ſtan⸗
noch
Julius Roſen:„Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungen.“ 229
konnte. Da ſchlug es eilf Uhr. Der Schlüſſel raſſelte im Schloſſe, die Thüre that ſich auf, der Moment war gekommen. Schneller als es ſich niederſchreiben läßt, lagen die Soldaten gefeſſelt am Boden und waren auch ſchon entkleidet. Die Männer ſchlichen einzeln aus der Thüre und an den Wänden in den Hof, dunkle Plätze ſuchend, welche ſie zu verbergen geeignet waren. Berger nahm dem Schließer die Piſtole weg, welche er bei ſich zu tragen pflegte, entriß ihm die Schlüſſel und ſperrte die Runde in der Zelle ein. Mit Hilfe der Laterne des Schließers fand er den Weg in deſſen Stube. Hier eingetreten, athmete er hoch auf, denn nun hielt er den Anſchlag für gelungen, da ihn Niemand geſehen hatte. Vorſichtig öffnete er das Fenſter, band ſeine Stricke am Fenſterkreuze feſt und ließ ſich auf die Straße herab.
Auch das war gelungen, ohne daß er ſich verrathen hätte. Nun wartete er einige peinliche Minuten, un⸗ gefähr ſo lange, als ſeine Gefährten brauchten, um ſich in die Nähe des Thores zu ſchleichen, näherte ſich dieſem und feuerte das Piſtol ab, ſich ſogleich in ein offenes Thor flüchtend.
Der Schuß hatte ſeine Wirkung gethan. Das Kaſernenthor wurde geöffnet und ein Haufen Soldaten ſtürzte aus demſelben heraus, ſich nach allen Seiten vertheilend. Berger horchte auf, um den Ruf „Bertha“ zu vernehmen. Da er ihn nicht hörte, lief auch er den übrigen auf's Gerathewohl nach, von Zeit zu Zeit ſeinen Schlachtruf ausſtoßend. Es dauerte nicht lange, ſo geſellten ſich zwei Männer zu ihm, denen ein dritter ungeſehen folgte und alle ſtanden in einer kleinen dunklen und einſamen Gaſſe ſtill.
„Sind Sie es, Herr Graf?“ fragte Berger flüſternd.
„Ich bin es,“ entgegnete dieſer.
„Und Wilhelm?“
„Iſt auch hier,“ antworte der Geſuchte.
„Nun führen Sie uns, Wilhelm,“ ſprach Berger.„Sie ſind in Kopenhagen bekannt, Sie müſſen uns aus der Stadt und in Sicherheit bringen.“
„Folgen Sie mir denn.“
Alle drei wollten ihren Weg fortſetzen, als ihnen ein„Halt“ zugerufen wurde. Die vierte Perſon, welche durch den Ruf Bertha aufmerkſam gemacht, ihnen gefolgt war, näherte ſich nun und Berger erkannte zu ſeinem größten Schrecken den Major Gramonz.
„Ei, was ſehe ich, der Herr Graf Brander“,“ ſprach höhniſch der Major, als er den Alten erkannt hatte.„Schade, daß ich dieſe Flucht vereiteln muß.“ Mit gezogenem Säbel ſtürzte er auf den Alten zu und faßte ihn bei der Bruſt.
„Dieſe werden Sie nicht vereiteln, Herr Major,“ entgegnete Berger und ſchlug mit der Piſtole, welche er bei ſich hatte, den Major über den Kopf. Dieſer ſtürzte, riß jedoch den alten Mann mit ſich zu Boden und ließ ihn nicht los. Auf den Hilferuf des Officiers kamen plötzlich aus einer Seitengaſſe Soldaten herbei und Berger mußte entfliehen, wollte er ſelbſt nicht wieder in Gefangenſchaft gerathen. Noch einen letzten
Schlag gab er dem Major, flüſterte dem Grafen die Worte zu:„Sie werden von mir hören, verzagen Sie nicht,“ nahm Wilhelm bei der Hand und verſchwand mit dieſem im Dunkel der Gaſſe. Der Graf aber ward in die Kaſerne zurückgeführt.
8.
Bertha und Marie führten auf Kronwerda ein gar einſames Leben, wenn man ſeinen Gedanken leben einſam leben heißt. Es hatte ſeit der Abreiſe unſerer Helden für die Mädchen nur einen Feſttag ge⸗ geben, als nämlich Mariens Vater mit ſeiner Enkelin daſelbſt eingezogen war. Er hatte ja ſo viel Schönes von Wall und Bergerzu erzählen, und das hörten unſere Mädchen gar ſo gerne, obwohl ſie ihr reges In⸗ tereſſe an den jungen Männern ſich gar nicht einge⸗ ſtehen wollten. Es iſt ein eigen Ding um des Mäd⸗ chens Herz. Leichter erregbar als das Herz des Mannes, hält es doch die Eindrücke länger und lebhafter feſt, und ſpinnt ſich von den feinſten Fäden der Möglichkeit ein Gewebe des Glückes, das ewig dauernd zu ſein ſcheint. Kann man es der Comteſſe wohl verargen, wenn ſie öfter an den hübſchen Lieutenant dachte, als ihrer Ruhe zuträglich war? Sie hatte ihn ja auf höchſt abenteuerliche und darum intereſſante Weiſe kennen ge⸗ lernt, ſie hatte ja den Eindruck bemerkt, welchen ſie auf ſein Herz ausgeübt hatte und er war ihr in dem Wunſche der Rettung ihres Vaters begegnet, waren das nicht Anknüpfungspunkte genug für ein lebhaftes Erinnern, für ein Wohlwollen höherer, edlerer Art, als das der gewöhnlichen Konvenienz? Und Marie erſt. Wie hätte die dem braven Jäger nicht dankbar ſein ſollen? Ihr Vater war durch ihn gerettet worden, und dann war er auch ein hübſcher, ſtrammer Burſche, gar nicht blöde und doch gemüthlich, ſo daß man ihm gut ſein mußte. Kurz, Marie war viel früher zu der Ueberzeugung gelangt, daß ſie in Berger verliebt ſei, als ſich die Comteſſe ihr Intereſſe für Wall geſtand, und das war nur natürlich, da des Mädchens einfacher und geſunder Sinn nicht von den feinen, ſelbſtquäleri⸗ ſchen Sitten der eleganten Welt abgeblaßt war.
Eines Tages, Bertha ſaß im Salon am Kamin und ſtickte, hüpfte Marie jauchzend in's Gemach und tanzte, eine Zeitung hoch über dem Köpfchen haltend, vor Bertha hin und her, ohne Unterlaß die Worte ausrufend:„Fräulein, eine gute Nachricht!“
„Was haſt Du nur, Mädchen?“ fragte Bertha erſtaunt. 3
„Eine gute Nachricht, Fräulein, eine gute Nach⸗ richt!“
„Von meinem Vater?“
„Ach nein, von dem weiß ich leider noch immer nichts,“ entgegnete Marie.
„Von wem denn ſonſt?“
„Von ihm!“
„Von ihm? Wen meinſt Du?“ fragte Bertha, aber ihr purpurrothes Geſichtchen verrieth die Falſchheit


