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Die Photographie auf der Londoner Ausſtellung. 235
Im Porträtfach ſteht obenan Disdéri, der Hofpho⸗ tograph Napoleons. Disdéri beſitzt ein großartiges Ate⸗ lier am Boulevard des Italiens, das, obgleich es erſt 1858 angelegt iſt, zu den beſuchteſten von Paris gehört. Er hat ſich einen Namen gemacht durch Erfindung der photographiſchen Viſitenkarten im Jahre 1858, die ſchnell zu allgemeiner Beliebtheit gelangten. Später machte er dem Kriegsminiſter den Vorſchlag, die Photo⸗ graphie im Kriegsweſen anzuwenden, und erhielt von Letzterem den Auftrag, dieſen Plan zu realiſiren. Seine neueſten Bemühungen gelten der Aufnahme von Pferden und endlich der Anfertigung der ſogenannten Megalo⸗ photypien, d. h. Porträts in vergrößertem Maßſtabe. Er hatte von dieſer Kunſt der doppelten, vergrößerten Aufnahme— entgegengeſetzt den direkt aufgenommenen lebensgroßen Bildern— ſehr ſchöne und zugleich billige Proben ausgeſtellt. Disdéri läßt ſich nämlich für ein einzelnes ſolches Blatt nicht mehr als 100 Francs be⸗ zahlen, während die deutſchen Photographen es noch immer mit 150 Thalern circa zu berechnen pflegen.— Pesme, von dem die bekannten, in ziemlich freien Stel⸗ lungen aufgenommenen Viſitenkartenbilder der Pariſer Ballet⸗ und Cancantänzerinnen herrühren, war mit einer Anzahl trefflicher und meiſt harmloſer kleiner Porträts da.— In gemalten Porträts zeichneten ſich die Herren Numa Blanc und Meyer u. Pierſon aus. Letztere haben eines der am luxuriöſeſten ausgeſtatteten Ateliers in Paris und beſchäftigen bewährte Künſtler als Retou⸗ cheure, deren Honorar in Summa jährlich 100.000 Francs betragen ſoll. Es können— meint H. Vogel — unmöglich alle die vorzüglichſten Porträts in großem, wie kleinem(Viſitenkarten⸗) Format namhaft gemacht werden, die die franzöſiſche Ausſtellung zierten; nur das iſt anzuerkennen, daß die franzöſiſchen Porträtbilder in ſchöner Haltung und Beleuchtung, ſcharfer Zeichnung, Zartheit der Tinten und guter Tonung ihres Gleichen ſuchen. Im Stereoſkopenfache excellirten die Herren Ferrier und Soulier in Paris. Ihre prachtvollen Ste⸗ reoſkopen auf Glas ſind durch ihre tadelloſe Ausführung vielleicht einzig in ihrer Art. Es finden ſich darunter außerordentlich gelungene Augenblicksbilder der Pariſer Boulevards mit ihrem Gewühl von Menſchen, Wagen und Pferden.
