Jahrgang 
1864
Seite
240
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Rudolf Juſt, Dr. phil.: Dimitrio Machalis, oder: Die Räuber von Künopode.

Eigenthümer einem Reiſenden abgenommen und noch ſpieß dreht, und erſt jetzt hörten wir auf uns zu raufen

nicht gegen ein dringenderes Bedürfniß vertauſcht oder im Spiele verloren hatte. Ein finſterer, handfeſter, wohl⸗ beleibter Mann, der Eigenthümer dieſes ſauberen Neſtes, ſchien mit derber Vertraulichkeit den Wirth unter den Uebrigen zu ſpielen, während drei oder vier abgemagerte Hunde mit drohendem Blicke von der großen zottigen Spitzrage, die durch das Gelärm vor des Statthalters Ankunft aus dem Schlummer geweckt worden waren, ſich, als es bei dem Eintritte des Fremden wieder ruhig wurde, knurrend umdrehten und ſich auf ihr Lager ſtreckten. Ein einziges Weſen des ſchönen Geſchlechtes, eine Frau in mittleren Jahren, mit eben nicht ſanften Zügen, mit übergetretenen Schuhen und von Schmutz ſtarrend, kauerte an dem ungeheuren Herde, um einen Haufen Geflügels von der verſchiedenſten Art zum Abendeſſen zu bereiten.

Noch immer währte das laute Gelächter, welches Dimitrio ducch ſeine Ankunft erregte, fort, denn es kam ſo vom Herzen, daß aller Streit und Hader längſt vergeſſen ſchien.

Wer da? Wer da? Hol hol ſchrie ein Rieſen⸗ kerl mit der auffallendſten Galgenphyſiognomie, indem er einen gerupften Truthahn bei der abgeſchnittenen Gurgel emporhielt, und mit der Rechten den breiten Säbel ſchwang.Der hat ſich auch von der Herde verirrt!

Hil hi! kicherten die anderen, ebenſo luſtig gelaunten Burſchen nach.

Nur näher, nur näher, Freundchen! rief der mit dem Säbel und dem Truthahn, der wohl kein anderer war, als Pezzali, der Räuberhauptmann ſelbſt;ich glaube gar, der gute Mann iſt betreten! Steh' nur nicht ſo verdutzt da oder wir werden glauben müſſen, Du wäreſt lieber in das nächſte Wirths⸗ haus weitergegangen oder auch im Walde geblieben! Sag,, ſprich frei heraus, was denkſt Du von der an⸗ weſenden Geſellſchaft?

Was mich hierher geführt, guten Freunde, ant⸗ wortete Dimitrio,iſt nichts Böſes; ich wollte ein Obdach ſuchen gegen das Unwetter, das noch immer draußen heult; doch thut Ihr Unrecht, wenn Ihr mir zumuthet, ein Urtheil auszuſprechen, daß ich, ohne Euch zu beleidigen, nicht ausſprechen könnte!

Das will ſo viel ſagen, erwiederte Pezzali hämiſch,daß wir Alle, wie wir hier ſind, Spitzbuben ähnlicher ſehen, als ehrlichen Leuten. Du biſt in unſerer Gewalt, doch ſollſt Du bald erfahren, was es heißt, die Gewalt in Händen haben und doch barmherzig ſein! Du biſt zu uns gekommen, da wir Dich doch brauchen können, und wir wollen's gnädig mit Dir machen. Aber kurz ſei meine Rede, ſo höre: Unſeres Wirthes Sohn, das Faktotum dieſes Hauſes, liegt jetzt dort im Stalle krank am Fieber. Die brave arme Frau ſeine Mutter, wär' ſie nur ein bischen hübſcher die iſt die beſte Köchin, die jemals einen Haſen ſpickte; aber was hilfts zwei Hände ſind zu wenig für die Arbeit; zum Eſſen iſt es hohe Zeit und wir haben ein wichtiges Geſchäft vor, aber da fehlt es an einem, der den Brat⸗

und zu reißen, wem das Aemtchen zufallen ſollte, als ein Glücksſtern Dich hierher führte, um der Verlegenheit ein Ende zu machen.

Sapperment! und wie gut war es, daß es ſo kam, fiel der junge Räuber mit der Hahnenfeder ein, ſeinem Nachbar zublinzelnd,ich glaube ſonſt hätte Frau Euphronia hier die Arbeit ſelber thun müſſen!

Was? rief das Weib,ich den Bratſpieß für Euch drehen? Ihn Euch in die Rippen ſtoßen will ich, Ihr Schurken, wenn ich wüßte, wer von Euch die Hand an mich legen wollte, um mich dazu zu zwingen! Mit dieſen Worten erhob ſie ſich und warf das letzte Stück Federvieh halbgerupft zur Erde.Für heute Abend mag's an dieſem Keſſel genug ſein, weil Ihr Schurken meinen Sohn nun einmal in Eurer Säuferwuth zum Krüppel geſchlagen habt!

Der Keſſel möchte wohl gehen, aber er iſt zu klein, Mutter! ſagte ein dreifingeriger Burſche in be⸗ ſänftigendem Tone.Er wäre ja herrlich, wenn er nur einmal jährlich ausgewaſchen würde, leider iſt er aber zu klein für ſo viele!

Ein kleinerer als der, kann Euch Alle mürbe kochen, Ihr Schelme, wenn Ihr gehängt ſeid! grinste das Weib.Komm her, alter Narr, fuhr ſie zu Dii⸗ mitrio ſich wendend fort,tritt her zu mir! Da, ſieh die ſchöne Zehentgans, Du magſt ihrer ſchon viele in Deinem Leben gegeſſen haben! Jetzt brat uns eine komm, ſag' ich, ſetze Dich dazu!

Der Zorn der Frau Euphronia pflegte der Räuberbande oft hinreichenden Stoff zum Spaße zu liefern; denn in allen gemüthlichen Geſellſchaften muß immer Jemand ſein, der ſich zum Beſten der Uebrigen hergibt, und einem Manne von einer Küchenmagd den Rock vom Leibe reißen zu ſehen, wäre den Unholden vielleicht eine ebenſo große Freude geweſen, als drei oder vier Menſchen das Lebenslicht auszublaſen oder ſelbſt ein ganzes Dorf in Brand zu ſtecken. Der mit der Hahnenfeder that mit großer Feierlichkeit, als wollte er ſich des Fremden annehmen, und legte es der Frau Euphronia ass eine große Gewiſſensſache ans Herz, ob ſie einen Mann von vielleicht hohem Stande zu gemeiner Hausarbeit erniedrigt ſehen könne? Ein anderer wieder behauptete, dieſe Sache von einem ganz andern Geſichtspunkte betrachten zu müſſen; da dürfe kein Anſehen der Perſon ſtattfinden, ſeine Meinung wäre deßhalb, der Freide müſſe entweder den Spieß drehen, oder ſelbſt am Spieße gedreht werden! Und ſo wußte ein Jeder ſeine Meinung zu ſagen, die immer darauf hinzielte, mit dem armen Fremden ſeinen Spott zu treiben.

Hört auf mit dem albernen Geſchwätz! unter⸗ brach ſie jetzt Pezzali mit ſtrengem Tone, indem er ſich mit trotziger Geberde zu Dimitrio wendete, der noch immer ferne ſtand:Dieſes Haus, guter Freund, iſt ſeit undenklichen Zeiten das Grab aller Reiſenden geworden, welche ſich hineinwagten. Seid daher auf Eurer Hut, wie Ihr Euch hier betraget. Freilich habt Ihr uns durch einen ungewöhnlich glücklichen Zufall