den Nachtigallen, Finken und Grasmücken ihr Geheimniß abgelauſcht habe und ſo zum Erfinder des Geſanges geworden ſeil Das Gezwitſcher des beſten Singvogels iſt ſo wenig Geſang, als das Brüllen des Löwen; es klingt blos angenehmer. Weßhalb behauptet man nicht auch gleich mit, daß der Papagei der Lehrmeiſter des Menſchen im Sprechen geweſen ſei? Die Muſik iſt in der Wirklichkeit ein Sieg des Menſchen über die Natur und ſich ſelbſt. Sie exiſtirt nirgends, der Menſch muß ihre Elemente da aufſuchen, wo Gott ſie verſteckt hat, und ſie in ſeinem Herzen zur Muſik ausbilden. Und welche edle Organe ſind damit beauftragt, uns die Ge⸗ heimniſſe der Muſik zu offenbaren! Der Ton entſteht durch den Athem, dieſen Lebenshauch des Menſchen, der Rhythmus durch das Blut, das in unſern Adern fließt. Dieſes Blut iſt ein unſichtbarer Kapellmeiſter, der ſein Amt mit dem erſten Augenblick unſeres Lebens antritt, es erſt bei unſerem Tode niederlegt, uns unauf⸗ hörlich leitet und den Takt vortrefflich zu verändern weiß. Im Laufe unſeres Lebens läßt er uns drei ver⸗ ſchiedene Bewegungen durchmachen. In der Kindheit und erſten Jugend ſchreiben die raſcheren Bewegungen des Pulſes eine muntere Taktart vor: wir leben Allegro. Nach und nach beruhigt ſich unſer Blut und wir gelan⸗ gen in unmerklichen Uebergängen zu dem Moderato des reifen Alters. Bald, ach nur zu bald, ändert ſich die Bewegung abermals, und wir werden immer rallen- tando und smorzando zu dem Augenblicke geführt, wo wir für immer zu ſingen aufhören. Jeder Menſch hat alſo die Grundbedingungen der Muſik in ſich, doch wird der„muſikaliſche Werth“ der Einzelnen immer ein ver⸗ ſchiedener ſein, da er von ſehr Vielem abhängig iſt. Bleiben wir bei dem ſtehen, was die Natur ohne Zu⸗ thun der Kunſt gemacht hat, ſo begegnen wir zwei gro⸗ ßen Stimmtheilungen, die wieder in Unterabtheilungen zerfallen. Um die Urſachen derſelben ſofort begreiflich zu machen, verweiſen wir auf eines der einfachſten Ge⸗ ſetze der Tonſchwingung. Nehmen wir z. B. eine Saite von einer gewiſſen Stärke und Länge, der wir eine ge⸗ wiſſe Spannung geben. Setzen wir ſie mit einem Bogen oder einfach mit den Fingern in Schwingung, ſo erhal⸗ ten wir einen Ton, den wir C nennen wollen, Hier iſt eine andere Saite von derſelben Spannung und Dicke,


