234 Die Photographie auf der Londoner Ausſtellung.
Anſichten aus Venedig dar. Die Kopien nach Kunſt⸗ blättern, Gemälden und Kupfern, bilden den entſchieden hervorragendſten Theil der Ausſtellung, namentlich des Zollvereins. Hier waren die tüchtigſten Männer, Schauer in Berlin und Albert in München, in die Schranken ge⸗ treten und hatten Proben geliefert, die der deutſchen Kunſt nur zur Ehre gereichten. Es iſt dies um ſo wich⸗ tiger, als dieſe Art Photographien einen nicht unbedeu⸗ tenden Ausfuhrartikel bilden. Schauer genießt ſeit Jah⸗ ren in England und Amerika einen bedeutenden Ruf durch ſeine in jeder Hinſicht trefflichen Albums von Werken älterer und neuerer Meiſter. Auch die von Albert herrührenden Aufnahmen der Kaulbach'ſchen Goethe⸗ Bilder, die mit unnachahmlicher Treue die Züge der Originalkartons des berühmten Meiſters wiedergeben, ſind allen Kunſtfreunden bekannt. Leider ſteht einer all⸗ gemeinen Verbreitung dieſer ſchönen Blätter ihr hoher Preis im Wege.
Porträts, und zwar recht ſchöne lebensgroße, hatten Manecke in Leipzig und ebenfalls J. Albert in München ausgeſtellt. Das Bild des Prinzen von Wales von Letz⸗ terem zog beſonders die Aufmerkſamkeit des engliſchen Publikums auf ſich. Kleinere Porträts hatte der Zoll⸗ verein nur wenig aufzuweiſen; allein Oehme u. Jamrath in Berlin boten eine größere Anzahl derſelben. Viſiten⸗ karten begegneten dem Beſucher zuerſt in der öſterreichi⸗ ſchen Abtheilung, von L. Angerer in Wien und Meyer in Peſt.— In einem in neuerer Zeit ſo beliebt gewor⸗ denen Zweige der Photographie, in Stereoſkopen nämlich, hatte Deutſchland nur einen Ausſteller, die Firma Moſer und Senftner in Berlin. Doch waren die vorhandenen ſtereoſkopiſchen Photographien nur zum Theil deutſchen Urſprungs und Erzeugniſſe des rühmlichſt bekannten Ateliers von Günther in Berlin.
Frankreich iſt die Wiege der Photographie; hier erfand Daguerre die Kunſt, die ſich mit Rieſenſchritten über die ganze Welt verbreitete, hier haben nach ihm zahlreiche Männer an der Vervollkommnung derſelben gearbeitet und weſentlich zu dem Aufſchwung beigetragen, den ſie in unſern Tagen genommen hat. Der ihr gewid⸗ mete Theil der franzöſiſchen Ausſtellung legte ein glän⸗ zendes Zeugniß für das eifrige Streben der Franzoſen ab, neue Verfahrungsarten ausfindig zu machen, ihrem Weſen nach unbekannte photographiſche Proceſſe wiſſen⸗ ſchaftlich zu erklären und neue, bisher nicht benutzte Zweige der Anwendung für ſie zu eröffnen. Man fand hier meiſterhafte Photographien aller nur möglichen Ob⸗ jekte von mikroſkopiſcher Kleinheit bis Ueberlebensgröße, von einer Schönheit der Zeichnung und einer Zartheit in den Tinten, die das Entzücken aller Kenner erregen mußte.
