Julius Roſen:„Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungen.“ 227
„Natürlich,“ lachte Berger,„ſonſt wären ſie ja dumm, ſich zu verrathen.“
„Dafür bekommen Sie die Löhnung eines Ser⸗ geanten und beſſere Koſt. Sind Sie zufrieden?“
„Wie ſollte ich nicht, Herr Major,“ entgegnete Berger ſchlau lächelnd.„Doch noch Eins, gnädigſter Herr,“ fuhr er fort,„wird es nicht beſſer ſein, wenn ich weiß, wen ich zu bewachen habe? Ich könnte dann vielleicht das Geſpräch auf Gegenſtände führen, welche meinen Zellengenoſſen den Mund öffnen.“
„Vor der Hand wiſſen Sie genug,“ entgegnete kurz der Major;„machen Sie ſich weiteren Vertrauens würdig und es wird Ihnen werden.“
Berger wurde abgeführt. Er kam in ein lichtes Gemach, worin ſich einige Soldaten, darunter Wil⸗ helm und mehrere Schleswig ſſche Geißeln befanden.
Als man ſie allein gelaſſen hatte, theilte er Wil⸗ helm das Geſchehene mit und vertraute ihm, er hoffe auf dieſe Weiſe den Aufenthalt des Grafen Brander zu erfahren, welcher ſich jedenfalls bei dieſem Trans⸗ porte befinde, da es der erſte und einzige geweſen ſei, den man in's Land geſchafft habe. Sie verhandelten, wen ſie in's Vertrauen zu ziehen hätten, und wurden darüber einig, vor der Hand Niemand mit ihrem Plane bekannt zu machen. Berger wollte dafür ſorgen, daß Wilhelm und der alte Mann, für den beide eine große Ehrfurcht hatten, abgeſondert werden ſollten, um ſich dann leichter beſprechen zu können. Sie vermuthe⸗ ten ganz richtig, daß der alte Mann den Grafen ken⸗ nen werde.
Als demnach Berger am andern Tage zum Rapport gerufen wurde, erzählte er, daß in ſeiner Ab⸗ theilung ſich nur zwei gefährliche Männer befänden: ſein Kamerad und der alte Mann, welche die Gefan⸗ genen gegen die Dänen aufreizten und Pläne zur Flucht machten.„Ich habe,“ ſchloß er ſeine Rede,„in ihr Schimpfen eingeſtimmt, ſie halten mich mit Leib und Seele für ergeben, und ich möchte den Vorſchlag machen, uns drei abzuſondern und gut zu verwahren, damit ich mich in ihr Vertrauen ſtehlen und ausgezeichnete Dienſte leiſten kann.“
Der Major hörte ſeinen Vorſchlag an, befolgte ihn aber nicht.„Das verſtehen Sie nicht, mein Beſter,“ entgegnete er.„Abſondern will ich die gefährlichen Menſchen nicht, denn dann kann ich ihnen nicht bei⸗ kommen. Laſſen Sie dieſelben nur wühlen, helfen Sie, wo Sie können, und wenn es zu einer Emeute kömmt, ſollen Sie königlich belohnt werden, denn dann haben wir einen Grund, energiſch gegen die Beiden vorzugehen.“
Berger ging unverrichteter Sache von dannen. Dieſer Ausgang ſeiner Spionage war ihm gar nicht recht, denn es drohte ihm die Entdeckung, daß er ge⸗ logen hatte, was ihn unfehlbar verdächtigen mußte. Brach die Emeute aus, was nur geſchehen konnte, wenn er eine provocirte, dann ſtürzte er ſeine Gefährten, welche er retten wollte, in's Unglück; brach keine Emeute aus, konnte man glauben, er habe ſeine Gefährten ge⸗ warnt, und ſo befand er ſich denn in einer ſehr uner⸗ quicklichen Lage.
In ſein Gefängniß zurückgekehrt, warf er ſich auf ſein Strohlager, um über ſeine Situation und die mög⸗ liche Rettung aus derſelben nachzudenken, als die Thür ſich aufthat und ein däniſcher Oberofficier eintrat. Ohne ſich um die übrigen Gefangenen zu bekümmern, ſchritt er auf den Greis zu, winkte ihn zu ſich und trat mit ihm in eine Fenſterniſche, in deren Nähe Bergers Lager ſich befand.
Da das Geſpräch leiſe geführt wurde, konnte Berger nichts verſtehen, ſo ſehr er ſich auch Mühe gab. Dennoch betrachtete er das Geſicht des Officiers mit Aufmerkſamkeit, denn es kam ihm vor, als ob er denſelben ſchon irgendwo geſehen hätte.
Nach und nach wurde das Geſpräch etwas leb⸗ hafter und Berger konnte einzelne Sätze unterſcheiden.
„Ihre Tochter iſt in meiner Gewalt, mein Herr,“ ſprach der Officier,„und es ſteht nur bei Ihnen, ſie und ſich zu retten.“
„Geſchehe was da wolle,“ entgegnete der alte Mann,„ich will mein Kind lieber todt als unglücklich wiſſen.“
„Auch Ihr Leben ſteht auf dem Spiel,“ fuhr der Officier fort,„denn ich werde Sie des Hochverrathes anklagen.“
„Thun Sie, was Sie nicht laſſen können, Herr Major,“ entgegnete mit einem Blicke voll Verachtung der Alte,„klagen Sie mich widerrechtlich an, auch ich werde zu ſterben wiſſen.“
„Seien Sie nicht eigenſinnig,“ ſprach dringend der Officier,„Sie verſchlimmern Ihr Schickſal. Ihre Tochter iſt, wie ich Ihnen bereits ſagte, in meiner Ge⸗ walt und Niemand hindert mich, Sie zu einer Heirat mit mir zu zwingen.“
„Meine Tochter iſt ein deutſches Mädchen, daß ſich zu nichts zwingen läßt.“
„Meinen Sie,“ entgegnete der Major und ein teufliſches Lächeln flog über ſeine Züge.„Wenn ich ernſtlich will, wird Ihre Tochter nicht etwa meine Gattin, nur meine Geliebte.“
„Herr,“ fuhr der alte Mann empor und ballte die Fäuſte. Doch bald hatte er ſich beruhigt und tiefe Verachtung ſprach aus ſeinen Blicken.
„Sie halten das für unmöglich und doch iſt es ſo,“ fuhr der Major fort.„Der körperlichen Gewalt kann ſie ſich entziehen, nicht der moraliſchen Einwirkung. Sie weiß Sie gefangen, ſie zittert für Ihr Leben. Sie wird Alles thun, um ihren Vater zu retten.“
Der Alte antwortete nicht, verdeckte jedoch ſein Geſicht mit den Händen und ſeufzte tief.
Wie ein Blitz fuhr es plötzlich dem Jäger durch den Kopf.„Das iſt ja der däniſche Major, welchen wir bei Königsberg gefangen haben,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„Major Gramonz der heiratsſüchtige Held aus dem Häuschen des guten Rums. O der ſchändliche Lügner. Nun heißt es ſich verbergen, daß er mich nicht erkennt. Halte an Dich, Berger, damit Dich die Freude nicht umbringt, denn der alte Herr muß ja unſer Graf Brander ſein.“.
„Ihr letztes Wort, Herr Graf,“ ſprach nach einer
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