Jahrgang 
1864
Seite
242
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242 Rudolf Juſt, Dr. phil.: Dimitrio Machalis, oder: Die Räuber von Künopode.

ſeinen Namen verherrlichen und ihn als den Regenera⸗ tor Griechenlands dankbar ſegnen! Und doch ſchwebt eben jetzt das Schwert des Damokles ob ſeinem Haupte; der Tod verfolgt ihn in ſeinem Palaſte, in ſeinen Pracht⸗ gärten, in ſeinem Bette, verfolgt ihn und wird ihn ſicher auch ereilen!

Dieſe Drohung beruhigte den Statthalter, aber ſie deutete auf eine andere Gefahr, welche Dimitrio nicht ahnte.Der Statthalter iſt alſo jetzt in Nauplia? fragte er mit ruhiger Stimme.

Er iſt in Nauplia! war die Antwort,und Antio Michale iſt in Nauplia und Hippolito Lakonides und Agathokles Miaulides und viele Andere, die er beſchimpft und beleidigt hat; und bald werden noch mehr da ſein, und gewiſſe Leute auch, die ſich Sicherheit ſchaffen und ihre Rache kühlen wollen.

Und wozu kann das führen? erwiederte der metamorphoſirte Statthalter,worauf gehen ſie aus, als auf ihren eigenen Untergang? Haben nicht ſchon ſo viele Andere ſolch' voreilige Verſuche mit dem Leben büßen müſſen?

Schon die Wachen, die außerhalb am Thore ſtehen, ſind ſie treu? fiel jener ein;aber was werden ſie ihm helfen gegen Verräther, die er darin um ſich hat? Verräther, die ihm das Leben ſelbſt zu nehmen viel zu feige ſind, aber die es verkauft haben! Wie? Warum wäre es unmöglich, warum könnte es nicht ſein? Deine eigenen Augen ſollen Zeugen ſein, Du ſollſt einmal zu einer muthigen Waffenthat mitgehen, Du ſollſt Helfer ſein, Nauplia von einem Tyrannen zu befreien. Jetzt aber fülle Jeder ſeinen Becher! fuhr Pezzali mit merklicher Begeiſterung fort, und ſtieß mit dieſen Worten gleichſam zum Schwure den Dolch tief in den Tiſch, der vor ihm ſtand;eine Heldenthat, wie die unſere, verdient einen würdigen Geſchichtſchrei⸗ ber, und dazu hat uns das Glück in dieſer Nacht den rechten Mann geſendet. Nun, nimm den Becher; Du ſollſt das Licht tragen, das uns nach Dimitrios Gemächern leuchtet, die Fackel, die ſeinen ſtolzen Palaſt in Brand ſtecken ſoll, wenn unſer Werk vollendet iſt! Nun, hebt die Becher auf das Gelingen unſeres helden⸗ müthigen Unternehmens, auf den Schlag, der Nauplia von ſeinem ſchwerſten Verderben, von ſeinem Fluche befreit! Und möge jeder künftige Tyrann in Griechen⸗ lands freien Gebirgen den Lohn finden, der dieſe Nacht den Statthalter Dimitrio erwartet!

Im nächſten Augenblicke flogen alle Schwerter aus den Scheiden, alle Becher wurden gefüllt und hoch emporgeſchwungen.

Dimitrio war in Gedanken verſunken; jetzt aber blickte er auf und bemerkte zu ſeiner Freude, daß alle Anſtalten zur Ausführung ſeines Planes getroffen waren.Ich trinke, begann er den Becher ergreifend, da es ſein muß, auf den Schlag, der Nauplia von ſeinem ſchwerſten Fluche befreien wird; und möge jeder künftige Statthalter kein beſſeres Schickſal haben als dieſe Nacht des Statthalters Dimitrio erwartet!

Kaum waren dieſe Worte ausgeſprochen als ein leiſes Klopfen an die Thür der Hütte einen neuen Be⸗

ſuch ankündigte: gleichſam als wenn die Beſchwörung ihn in dieſem Augenblicke herbeigeführt hätte.

Ha, er iſt es, auf den wir warten! rief Pez⸗ zali jubelnd. Der Wirth mit dem finſteren Geſichte öffnete die Thür, und ein lautes Willkommen tönte von allen Seiten dem neuen Ankömmling entgegen.

Ein reichgekleideter Herr, der ſtolz hereintrat, warf ſeinen Mantel ab, und als der Kavalier den Statthal⸗ ter von Nauplia an dem Herde der Räuber ſitzen und das Geſchäft des Küchenjungen verrichten ſah, erkannte Dimitrio ſeinen eigenen gegen ihn verſchworenen Ober⸗ kämmerer, den Pelikaren⸗Häuptling Monomades.

Jetzt war der entſcheidende Moment zwiſchen Sieg oder Tod herbeigekommen, und die Maßregeln, welche Dimitrio's Umſicht getroffen hatte, retteten ſein Le⸗ ben. Monomades hielt ſich für entdeckt, Furcht machte ſeine Glieder erbeben er war verloren! Das Argusauge Dimitrios, welcher den noch unberühr⸗ ten Becher noch immer an ſeine Lippen hielt, fiel wieder auf die hellblaue Flamme, die von dem Saume des Waldes herüberblitzte und ihn verſicherte, daß er gedeckt ſei. Haſtig zog er aus ſeinem Buſen ein Päckchen her⸗ vor und warf es in das ungeheure Feuer, vor dem er gearbeitet hatte. Ein Knall gleich dem Donner einer Kanone erfolgte und die lodernde Flamme erhellte Alles wie mit dem Sonnenglanze des Mittags.

Im nächſten Augenblicke hörte man haſtige Tritte, ein Schritt noch und Thür und Fenſter der Hütte waren aufgeriſſen. Zwei Schüſſe in der Eile von der Räuberbande abgefeuert ſie wußten kaum worauf wurden durch eine Salve von dem erſten Gliede einer Scharfſchützenkompagnie beantwortet. Wo es nur immer eine Oeffnung gab, da ſtarrte es von Gewehren, jedes auf eines Räubers Kopf gerichtet und der Kampf war beendet, bevor er noch recht beginnen konnte. Die Sieger hatten die Spießgeſellen entwaffnet und die Gefallenen hinausgeſchafft; zwei Schüſſe nur waren von Seiten der Räuber gefallen, ſo plötzlich und wohlgelungen war der Ueberfall; der eine verfehlte ſein Ziel und ſtreckte die geifernde Euphronia zu Boden, der andere, von Pezzali abgefeuert, hätte Dimitrio das Lebenslicht ausblaſen können, wenn dieſer nicht in dem Augenblicke, da der Räuber ab⸗ drücken wollte, mit größter Geiſtesgegenwart die Piſtole und den Arm, der ſie hielt, auf die Seite geſchlagen hätte.

Noch immer mit dem Becher in der Hand, den er auf ſein eigenes Verderben hatte trinken ſollen, nahm Dimitrio den Ehrenhut, das Zeichen ſeiner Würde, einem Diener ab, und ſetzte ihn auf und noch in ſeiner Metamorphoſe, mitten unter Räubern und Ver⸗ räthern ſtand er da, der gefürchtete Statthalter von Nauplia. Man konnte keinen Triumph in Dimitrios Blicken leſen, oder, wenn ja der Ausdruck der Freude auf ſeinem Antlitze ſich ſpiegelte, ſo war es nur in dem Augenblicke, wo ſein Auge dem zitternden, in ſtumm es Entſetzen verſunkenen Monomades begegnete.

Greift den Verräther! rief er dem Officier zu, der die in den Hinterhalt gelegten Truppen kommandirt