Im Gebiete der Landſchaften waren wundervolle Proben vorhanden, aus ſämmtlichen Ländern der Welt, aus Shrien, Paläſtina, Algier, Mexiko, ſelbſt aus Neu⸗ Caledonien. Was die Namen der Ausſteller anlangt, ſo erwähnt H. Vogel zuerſt Braun in Dornach. Deſſen Bilder ſind weltberühmt, ſeine Stereoſkopen haben ſich längſt über die ganze Erde verbreitet und es gibt wohl nur wenige Gegenden des eſitten und nicht ctoiliſir⸗ ten Europa’s, wo er nicht mit ſeinem Inſtrumente ge⸗
weſen wäre. Es iſt überflüſſig, zur Empfehlung ſeiner herrlichen ſtereoſkopiſchen Landſchaftsaufnahmen, vor allen der aus der Schweiz, ein Wort zu verlieren. Es ſei nur auf ſeine ſchönen großen Blätter von Mühlhauſen und Interlaken— beides lange Panoramenbilder— aufmerkſam gemacht, die man ſchon ſeit mehreren Mo⸗ naten in den Kunſtläden der europäiſchen Hauptſtädte ſieht. Nicht minder trefflich waren die von ihm ausge⸗ ſtellten Blumenſträuße und Fruchtſtücke, ein Artikel, in dem er keinen Konkurrenten hat.— Maxwell Lyte in Bagneres de Bigorre bot eine Anzahl prachtvoller An⸗ ſichten aus den Pyrenäen. Dieſe Bilder, die den Beſchauer mitten in die von Deutſchen ſo wenig gekannte großar⸗ tige Gebirgsnatur der Pyrenäen mit ihren tief einge⸗ ſchnittenen, mit Städten und Dörfern bedeckten Thälern, ihren gewaltigen Schluchten und rieſenhaften, in die Luft emporragenden Eiszinnen hineinverſetzten, ſind von einer Schärfe der Zeichnung, die die zarteſten Details erkennen, einer plaſtiſchen Wirkung, die jeden Baum ſelbſtſtändig hervortreten läßt, und zeigen eine ſo treff⸗ liche Vertheilung der Tinten und Lichter zwiſchen Vorder⸗ und Hintergrund, als ſie nur dem Pinſel eines Land⸗ ſchafters möglich iſt. H. Vogel meint, den Lyte ſchen Bildern müſſe unter allen Landſchaftsphotographien der Ausſtellung die Palme zuerkannt werden. Faſt nicht minder großen Ruf, als Braun, haben in neuerer Zeit die Gebrüder Biſſon in Grenoble erlangt. Sie kletterten mit ihren Inſtrumenten auf die Höhen des Berner Ober⸗ landes und auf die ungeheuren Eiszinnen des Mont⸗ blanc: ſie erſtiegen dieſen Bergkoloß und kamen mit ge⸗ frorenem Silberbade oben an. Als Frucht ihrer hals⸗ brechenden Exkurſion hatten ſie eine Suite der großar⸗ tigſten Hochgebirgsbilder der Schweiz geliefert.— In Architekturen war das beſte von Baldus. Namentlich verdienten zwei Blätter als Muſterbilder hervorgehoben zu werden, eine Anſicht vom Louvre und eine andere vom Triumphbogen zu Paris, beide von einer Schärfe und Feinheit in den Details, die auch das kleinſte Orna⸗ ment erkennen ließ.
Unter den Photographien nach Gemälden und plaſtiſchen Kunſtwerken ſtachen die von Bingham vor allen in die Augen. Bingham iſt ein Engländer, der ſich früher mit Daguerreotypie beſchäftigte, bis er im Jahre 1850 die Anwendung des Kollodions in der Photo⸗ graphie erfand und damit einen totalen Umſchwung in dieſer Kunſt hervorrief. Jetzt iſt er in Paris ange⸗ ſiedelt und hat ſich in neuerer Zeit ſpeciell auf Kopirung von Gemälden gelegt. Welche Meiſterſchaft er hierin beſitzt, iſt allſeitig bekannt. Sein Katalog iſt enorm reichhaltig, die Muſeen des Louvre, des Luxemburg, von Verſailles, die berühmteſten franzöſiſchen Künſtler der jüngſten Periode, wie Ary Scheffer, Ingres, H. Ver⸗ net, Delaroche, Cabanell, Meiſſonier, Winterhalter u. ſ. w.— ſie Alle haben ihm ihre hervorragendſten Meiſter⸗ werke zur Vervielfältigung anvertraut. Nach Bingham iſt Michelez zu erwähnen. Kopien nach plaſtiſchen Kunſt⸗ werken hatten Robert und Chavaret ſehr ſchön geliefert; rühmenswerth war namentlich eine ungemein weich und zart ausgeführte Marmorvaſe.


