228 Julius Roſen:„Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungen.“
Pauſe der Major zu dem alten Manne,„ich will es hören, um darnach zu handeln.“
„Gehen Sie und nehmen Sie meine Verachtung mit ſich, mein Herr,“ antwortete der Alte.„Für die Tugend meiner Tochter beſorge ich nichts, ſie iſt mein Kind und weiß, daß mich ihre Schande tödten würde. Geben Sie mir alſo den Tod.“ Er verließ den Officier, warf ſich auf ſein Lager und verbarg ſein Geſicht in ſeinem Mantel.
Mit dem Fuße ſtampfend entfernte ſich Gra⸗ monz und murmelte alle erdenklichen Flüche zwiſchen den Zähnen.„Vergehe in Deinem Schmerze, alter Narr, ich will Dich doch noch kirre machen.“ Mit dieſen Worten verließ er die Stube.
Berger aber, dem es Leid that um den alten Herrn und der den beſten Troſt für ihn bereit hatte, ſchlich ſich zu ihm hin und flüſterte:„Herr Graf!“
Der Alte gab keine Antwort.
„Es iſt nicht mehr der Major Gramonz, welcher Sie ruft,“ fuhr er fort,„ſondern ein Freund.“
Der Alte ſah empor und blickte verwundert dem Jäger in's Geſicht.„Sie kennen den Namen des Majors?“
„Freilich kenne ich ihn,“ entgegnete Berger⸗ „habe ich ihn doch ſelbſt gefangen genommen und der Teufel weiß, wie er wieder losgekommen iſt.“
„Der Major ward gefangen?“
„Als er Comteſſe Bertha rauben wollte.“
„Meine Tochter? Sie iſt in ſeiner Gewalt!“
„Er hat gelogen. Sie iſt in Sicherheit.“ Berger erzählte dem Alten jene Vorfälle, welche uns ſchon be⸗ kannt ſind, und die Freude des Grafen kannte keine Grenzen. Nun, nachdem er erfahren, daß er über das Schickſal ſeiner Tochter unbeſorgt ſein konnte, war er wie umgewandelt.
Er ging mit Freuden auf die Fluchtvorſchläge Bergers ein, und es wurde beſchloſſen, die nächſte Nacht ſchon zur Flucht zu benützen. Die Art und Weiſe, wie dieſelbe ausgeführt werden ſollte, werden unſere Leſer ſpäter erfahren.
Berger ging nochmals zum Rapport. Er be⸗ richtete, daß die Gefangenen beſchloſſen hätten, heute Nacht eine Emeute zu verurſachen und aus dem Ge⸗ fängniſſe auszubrechen. Um ſie in ihrem Vorhaben zu beſtärken, habe er ſich anheiſchig gemacht, ihnen durch ſeine Vermittelung mehrere Anzüge däniſcher Soldaten zu verſchaffen, in welchen verkleidet ſie die Thorwache überrumpeln und ihren Gefährten zur Flucht verhelfen wollten.„Ich habe, ſo ſprach ich zu den Gefangenen,“ erzählte Berger zutraulich,„den Kommandanten und die Officiere der Bemannung betrogen, habe mich an⸗ getragen, den Spion abzugeben, dieſe Leute glauben mir und ſo wird es mir leicht, mir die gewünſchten Kleider zu verſchaffen. Habe ich das gut eingeleitet, Herr Major?“
„Vortrefflich,“ entgegnete dieſer, überzeugt von der Aufrichtigkeit der Geſinnungen Bergers.„Sie ſollen die gewünſchten Anzüge erhalten, und ich will dafür ſorgen, daß die Meuterer gehörig bedient wer⸗
den. Mein Wort darauf. Auf wie viel Uhr iſt der Anſchlag beſtimmt?“
„Wir haben uns auf ein Uhr nach Mitternacht verabredet.“
„Es iſt gut.“
Berger erhielt von einem Unterofficier der Wache die geforderten Anzüge und kehrte in ſein Ge⸗ fängniß zurück. Entſchloſſen, einen kühnen Anſchlag auszuführen, und voll Muth und Begeiſterung für ſeine Sache, ſprach er alſo zu ſeinen Mitgefangenen:„Ka⸗ meraden, hier habe ich vier däniſche Soldatenröcke, welche uns ſammt und ſonders zur Flucht verhelfen müſſen. Wir ſind ſieben Mann, es fehlen uns demnach noch drei Röcke, und die müſſen wir uns ſchaffen, koſte es was es wolle. Ich habe dem Kommandanten be⸗ richtet, daß wir heute Nachts um ein Uhr ausbrechen und entfliehen wollen. Er wird alles Mögliche thun, um unſere Flucht zu hindern. Dieſe muß demnach ſchon bewerkſtelligt ſein, ehe man daran glaubt. Hört meinen Plan. Um eilf Uhr kommt die Runde durch unſer Zim⸗ mer. Wie der Schließer mit ſeinen zwei Gefährten ein⸗ tritt, fallen wir über dieſelben her. Die Bettdecken wer⸗ den ihnen über den Kopf geworfen und die Dänen am Sprechen verhindert. Dann nehmen wir der Runde die Waffen ab, binden ſie, ſchleichen uns in den Hof und ſuchen Gelegenheit, das Thor zu gewinnen.“
„Bis auf dieſen Punkt iſt der Plan möglich.“ entgegnete der alte Graf.„Wie können wir es aber wagen, die über fünfzig Mann ſtarke Thorwache anzu⸗ greifen?“
„Das iſt nicht nothwendig,“ entgegnete Berger. „Ich laſſe mich aus des Schließers Stübchen, das ich wohl kenne und das im erſten Stockwerke liegt, auf die Straße herab, nehme ein Gewehr mit mir und feuere es vor dem Thore der Kaſerne ab. Auf das hin wird die Mannſchaft, welche von einer Emeute avbiſirt iſt, aus dem Thore herausſtürzen, Ihr benützt das Getüm⸗ mel, miſcht Euch unter die Soldaten, helft der Urſache des Schuſſes nachforſchen und verliert Euch in den Gaſſen. Die Soldatenkleider werden Euch vor der erſten Entdeckung ſchützen, ſodann helfe ſich Jeder ſelbſt. Ich, Wilhelm und der Graf treffen uns, indem wir uns die Loſung Bertha zurufen. Seid Ihr entſchloſſen?“
Alles war mit dem Plane Bergers einverſtan⸗ den, Alles hoffte, derſelbe werde ſeiner Kühnheit wegen gelingen. Berger, Wilhelm, der Graf und noch einer der Gefangenen bekleideten ſich mit den Soldaten⸗ röcken und warteten mit Spannung auf die Kataſtrophe, nämlich das Herannahen der Runde. Berger hatte jedem Einzelnen ſeine Rolle zugewieſen. Je zwei hatten einen der Soldaten abzufaſſen und unſchädlich zu ma⸗ chen. Die Leintücher wurden zerriſſen und zu Stricken zuſammengedreht, welche zum Feſſeln der Soldaten zurechtgelegt wurden. Einen Theil behielt Berger für ſich, um mit deren Hilfe ſeine Reiſe durch die Luft zu machen.
Die verhängnißvolle Stunde nahte heran. Athem⸗ los ſtand Alles auf ſeinem Poſten und es herrſchte eine
Stille, daß man die Herzſchläge der Einzelnen hören