Ferner iſt von den mikroſkopiſchen Photographien zu reden, die ſich auf der deutſchen Ausſtellung gar nicht fanden. Milkroſkopiſche Bilder trefflicher Art wurden ſchon ſeit längerer Zeit, vorzugsweiſe in England ange⸗ fertigt. Zu deren Beſichtigung gehörte jedoch immer ein beſonderes, ziemlich voluminöſes Inſtrument. Dagron war der Erſte, der auf den Gedanken kam, mikroſkopiſche Bilder mit ganz kleinen Linſen zu kombiniren und ſo das ſeparate Mikroſkop entbehrlich zu machen. So ſchuf er Kombinationen von Linſen und Bildern, die zuſammen ſo klein ſind, daß ſie in Knöpfe, Ringe, Lorgnetten, Na⸗ deln gefaßt werden können und dem Auge des oberfläch⸗ lichen Beobachters leicht entgehen. H. Vogel erzählt die ſicher unſeren Leſern noch unbekannte, eigenthümliche Art und Weiſe, wie Dagron ſeine Erfindung veröffent⸗ lichte; ſie verdient hier als Beiſpiel der Pariſer Reklame
erwähnt zu werden. Am 25. Nobember 1860 las man im Conſtitutionnel:„Ein merkwurdiger Fund iſt geſtern in den Champs⸗Elyſées gemacht und bei der Polizei⸗ präfektur abgegeben worden. Es iſt ein reichverzierter Ring, geſchmückt mit einer Diamantkrone, unter welcher ſich, faſt unſichtbar, zwei Linſen finden, durch die man, wenn man ſie dicht an's Auge hält, die wohlgetroffenen Porträts des Prinzen Albert und des Prinzen von Wales erblickt. Beide, dem bloßen Auge unſichtbar, er⸗ ſcheinen in Folge der Vergrößerung in der Dimenſion einer Viſitenkarte und ſo deutlich, daß man ſogar die untergeſchriebenen Namen der königlichen Hoheiten leſen kann. Ein Umſtand verdient, als wichtig für Recherchen, beachtet zu werden. Vor einigen Tagen iſt nämlich eine Klage über den Diebſtahl eines Käſtchens mit Schmuck⸗ ſachen eingelaufen, das von Paris an den engliſchen Hof geſendet worden war.“ Den Tag darauf empfing der Polizeipräfekt ein ähnliches mikroſkopiſches Bildchen, auf dem der eben im Auszuge angeführte Artikel des Conſtitutionnel und daneben ein Brief des Herrn Dagron, worin dieſer den Ring als ſein Eigenthum reklamirte, deutlich lesbar photographirt war. Der Präfekt war über das geſtohlene Kleinod nicht minder überraſcht, als über die originelle Art der Reklamation, und zeigte beide in ſeinem Salon, wo ſie die Bewunderung aller Gäſte erregten. Der Dieb wurde natürlich nicht entdeckt, die Geſchichte des Diebſtahls und die Art der Reklama⸗ tion machten jedoch Aufſehen genug, um die Aufmerk⸗ ſamkeit des Pariſer Publikums auf ſich zu ziehen. Die mikroſkopiſchen Photographien wurden ſchnell beliebt, verbreiteten ſich bald über die ganze civiliſirte Welt und werden jetzt ſo maſſenhaft verlangt, daß Dagron in ſeinem eigens dafür errichteten Atelier gegen 150 Ar⸗ beiter beſchäftigt. Sein Katalog iſt außerordentlich reich⸗ haltig. Für den Preis von 25 Sgr. kauft man bei ihm in Elfenbeinfaſſung die mikroſkopiſchen Anſichten aller möglichen Objekte: die Porträts von Königen und Fürſten, ſelbſt den Kaiſer von China, lebende und todte Berühmtheiten, Kopien von Bildern, Landſchaften und — was am meiſten verlangt wird— Akademien, von denen er eine bedeutende Anzahl mit großer Ungenirt⸗ heit in ſeinem Katalog namentlich aufführt, z. B. Eve donne la pomme à Adam, la joyeuse Orgie, les trois Gräces etc. Auch Perſonen nimmt Dagron mi⸗ kroſkopiſch auf und berechnet das Dutzend Bilder mit 50 Francs(13 ½ Thlr.). Dieſe ganze Art von Pho⸗ tographien iſt für jetzt zwar nur noch Kurioſität. Sie könnten aber— meint H. Vogel— einſt von enormer Wichtigkeit werden zur Beförderung geheimer Depeſchen. In einem Rockknopfe, in den Falten des Gewandes, ja im Haar ließen ſich die wichtigſten Mittheilungen in dieſer Form verſtecken und vor jeder Viſitation ſichern.
Noch ſind intereſſante Einzelnheiten zu erwähnen. So hatte Lafon de Camarſac Photographien auf Emaille und Porzellan ausgeſtellt. Dieſelben erſcheinen ganz wie im Porzellan eingebrannte Gemälde, ſind auch ſo unverwüſtlich wie dieſe, haben aber dabei noch vollſtän⸗ dig das Anſehen tadellos ausgeführter Papierſilberbilder. Wundervoll waren eine Anzahl Emaillebrochen mit Por⸗
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