Jahrgang 
1864
Seite
239
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Rudolf Juſt, Dr. phil.: Dimitrio Machalis, oder: Die Räuber von Künopode.

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bewaffnet, und ohne alle Begleitung ſeinen Weg durch die ſchlechteren, weniger beſuchten Straßen nach dem weſtlichen Thore der Stadt ein. Ungefähr ſechs Meilen von Nauplia nach der ſogenanntenOikedemou zu, auf der Hauptſtraße, die von da nach Argos führt, ſtand zu Dimitrios Zeit ein ſeit vielen Jahren übel berüchtigtes Wirthshaus, das bei dem Landvolke unter dem Namen:Künopode oder Hundefuß bekannt war; es lag ſeitwärts, nur wenige Büchſenſchüſſe weit von der Heerſtraße entfernt, welche hier in eine waldige Niederung hinabläuft. Die Bewohner der Umgegend machten lieber einen großen Umweg, als daß ſie in der Nähe dieſes Hauſes vorbeigingen, und für Reiſende war es, da es in dichtverwachſenem Buſchholz und Ge⸗ ſtrüpp verſteckt lag, auch bei Tage leichter zu verfehlen als zu finden. Als aber der Statthalter von dem Gipfel der Anhöhe, zu der ſich die Straße hinaufzieht, hinabſchaute, zeigte ſich ihm bald durch Regen und Finſterniß in ſchwachem Lichtſchimmer, der durch die zerbrochenen Scheiben fiel, ziemlich deutlich die Lage der Hütte, während ſelbſt in dieſer Entfernung ein lär⸗ mender Geſang aus rauhen Kehlen gebrüllt und mit derben Griffen auf einer Zither begleitet, ſeine Töne in das lange unheimliche Geheul des Windes miſchte, der durch die Föhren des Waldes daher ſtürmte. Dicht in Wolken gehüllt hing das verödete Firmament über Berg und Thal, und in grauſigem Rabengewande näherte ſich die traurige Mitternachtſtunde. Der Wind hatte ſich zum wüthenden Sturme erhoben, der das laute Klagegetön der Bergeule weit übertönte. Aber immer luſtiger erhob ſich das Lied von dem Hauſe her, eine wilde Melodie ganz wie ſie für den wilden Ort, wo ſie ertönte, geeignet war. Wild war der Ge⸗ ſang, aber nicht unharmoniſch, und ſein Inhalt bekun⸗ dete das Gewerbe der Sänger und den Charakter der Zeit. Der Himmel verfinſterte ſich mehr und mehr, und das tobende Unwetter mahnte den Statthalter, ſeine Schritte zu beſchleunigen. Ziſchende Blitze zuckten zur Erde nieder und dröhnendes Donnergetöſe grollte durch die zerklüfteten Bergketten. Der Sturm hatte ſich jetzt zum Orkane geſteigert und tobte vernichtend über die Ebene hin. Ein ſchneidender Hauch berührte den Pilger, welchen eiſiger Fieberfroſt ſchüttelte. Sein Mantel hing ſchlaff von ſeinen herkuliſchen Schultern herab und triefte von unaufhörlichem Regen. Aber dicht hüllte ſich Dimitrio jetzt ein, mehr, um leichter fort⸗ zukommen, als ſich zu ſchützen, drängte ſich durch Strauchwerk und Gebüſch hindurch und ſchritt gerade auf die Künopode los. Schon ſtand er vor dem Hauſe, doch zögerte er noch, einzutreten, nicht weil ſein Vorſatz ſchwankte, ſondern um zu horchen; denn die Töne, die bis jetzt nur von Frohſinn zeugten, ſchienen ſich jetzt plötzlich in den Lärm des Zankes und Streites ver⸗ wandelt zu haben. Und ſo war es wirklich. In dem Augenblicke, da das Getöſe, die Flüche, die Drohungen und Herausforderungen ihren Höhepunkt erreicht hatten, klopfte der Statthalter mit ſeinem Stabe an die Thür. Ein einzigesSt! und ein leichtes Waffengeklirr er⸗ folgte, und im nächſten Augenblicke war Alles ſtumm.

