238 Rudolf Juſt, Dr. phil.: Dimitrio Machalis, oder: Die Räuber von Künopode.
augenſcheinlich, daß das Vertheidigungsſyſtem, das aus den Verhältniſſen des alten ſardiniſchen Staates ſich er⸗ gab, nicht mehr das Syſtem des neuen Italiens ſein könne. Oeſterreichs Poſition und die Annäherung der franzöſiſchen Grenze durch die Vereinigung Savoyens mit Frankreich erheiſchten, daß der Sitz der Regierung, welcher in den modernen Kriegen von ſo großer Wichtigkeit iſt, nur eine noch größere wegen der ſpeciellen Verhältniſſe Italiens haben würde, von Turin nach einem andern ge⸗ eigneteren Orte verlegt werde.
Es war nun evident, daß unter den vorzüglichſten Städten des jetzigen Gebietes des Königreichs Florenz ſowohl vermöge ſeiner topographiſchen Lage, als auch, weil es von dem Po und den Apenninen geſchützt, die günſtigſten Bedingungen darbot. Dies wurde von den höchſtſtehenden Generalen der Land⸗ und Seearmee, welche von Ew. Majeſtät zu Rathe gezogen wurden, anerkannt, und es ſtand außer Zweifel, daß auf dieſer Baſis die von Ew. Majeſtät verlangten allgemeinen Vertheidigungs⸗ maßnahmen feſtgeſtellt werden müſſen. Dieſe Thatſache hält ſich überdies, wenn auch durch innere Gründe mo⸗ tivirt, ſtreng an den Traktat, deſſen Abſchluß dadurch er⸗ leichtert und möglich gemacht wurde. Denn nach Außen hin, namentlich Frankreich gegenüber, iſt er ein Argument und eine Gewähr unſeres feſten Vorſatzes, der Anwendung gewaltſamer Mittel gegen das Papſtthum zu entſagen. Ein anderes Ergebniß dieſer Thatſache wird ſein, daß die Wirkung der moraliſchen Mittel ſich in Rom um ſo ſchneller zeigen wird, je größer die Nähe des Sitzes der Regierung iſt, je häufiger die Beziehungen, je älter und inniger die Vereinigung der Intereſſen und der Gewohn⸗ heiten ſind.
Es iſt gewiß ſchmerzlich, die alte und berühmte Stadt Turin, die Hauptſtadt und den für die Gründung des neuen Staates und die Verhandlungen der Kammern ſo geeigneten Sitz verlaſſen zu müſſen. Und eben ſo ſchmerzlich iſt es, Intereſſen zu verletzen und Erwartungen zu täuſchen. Allein die Regierung Eurer Majeſtät iſt feſt entſchloſſen, die geeigneten Mittel, dieſen Schmerz zu mildern, in Anwendung zu bringen. Indem wir dies anerkennen, glauben wir aber auf die Großmuth dieſer Bevölkerung rechnen zu dürfen, in deren Mitte die Frei⸗ heit entſtand und blühte, aus deren Mitte der erſte Ruf der Unabhängigkeit ertönte, welche das Blut ihrer Söhne vergoß und ihre Schätze dem Wohle des allgemeinen Vaterlandes geweiht hat. Von dieſer Bevölkerung er⸗ warten wir, daß ihr kein Opfer für die Verwirklichung der italieniſchen Einheit zu groß ſein werde, und daß ſie ſich dadurch einen neuen und großen Anſpruch auf die Zuneigung und Dankbarkeit aller anderen Provinzen⸗ Italiens erwerben wird. Und Ihnen, Sire, der Sie ſtets das edle Beiſpiel jeder Selbſtverläugnung gegeben haben, wird dieſe Bevölkerung nacheifern; ſie kann nicht zurück⸗ bleiben, wenn ſie ſieht, daß der Stamm ihrer Könige die Krone und das Leben ausſetzt, und bei jeder Gelegenheit ſich ſelbſt vergißt, um ſich ganz Italien zu weihen. Ge⸗ ſtatten Sie, Sire, Ihnen in dieſem Augenblicke mit tief bewegtem Gemüthe die Gefühle der ganzen Nation aus⸗ zudrücken, welche Sie verehrt und liebt, und ihr Geſchick unauflöslich an das Ihrige und das Ihrer Dynaſtie ge⸗ kettet hat.
