Jahrgang 
1864
Seite
226
Einzelbild herunterladen

226 Julius Roſen:Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungen.

würdiger Greis im Civilanzuge, eine der vielen Geißeln, welche die abziehenden Dänen aus Schleswig mitge⸗ nommen hatten. Weiße Locken umſchatteten ſeine hohe Stirn und ſein langer weißer Bart reichte bis auf die Bruſt herab, welche ſich ſtürmiſch hob im Angeſichte der Unbilden, denen er und ſeine Gefährten ausgeſetzt waren. Der Leſer wird ſich wundern, zu erfahren, daß Berger und Wilhelm in Kriegsgefangenſchaft ge⸗ rathen und nach Kopenhagen gebracht worden waren, ſeine Verwunderung wird aber noch höher ſteigen, wenn er erfährt, daß dieſe Gefangenſchaft eine freiwillige war. Um das Wort ſeines braven verwundeten Officiers zu löſen, hatte Berger ſich gefangen nehmen laſſen, nach⸗ dem er zuvor Wilhelm in eine öſterreichiſche Montur geſteckt und bewogen hatte, mit ihm das Abenteuer zu beſtehen, deſſen Ziel die Rettung des Grafen Brander und Elſens Rettung war. Die Begleitung Wil⸗ helms war auf alle Fälle ein großer Vortheil für Berger, denn er erhielt einen wackern Genoſſen, auf deſſen Treue und Muth er ſich verlaſſen konnte und ſodann ſprach Wilhelm vortrefflich däniſch, was unſerm wackern Berger, der gar nichts davon ver⸗ ſtand, beſonders erwünſcht war.

Die Beiden ſchritten alſo hinter dem ehrwürdigen Greiſe, welcher ihre Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen hatte, einher und Berger unterhielt ſich damit, den Straßenjungen, welche auf ihn Geſichter ſchnitten, in's Antlitz zu lachen und alſo ihre Wuth noch höher zu entflammen. Wilhelm blieb ruhig und zeigte nur dann und wann ſeinem Gefährten die merkwürdigen Plätze und Häuſer der Stadt. Als aber ein altes Weib, wüthend wie eine Megäre, daherkam, ſich vor den alten Mann hinſtellte und ihm unter einem Schwall von Schimpfworten ins Geſicht ſpuckte, da verließ ihn die Ruhe und er ſchlug die Vettel zu Boden, ſo daß ihr augenblicklich das Blut aus der Naſe drang. Dies war ſo ſchnell geſchehen, daß man nicht wußte, wer den Schlag nach der Alten geführt hatte. Man hatte auch keine Zeit, darnach zu forſchen, denn die Eskorte mußte gegen den erzürnten Pöbel Front machen und ihn aus⸗ einander treiben, indem dieſer Steine erfaſſend auf die Gefangenen eindrang.

Der alte Mann wendete ſich im Gehen zu unſeren beiden Männern und dankte ihnen für die Züchtigung. Es war unvorſichtig von Ihnen, meine Herren, mich alten Mann gegen dieſe Rotte in Schutz nehmen zu wollen, denn Ihre That wird nicht als Nothwehr, ſie wird als Anmaßung angeſehen werden.

Unſere That, alter Herr? fragte Berger er⸗ ſtaunt.Wir wiſſen nichts davon und können Ihren Dank nicht entgegennehmen. Gott weiß, wer die alte Vettel niedergeſchlagen hat.

Aber Kamerad, hub Wilhelm an

Der Teufel iſt Dein Kamerad, entgegnete Berger raſch.Ich kenne Dich ſo wenig wie ich dieſen alten Herrn kenne und weiß nichts davon, ob Du das Weib geſchlagen haſt, oder nicht. Ich glaube nicht, daß Du es warſt, denn wenn ich es glaubte, würde ich es dieſem braven Mann, unſerem Beſchützer ſagen, damit Du

zur Strafe gezogen wirſt. Bei dieſen Worten wies er auf einen däniſchen Sergeanten, der in ihrer Nähe ſchritt und auf ihre Worte hörte.

Eine lächelnde Miene verrieth, daß er deutſch ver⸗ ſtand und nun erkannten der Alte und Wilhelm erſt die Veranlaſſung zu Bergers ſonderbarem Benehmen.

Am Weitermarſche war Berger immer rauh und ſchroff gegen ſeine Gefährten, lobte und pries über alle Maßen die Schönheit der Stadt und ſuchte auf alle Weiſe die Aufmerkſamkeit des Sergeanten auf ſich zu ziehen.

Kopenhagen iſt eine herrliche Stadt, ſprach er, ohne ſich den Anſchein zu geben, gehört werden zu wollen.Auch die Leute gefallen mir ſehr gut und ich nehme ihnen dies Benehmen gegen uns nicht übel. Es iſt Bewußtſein des eigenen Werthes darin, und ich weiß nicht, ob ich nicht hier bleibe, wenn es nur halbwegs möglich iſt. In dieſem Tone ging es fort, bis die Truppe vor einer großen Kaſerne angelangt war. Die Gefangenen wurden in Reihe und Glied geſtellt und in Gruppen abgetheilt, welche beiſammen zu bleiben beſtimmt waren. Berger, Wilhelm und der Alte wurden beieinander gelaſſen.

Berger bemerkte, wie der Sergeant, welcher ſie beobachtet hatte, zu einem Officier trat und ihm etwas zuflüſterte, worauf dieſer ihn genau betrachtete. Es dauerte nicht lange, wurde Berger abgerufen und in eine Kanzlei geführt, wo mehrere Officiere beiſammen ſtanden und ſich angelegentlich unterhielten.

Ein Stabsofficier trat auf ihn zu und fragte ihn deutſch:Wie heißen Sie?

Anton Berger.

Sie ſind?

Jäger, Herr Major.

Wie gefällt es Ihnen bei uns?

Ausgezeichnet! Schade, daß ich kein Däne bin.

Möchten Sie ein Däne ſein? fragte der Major lachend.

In Kopenhagen allerdings.

Sie ſcheinen mir ein braver Burſche zu ſein, fuhr der Officier fort,und ich habe Gutes mit Ihnen vor.

Wollte Gott, Herr Major, ich würde deſſen würdig ſein.

Sprechen Sie däniſch?

Nein, nicht eine Spur davon.

Hören Sie mich an, ſprach der Officier weiter und klopfte Berger auf die Schulter.Sie können ſich Ihr Schickſal weſentlich erleichtern und zugleich uns einen großen Dienſt erweiſen.

Was ſoll ich thun, ſprechen Sie, Herr Major. Ich bin ein Menſch, der zu leben verſteht.

Wir machen Sie zum Aufſeher einiger gefähr⸗

licher Gefangenen. Sie müſſen dieſelben überwachen,

und uns jedes Wort mittheilen, das Ihnen auffällt. Iſt das Alles, Herr Major? Alles, doch dürfen die Gefangenen Ihren Zweck nicht ahnen, ſondern Sie für einen Mitgefangenen halten.