Ihr ſeid ja gar früh auf den Beinen, Freund⸗ chen! ſchrien viele Stimmen verworren durcheinander, als die Thür ſich öffnete, und ihr Zuruf erklang wie ein Willkommen, aber der erſte Blick, der einen Fremden wahrnehmen ließ, zeigte ihnen ihren Irrthum, und die Begrüßenden ſtürzten wild durcheinander, indem ſie aufſprangen und zu ihren Waffen griffen. Aber bald, als man die Geſtalt des Ankömmlings deutlicher er⸗ kannte, machte die drohende Haltung der Verwunde⸗ rung Platz; die nervigen Hände ſanken an dem Gewehr, das ſie erfaſſen wollten, langſam herab, und der ſchon geſpannte Hahn trat wieder in Ruhe, und die Dolche, aus der Scheide blinkend, ſchlüpften in ihre Verſtecke zurück. Die Gäſte gafften mit großen Augen erſt den Fremden, dann die noch immer geöffnete Thür und zu⸗ letzt einer den andern an, und es erfolgte vollſtimmig ein unauslöſchliches Gelächter, daß ſie ſich die Seiten halten mußten.

Die Räume, in welche ſich der Statthalter ſo un⸗ erwartet eingedrängt hatte, waren mehr geeignet, durch den ſonderbaren Anblick, den ſie darboten, in Verwun⸗ derung zu verſetzen, als Vertrauen einzuflößen. Das Zimmer, welches die ganze Tiefe und etwa drei Viertel der Länge des Gebäudes einnahm, war das einzige im Hauſe; denn die maulwurfsartigen Kämmerchen, welche den Gäſten, die hier übernachtet und glücklicher Weiſe ganze Hälſe behalten hatten, vordem als Schlafſtellen dienten, waren kaſſirt worden. Gerade der Thür gegen⸗ über loderte ein ungeheures Feuer, wie es Leute zu unterhalten pflegen, denen das Brennholz nichts koſtet, und zwar auf einem Kamine, der ziemlich baufällig, aber von einem ſolchen Umfange war, daß Roß und Reiter ſich darauf hätten herumtummeln können. Eine große kupferne Lampe, von Ruß und Fett, vielleicht ſeit dem vorigen Jahrhundert nicht geſäubert, hing von dem Querbalken an einer eiſernen Kette hernieder, die, nach dem Roſt zu urtheilen, ebenſo lange der reinigen⸗ den Hand entbehrte. Die Leuchte verbreitete ein flak⸗ kerndes unſicheres Licht, das in jedem Augenblicke faſt bis zum Erlöſchen vom Winde gepeitſcht wurde. Rings umher ſaßen einige derbe Kerle auf niedrigen Kork⸗ ſchämeln; Andere lagen auf Mäntel oder Schaffellen lang ausgeſtreckt, noch Andere auf dem bloßen Boden, während fünfzehn bis zwanzig ſtarke, trotzig ausſehende Burſchen ihre Cigarren ſchmauchend, würfelten oder ihre roſtigen Säbel und Gewehre putzten, und von Zeit zu Zeit kräftige Züge Weines thaten aus großmächtigen Hornbechern, die zerſtreut am Boden umherlagen, oder aus ziegenledernen Schläuchen, welche, wie zu den Zeiten des Ulyſſes, hier auch heute noch unter dem Landvolke die Stelle der Weinflaſchen erſetzen. Höchſt charakteri⸗ ſtiſch war das Koſtüm dieſer Barbaren; dichte ſchwarze Haare flogen um die Köpfe; der Eine trug ein Zwickel⸗⸗ bärtchen, der Andere einen langen Schnurrbart, beide aber nach dem Muſter dieſes oder jenes berühmten Erzſchelmes, der vor zwanzig oder mehreren Jahren am Galgen gezappelt hatte. Die phantaſtiſche Kleidung be⸗ ſtand aus groben, zottigen, aber grellfarbigen Pelzen,

aus denen manches Prachtſtück hervorſchaute, das der