Die Konvention mit Frankreich, ſo lange ſie nicht eine Geldverpflichtung involvirt, iſt, nach dem Verfaſſungs⸗ Stutut, eine königliche Prärogative, welche der Sanktion des Parlaments nicht bedarf. Die Verlegung des Sitzes der Regierung nach Florenz erfordert, abgeſehen von ihrer inneren Wichtigkeit, Ausgaben, und es iſt daher nothwen⸗ dig, den Kammern vorzuſchlagen, daß in dem außerordent⸗ lichen Budget für 1865 eine Summe zu dieſem Behufe ausgeſetzt werde. Und gewiß werden beide Kammern es angemeſſen finden, über ein Argument zu diskutiren, welches ſo viele Lebens⸗Intereſſen der Nation berührt. Weit entfernt, vor dieſer Diskuſſion zurückzuſcheuen, wer⸗ den wir vielmehr den Moment beſchleunigen, und deshalb
unterbreiten wir Eurer Majeſtät das Dekret, mit welchem das Parlament auf den 5. November zuſammenberufen wird. Gezeichnet: Minghetti, Peruzzi, Cugia, Piſanelli, Menabrea, Visconti⸗Venoſta, Amari, Minghetti für Manna, Della Rovera.“
Gegenüber den vielfachen Gerüchten über die Einbe⸗ rufung des Reichsrathes meldet die„Oſtd. Poſt“, daß der darauf bezügliche Vortrag des Staatsminiſters erſt am 8. d. M. an Se. Maj. den Kaiſer nach Iſchl befördert wurde, nachdem man ſich in der letzten Sitzung des Mi⸗ niſterrathes für den 8. November als erſten Sitzungstag geeinigt hatte. Urſache der Verzögerung war die Feſt⸗ ſtellung des Modus, wie die Verhandlungen des weitern von jenen des engern Reichsrathes der Zeit nach getrennt werden ſollten. Die„Oſtd. Poſt“ theilt mit, daß zuerſt dem weitern Reichsrathe das Budget pro 1865, die Kon⸗ ceſſion, reſpektive Subventionirung der Siebenbürger Ei⸗ ſenbahn und der Rechnungsabſchluß pro 1862 vorgelegt werden dürften, nach deren Erledigung der engere Reichs⸗ rath die anderen, namentlich die Juſtizvorlagen berathen wird. Gleichzeitig wird uns gemeldet, daß das Präſidium des Abgeordnetenhauſes, wie in der vorigen Seſſion aus den Herren Dr.- v. Haſner als Präſidenten, Ritter v. Hopfen als erſtem und Comes Schmidt als zweitem Vice⸗ präſidenten gebildet ſein wird. Sehr wahrſcheinlich wird auch das Präſidium des Herrenhauſes nicht abgeändert werden, ſondern wieder aus dem Fürſten Carlos Auers⸗ perg als Präſidenten und dem Grafen Kuefſtein als Vice⸗ präſidenten beſtehen.
Dimitrio Machalis, oder: Die Räuber von Künopode.
Aus den loſen Blättern ſeines Tagebuches mitgetheilt von Rudolf Juſt, Dr. phil.
J Zur Zeit der helleniſchen Freiheitskämpfe 183* JOo hauſte in dem großen Syria⸗Walde in Griechen⸗ land eine furchtbare Räuberbande. Der Ruf
— von ihren verübten unzähligen Gräueln wieder⸗
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dM liche Einbrüche und Raubmorde ängſtigten den Bürger, ſowie die höchſte Unſicherheit der Landſtraßen den Reiſenden und Wanderer. Die Stärke dieſer mord⸗ und raubgierigen Horde, beſonders aber der tollkühne Muth und die ſeltene Verwegenheit ihres Oberhauptes widerſtand ſelbſt den tapferſten Angriffen der gegen ſie ausgeſendeten Militärabtheilungen und machte ſie hier⸗ durch nur um ſo ſchrecklicher. Beſonders aber war es der Statthalter Dimitrio Machalis, welchen ſie wegen ſeiner Strenge zum Gegenſtand ihrer räuberiſchen Anfälle gemacht hatten; aber ſein ungewöhnlicher Muth, wie ſeine überaus große Geiſtesgegenwart retteten ihn ſtets aus der Lebensgefahr. Nachdem er die inneren Feinde gedehmüthigt und die Regierungsverfaſſung ge⸗ ordnet hatte, richtete er ſein Augenmerk auf die Räuber, deren Hauptneſt er auch durch ein raſches, jedoch ſehr gewagtes Unternehmen aufhob.
An einem düſtern Abend im Monat Februar, der die Regenzeit und der unfreundlichſte Theil des Jahres in Griechenland iſt, verließ Dimitrio als pilgernder Prieſter verkleidet unbemerkt ſeinen Palaſt in Nauplia, und ſchlug, nur mit ſeinem Wanderſtabe


