Jahrgang 
1864
Seite
232
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232 Julius Roſen.Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungen.

daten luden Berger auf ihre Schultern und trugen ihn in die Kaſerne zurück.

Alſo zerzauſt und gefeſſelt brachte man ihn vor den Kommandanten.

Mich haben die Kerls ſchön zugerichtet, gnädig⸗ ſter Herr, jammerte Berger,Arm und Bein haben ſie mir zerſchlagen, als ich ihren Anſchlag hindern wollte.

Sie haben uns verrathen! fuhr der Komman⸗ dant den Jäger an.

Mit nichten, gnädiger Herr. Ich war verrathen. Statt um ein Uhr riſſen die Teufelskerle um eilf Uhr aus und als ich den Schließer aviſiren wollte, banden ſie mich und ſchleppten mich im Tumulte mit ſich auf die Straße hinaus, wo ſie mich alſo zugerichtet haben.

Die kühne Liſt Bergers war gelungen. Der Kommandant mußte ihm ja glauben, denn was für ein Intereſſe konnte er ihm zumuthen? Er konnte ja nicht wiſſen, daß Berger um die neuerliche Gefangen⸗ nahme des Grafen wußte, und traute ihm die Tollkühn⸗ heit nicht zu, ſich zur Rettung eines Andern ſelbſt der Gefahr eines Todesurtheiles auszuſetzen, das ihn, falls er der Spionage überwieſen werden konnte, erwartete. Dennoch ſagte ihm Etwas, er ſolle dem verwegenen Menſchen nicht trauen und ſo ließ er ſich denn den Schließer rufen, um durch eine Konfrontation mit dieſem, Berger ſeiner allfälligen Schuld zu überweiſen.

Berger hatte das auch erwartet und war über ſein Benehmen gegen den Schließer einig geworden. Als dieſer eintrat, ergriff er denn auch ſogleich das Wort und ſprach mit der größtmöglichſten Ueberzeu⸗ gung alſo:Dieſer brave Mann, Herr Major, wird meine Ausſage beſtätigen. Er war es, welcher ſich wie ein Löwe gegen die andrängenden Feinde vertheidigte, und wenn ſeine Kameraden mit demſelben Muthe ge⸗ kämpft hätten, wir wären der Elender Herr geworden. Ja, Herr Major, ich muß die Wahrheit ſagen und wenn ich etwas zu reden hätte, dieſer Tapfere müßte eine Auszeichnung, eine große Belohnung erhalten.

Der Schließer, das gerade Gegentheil des Tapfern, den Berger ſchilderte, hatte, als man ihn zur Ver⸗ antwortung zog, ſich mit Bramarbaſiren zu retten ge⸗ ſucht. Es kam ihm demnach Bergers Rede, welche ſeinen Lügen Glaubwürdigkeit gab, ſehr gelegen und er fühlte Dankbarkeit gegen den Helfer in der Noth. Er ſagte demnach aus, daß Berger keine Hand an die Wachen gelegt, daß er mit überrumpelt worden ſei und daß auch er ſich mannhaft gewehrt habe. Der gute Mann log auch nicht, denn der Schrecken hatte ihn damals blind gemacht und Alles, was er ausſagte, konnte eben ſo gut wahr, als unwahr ſein.

Dieſe Ausſage gab demnach den Ausſchlag. Der Kommandant glaubte dem Jäger, und das um ſo mehr, als er ihn brauchte, denn ſeine Ausſagen von der Ver⸗ leitung der Gefangenen mußten dem armen Grafen den Hals brechen. Das wußte auch Berger ſehr wohl und zerbrach ſich nun den Kopf, auf welche Weiſe er den Grafen befreien uehe dieſer vor Gericht ge⸗ ſtellt und verurtheilt werden würde. Sein erſtes Augen⸗

merk fiel auf den Schließer. Dieſer war ſeiner Tapfer⸗

keit und Entſchloſſenheit wegen dem Grafen beigegeben

worden und konnte demnach am eheſten zur Herſtellung der Kommunikation benützt werden. Da ſich Berger durch ſeine Erzählung ein Bildchen bei ihm eingelegt hatte, hielt es nicht ſchwer, ihn vertraulich zu machen, was um ſo eher gelang, als der öftere Verkehr Ber⸗ gers mit dem Kommandanten dem Schließer im⸗ ponirte.

So fand denn eines Tages der Graf in dem ihm gereichten Brode einen Zettel folgenden Inhaltes:Herr Graf. Ich habe mich wieder einfangen laſſen, um gegen Sie zu zeugen. Man glaubt mir und ich hoffe, Sie zu retten. Erwarten Sie weitere Mittheilungen und ver⸗ zagen Sie nicht. Berger.

Die Nähe des kühnen Menſchen machte einen guten Eindruck auf den Grafen und diente ihm zur be⸗ ſonderen Beruhigung. Es ſchien jedoch, als ob Ber⸗ gers Anweſenheit den armen alten Mann nicht retten könnte, denn ſchneller als man es erwartet hatte, war das Kriegsgericht zuſammengetreten und die Verhöre mit Brander begannen.

Bevor es zur Schlußverhandlung kam, erhielt der Graf abermals einen Zettel, worin ihn Berger er⸗ ſuchte, ihm vor Gericht nicht zu widerſprechen und ruhig Alles über ſich ergehen zu laſſen. Wie auch das Urtheil lauten möge, es werde gewiß nicht zur Exekution kommen.

Brander beſchloß, dem Rathe des Freundes nachzukommen. Was konnte er auch Beſſeres thun. Er war verurtheilt, ob er ſchwieg oder ſprach, und ſo wollte er denn ſchweigen.

Das Gericht hatte begonnen.

Mit einer unglaublichen Frechheit beſchuldigte Berger den alten Mann der Verleitung zum Aufruhr der Gefangenen. Er erging ſich in Beſchimpfungen und Verſpottungen des alten Mannes und war gerade ſo recht im Zuge, als er plötzlich ſtockte und nur mit Mühe ſeine Faſſung wieder erhielt. Verwundert ſah der Alte auf, denn er konnte nicht begreifen, warum Berger ſtockte. Er fürchtete für ſeinen Freund, den jede Ver⸗ legenheit in den Augen der Dänen verdächtig machen mußte. Ein unterdrücktes Schluchzen, das aus der andern Ecke des Saales kam, gab ihm Aufklärung, denn als ſein Blick dahin fiel, erkannte er ſeine Tochter, ſeine Bertha, welche von einem jungen Officier mühſam zurückgehalten wurde. Nun, da ſie der Blick des Vaters erreicht hatte, war kein Halten mehr. Sie ſtürzte vor und zu den Füßen ihres gefeſſelten Vaters.

Mein Vater, ſtammelte ſie,mein armer Vater!

Meine Tochter! Mehr brachte der Alte nicht heraus. Die unerwartete Ueberraſchung hatte ihn über⸗ mannt, er ſchluchzte wie ein Kind.

Die Richter, ergriffen von dieſer Scene, ließen die Beiden eine Weile gewähren. Als aber der Haupt⸗ ankläger Major Gramonz ungeduldig wurde und Fortſetzung der Verhandlung verlangte, wurde Bertha von ihrem Vater getrennt, der ſelbſt ſie mit einem