Jahrgang 
1864
Seite
233
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Die Photographie auf der Londoner Ausſtellung. 233

ſegnenden Blicke in die Arme Walls legte.Ich kenne Sie, ich liebe Sie, flüſterte er ihm zu.Gott wird helfen!

Wall konnte ſich das Benehmen Bergers nicht erklären. Der treue Mann war zum Verräther an ihm geworden und zeugte wider den Grafen. Was mußte da Alles geſchehen ſein. Dieſer Wechſel kam ihm ſo unglaublich vor, daß er nicht wußte, was er davon zu denken hatte.

Berger ließ ſich nicht ſtören. Er vermied es, den Blicken ſeines Officiers zu begegnen und blieb bei ſeinen Beſchuldigungen.

Das Urtheil des Kriegsgerichtes lautete auf Tod!

(Fortſetzung folgt.)

Die Photographie auf der Londoner Aus⸗ ſtellung.

2 u den Schoßkindern unſerer Zeit gehört in erſter H), Reihe ohne Zweifel die Photographie, und man muß es ihr laſſen, daß die Gunſt, welche ihr von allen Seiten geſchenkt wird, eine wohlverdiente iſt. Denn dieſelbe iſt allen Zweigen des menſch⸗ lichen Könnens und Wiſſens dienſtbar. Kein Feld in der großen Welt des Sichtbaren exiſtirt, wo ſie nicht fruchtbringend und fördernd ſich zu bewähren ver⸗ möchte. Zur Aufnahme von Maſchinen iſt die Photo⸗ graphie ganz unſchätzbar. Ein Zeichner iſt oft gar nicht

im Stande, das wirre Durcheinander von Rädern,

Stangen, Kurbeln, Hähnen u. ſ. w., das manche Ma⸗ ſchinen darbieten, treu wiederzugeben. Nicht minder wichtig iſt ihre Anwendung zur Reproduktion von Plänen und Werkzeichnungen, ſowie zur bildlichen Darſtellung der verſchiedenſten mechaniſchen Arbeiten. Aber ebenſo, wie dem Gewerbe, kann ſie ſich auch der Wiſſenſchaft höchſt dienſtbar erweiſen. Auf der Londoner Ausſtellung des vorigen Jahres befanden ſich Barometer, Thermo⸗ meter und Magnetometer, die ihre Schwankungen ſelbſt auf photographiſchen Papieren notirten. Dadurch macht die Photographie manche direkte Beobachtung entbehr⸗ lich und gewährt dem Naturforſcher beträchtliche Erſpa⸗ rungen an Mühe und Zeit. Auch Thiere, Pflanzen, Mi⸗ neralien müſſen ihr Bild getreulichſt auf die lichtempfind⸗ liche Platte zeichnen. Kann es ferner anatomiſch und überhaupt wiſſenſchaftlich genauere Abbildungen vom inneren Bau des Menſchen, von der Geſtalt der Erd⸗ fläche, der Natur des Bodens, von dem Himmelsraum mit all ſeinen Geſtirnen geben, als die, welche die Pho⸗ tographie auf's Papier zaubert? Von der Anwendung, welche ſie zur Wiedergabe von Kunſtwerken wie im all⸗ täglichen Leben gefunden hat, ſchweigen wir, als von allbekannten, um nur noch auf Eines aufmerkſam zu machen: auf die photographirten Landſchaften. Nichts iſt angenehmer, als von den Reiſen ein wohlgelungenes Bildchen als Erinnerung an die Orte, welche man ge⸗ ſehen, mit ſich nach Hauſe zu nehmen. Und hier iſt zu⸗ gleich ein Punkt, wo das Angenehme der Photographie Erinnerungen. 88. Bd. 1864.

ſich wieder mit ihrer Nützlichkeit paart. Denn durch dieſe getreuen Aufnahmen von Landſchaften, Bergen, Wäldern, Städten u. ſ. w. macht ſie ſich auch dem Geographen und Ethnographen auf die mannigfaltigſte Weiſe dienſt⸗ bar. Ja, auf ſolche Weiſe zeichnet ſie ſelbſt die Geſchichte der Länder und der Völker und, wenn wir längſt nicht mehr ſind, werden unſere Photographien beredter, als alle Geſchichtswerke der Nachwelt den Kulturzu⸗ ſtand unſerer Zeit zu berichten wiſſen.

Es liegt ein artiges Büchelchen vor uns:Die Photographie auf der Londoner Weltausſtellung des Jahres 1862 von Hermann Vogel(Braunſchweig, Neuhoff und Comp.), welches durch eine überſichtliche Schilderung der in London ausgeſtellt geweſenen Proben von Photographie zugleich einen Rückblick auf ihre geſchichtliche Vergangenheit, wie einen Einblick in ihre gegenwärtige Leiſtungsfähigkeit, Bedeutung und Aus⸗ breitung gewährt. Inſofern Beides von allgemeinem Intereſſe ſein kann, nehmen wir im Folgenden hierauf Bezug, laſſen aber Alles, was H. Vogel über ebenfalls ausgeſtellt geweſene Chemikalien und Apparate ſagt, als zu tief eingehend in die nur dem Fachmann ver⸗ ſtändliche Technik der Kunſt, bei Seite.

Was zunächſt unſer eigenes Vaterland betrifft, ſo machte freilich gerade der photographiſche Theil der deutſchen Ausſtellung nur einen unbefriedigenden Ein⸗ druck. Der Grund hiervon lag vorzugsweiſe in dem Umſtande, daß die deutſche Photographie, verglichen mit der engliſchen und franzöſiſchen, äußerſt ſchwach vertre⸗ ten war. Der Katalog wies von England 169, von Frankreich 119 und von Deutſchland inkl. Oeſterreich nur 38 Ausſteller nach. Von denſelben kamen auf Preußen 17, auf Oeſterreich 12, Baiern, Baden und Sachſen je 2, ſowie Heſſen⸗Darmſtadt, Württemberg und Mecklenburg je einer. Die übrigen deutſchen Staa⸗ ten hatten nichts geliefert. Es zeugte dies von einer auffallenden Theilnahmloſigkeit der Photographen gegen⸗ über der Weltausſtellung. Ungern vermißte man her⸗ vorragende Firmen, wie die von Haaſe u. Co. in Berlin oder von Hanfſtängl in München. Noch greller trat das Mißverhältniß Deutſchlands anderen Ländern gegenüber hervor, wenn man das gelieferte Material erblickte. In der ganzen Ausſtellung des Zollvereins exiſtivte nicht eine einzige Viſitenkarte, das will viel ſagen in jetziger Zeit, wo eine förmlicheKartomanie graſſirt; ferner nicht eine einzige in Farben retouchirte Papierphoto⸗ graphie, keine einzige Photolithographie, ebenſo wenig photographiſche Kupfer⸗ und Stahldrücke u. ſ. w.

Landſchaften waren da von Achilles Mellinco in Wien und Richard in Heidelberg. Doch kamen die An⸗ ſichten der Semmeringbahn von Erſterem, wiewohl höchſt intereſſant, in der Ausführung nicht den wundervollen engliſchen und franzöſiſchen Arbeiten dieſes Genres gleich. Schöner waren die Anſichten der Heidelberger Schloßruine von Richard, ſehr ſauber ausgeführte Bil⸗ der, ſowohl was Zeichnung, als auch was Vertheilung der Tinten betrifft. Architekturbilder von außerordent⸗ licher Größe 30 23e und 22 ½ Zoll breit hatte Dr. Lorent in Heibelberg geliefert. Sie ſtellten

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