Jahrgang 
1864
Seite
230
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230 Julius Roſen:Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungen.

ihrer Worte und bewies, daß ſie gar wohl wußte, von wem die Rede wäre.

Dieſe Bemerkung machte auch Marie, behielt ſie jedoch für ſich, trat auf Bertha zu und breitete die Hamburger Zeitung vor ihr aus.Da leſen Sie, Fräu⸗ lein, ſprach ſie,und freuen Sie ſich.

Ich begreife Dich nicht, entgegnete Bertha, doch ihre Augen ſuchten in dem engbedruckten großen Bogen den Namen Wall.

Sie werden ſchon begreifen, Fräulein, ant⸗ wortete Marie und wies auf eine Stelle gleich oben im Blatte, wo die Auszeichnungen der Officiere vor⸗ kamen.Da leſen Sie: Lieutenant Wall hat den eiſernen Kronorden erhalten. Wiſſen Sie, was das zu bedeuten hat?

Was hätte das zu bedeuten? fragte über und über roth geworden das Mädchen.

Dashat zu bedeuten, daß Lieutenant Wall ſich tapfer gehalten hat, daß er nicht nur ſchön, daß er auch brav iſt, daß ihn ſein Orden adelig macht und daß Comteſſe Bertha nicht mehr fürchten muß, den bürgerlichen Officier zu lieben. Habe ich nicht Recht, Fräulein?

Du biſt nicht klug, Marie, entgegnete ver⸗ ſchämt die Comteſſe, und bemühte ſich, ſtrenge auszu⸗ ſehen, was ihr jedoch gar nicht gelang.Woher weißt Du denn das Alles?

O das hat mir Alles der hübſche Jäger erzählt. Dieſer Orden iſt ja wie geſchaffen für bürgerliche Officiere, welche adelige Fräulein lieben. Sie gehen in den Krieg, gewinnen eine Schlacht, werden dekorirt und können heiraten. Iſt das nicht prächtig?

Woher weißt Du denn, daß Wa El mich liebt?

Ich bin ja nicht blind! Schien es doch, als ob er zum Tode verurtheilt wäre, als er von Ihnen gehen mußte. O darin habe ich einen ſichern Blick. Weiß ich doch auch, daß Berger in mich verliebt iſt.

Der Jäger heißt Berger?

Derſelbe und das iſt auch ein braver Mann. Da leſen Sie nur, Fräulein. Mein Berger hat die große goldene Medaille bekommen. Für den Geliebten eines Stubenmädchens iſt das aller Ehren werth. Mariens gemüthliche Zutraulichkeit machte auch die Comteſſe zutraulicher. Sie läugnete nicht mehr, daß ſie ſich für den jungen Officier intereſſire und ließ es zu, daß Marie von ihm als von Berthas zukünftigem Gemal ſprach. Die Mädchen plauderten alſo zuſam⸗ men, als ſich geräuſchvoll die Thüre aufthat und der Lieutenant Wall auf der Schwelle erſchien.

Robert!l rief Bertha und ſtürzte auf ihn zu.

Berthal rief er und umſchlang ſie. Das un⸗ erwartete Wiederſehen hatte ihnen eine mühſame Liebes⸗ erklärung erſpart.

Sie ſind verwundet, Robert, ſprach Bert ha nachdem ſich ihre erſte Freude, ihre erſte Verlegenheit über das unerwartete und unwillkürliche Geſtändniß gelegt hatte,es iſt doch nicht gefährlich?

Wall,ich bin außer Gefahr und doch hat mich dieſe Wunde furchtbarer gequält, als wenn ſie tödtlich ge⸗ weſen wäré.

Erzählen Sie doch!

Hat ſie mich nicht verhindert, meinem Worte zu genügen, Ihren Vater zu retten, Bertha!

Meinen Vater, ſchrak das Mädchen empor. Alſo iſt gar nichts für ihn geſchehen?

Doch iſt Vieles für ihn geſchehen. Ich habe, an das Krankenlager gefeſſelt, meinem treuen Berger und Mariens Bruder vermocht, nach Kopenhagen zu. gehen und die Rettung Ihres Vaters zu verſuchen. Berger iſt ein kluger wackerer Mann, er wird ihn retten.

Wenn er ihn aber nicht rettet, hauchte angſter⸗ füllt das Mädchen.

Dann will ich ſelbſt mein Leben daran wagen, um ihn zu befreien. Meine Wunden ſind geheilt, ich kann ja reiſen.

O nicht doch, warten wir erſt weitere Nach⸗ richten ab.

Den Liebenden vergingen einige ſehr glückliche Tage. Wall hatte ſeine Wohnung beim Oberarzte des Interimsſpitals genommen, welches im Schloſſe einge⸗ richtet worden war, und brachte die ganze Zeit in der Geſellſchaft ſeiner geliebten, ſüßen Bertha zu. Er er⸗ holte ſich immer mehr und es drängte ihn nicht, zu ſeinem Bataillon zurückzukehren, um die Siegeszüge derſelben mitzumachen, da der erſte Waffenſtillſtand gerade abge⸗ ſchloſſen und die Armee demnach unthätig war. Er ſollte jedoch die ſelige Ruhe ſeiner Liebe nicht lange genießen.

Bertha erhielt nämlich einen Brief aus Kopen⸗ hagen. Er war vom Major Gramonz und lautete:

Mein Fräulein!

Ich mache Ihnen bekannt, daß Ihr Vater bei einem Fluchtverſuche ertappt und vor ein Kriegsgericht geſtellt wurde, da er die Gefangenen zur Flucht ver⸗ leitet und mich, welcher ich dieſelbe hindern wollte, meuchlings angefallen hat. Seine Verurtheilung zum Tode iſt ſo gut wie gewiß. Kommen Sie nach Kopen⸗ hagen, geben Sie mir gute Worte, ſeien Sie gütig und gefällig gegen meine Liebe, vielleicht können wir ihn vom Tode retten. Gramonz.

Der Unverſchämte, polterte Wall, als ihm Bertha den Brief gezeigt hatte.O hätte ich ihn hier, um ihn gebührend zu züchtigen.

Mäßigen Sie Ihren Zorn, Robert, entgeg⸗ nete mit Thränen in den Augen das Mädchen,und rathen Sie mir, was zu geſchehen hat. Geſchehen muß etwas. Mein Vater muß gerettet werden, und ſollte ich für ſeine Rettung mein eigenes Leben opfern.

Sie werden doch die Bedingungen des Elenden nicht annehmen? fragte etwas verletzt der junge Mann.Sie werden doch nicht verlangen, daß ich Ihnen dazu rathen ſoll?

Mit einem ſeelenvollen Blicke ſah Bertha zu ihrem Geliebten empor und kaum hatte er ſein Auge

Das iſt es nicht, geliebtes Fräulein, antwortete

in den tiefen, thränenfeuchten Blick des Mädchens ge⸗