Jahrgang 
1864
Seite
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Feuilleton.

Beſchäftigungen her, zu welchen ihm hier Gelegenheit ge⸗ boten iſt. Da die Bewegung ein inſtinktives Bedürfniß der Kranken iſt, ſo werden ſie, ohne daß hierbei der Iſo⸗ lirung Eintrag gethan würde, in der freien Luft ganz ihrer Beweglichkeit, ihrem Schreien, ihren Ausbrüchen überlaſſen. te Exaltation, keinen Widerſtand findend, läßt die Zügel ſchießen und verfehlt nicht ſich zu er⸗ ſchöpfen. Da ſie als Zuhörer Niemanden haben als den Wald), die Halden das Echo der Gegend, ſo fühlen ſich die Kranken kaum aufgefordert, ihre lärmenden Ausbrüche zu wiederholen.

Das Familienleben, in welches die Kranken in Gheel eingeführt werden, iſt ein wahrhaft patriarchaliſches. Der Pflegevater ſucht durch Zuvorkommenheit und Gefällig⸗ keiten aller Art gleich im Anfange Bande der Freund⸗ ſchaft mit ſeinem Kranken anzuknüpfen und deſſen nieder⸗ geſchlagenen Geiſt wieder aufzurichten. Der Kranke iſt anfänglich mißtrauiſch und bemüht ſich, den Charakter ſeines Koſtherrn auszukundſchaften; ſchon der erſte Ein⸗ druck, der die Folge einer ſolchen Erregung iſt, wirkt aber günſtig, und der Abſtand zwiſchen dem erwarteten Ver⸗ laſſenſein in ſeiner jetzigen Lage und der liebreichen Sorg⸗ falt von Seiten der Familie ruft bei ihm einen inneren Kampf, ein Nachdenken hervor, welches oft die Löſung der Geiſtesverwirrung erleichtert. Der Pflegvaàter wendet ſich an das Herz des Kranken, ſucht in ſeiner gleichgilti⸗ gen Seele Sympathie zu erwecken und durch liebreiches Entgegenkommen den Funken der Vernunft wieder anzu⸗ fachen; die Pflegmutter hat bei der Aufnahme des Kranken den Vortritt, ſie bewillkommt das neue Glied der Familie, macht die Honneurs, ſtellt ihm die Familienglieder vor, zeigt ihm alle Einzelnheiten des Hauſes und der Haus⸗ haltung ꝛc., und dieſes freundliche Entgegenkommen ge⸗ winnt den Kranken bald, ſo daß er ſich höchſt zufrieden ſelbſt zum Kinde des Hauſes macht. Die Pflegleute be⸗ mühen ſich, Alles aus dem Gedächtniß des Kranken zu verdrängen, was in ihm das Gefühl der Erniedrigung erzeugen könnte; die geſchwiſterliche Liebe, welche er an dem neuen Herde genießt, trägt viel dazu bei, daß ihm das Gefühl ſeiner Würde wiederkehrt; er theilt die Haus⸗ und Feldarbeiten, die Mahlzeiten, die Abendandachten der Familie bei welchen letztern die Anrufung der heiligen Dymphne nie vergeſſen wird, und an Sonn. und Feſttagen geht er mit ſeinen Pflegleuten in die Kirche, macht mit ihnen Beſuche u. dgl.

Nach und nach ſucht der Pflegvater den Pflegling an ein häusliches Leben zu gewöhnen, ihm Geſchmack für Feldarbeit oder für irgend eine Beſchäftigung, welche ſeinen Kenntniſſen und Fertigkeiten entſpricht, beizubringen, und es wird dabei den Wünſchen, ſelbſt den Launen des Kranken jede billige Berückſichtigung gewährt, namentlich aber nie Etwas mit Gewalt aufgedrängt. Eben deshalb erfüllt der Kranke leichter und lieber Alles, was man von ihm verlangt,; der Inſtinkt der Freiheit iſt in ſeinem Herzen verhältnißmäßig ebenſo mächtig wie beim Vernünftigen. Die zahlreichen und verſchiedenen Beſchäftigungen, welche den Pfleglingen geboten werden können, tragen ſehr viel zu der Ruhe und Ordnung bei, welche in der Kolonie herrſcht, und bewahren die Kranken vor der ſonſt ſo leicht ſich einſtellenden Ermüdung des Geiſtes und der ſchäd⸗ lichen Langweile. Die häuslichen Arbeiten ſind die zahl⸗ reichſten, ſchon deshalb, weil viele Kranke, z. B. Blöd⸗ ſinnige, Epileptiſche, zu nichts Anderem zu gebrauchen ſind. Mehrere Frauen beſchäftigen ſich mit weiblichen Arbeiten um Lohn, und die Ausſicht auf Bezahlung bringt immer eine gute Wirkung bei ihnen hervor; andere Frauen geben ſich zu Kinderwärterinnen her und erfüllen ihre Aufgabe in der Regel pünktlich und mit oft rührender Zuneigung zu den Kindern, mit denen ſie im Orte und im Gefilde ſpazieren gehen. Die Feldarbeiter ſind ſehr geſucht und werden öfters geſunden vorgezogen; ausge⸗ zeichnete Erfolge will man durch dieſe Arbeiten erzielt haben bei Blödſinnigen, bei Kranken mit ſchlimmen Nei⸗ gungen, ja bei Kranken, welche auf die unterſte Stufe

des menſchlichen Elends herabgeſunken waren und nach ihrer Unterbringung bei intelligenten und geduldigen Bauern bedeutende Zeichen von Beſſerung verſpüren ließen, gelehrig, reinlich, anhänglich wurden und Selbſtvertrauen bekamen. Die Handwerker, Schneider, Schuhmacher, Schreiner dc., arbeiten entweder bei ihren Pflegvätern oder ſonſtwvo um Taglohn für ihren Nutzen. Einige machen die Boten des Dorfes, kaufen die Lebensmittel für die Bewohner ein, ſammeln Kräuter u. dgl.

Als Mittel der Zerſtreuung dienen: Beſuche bei Ver⸗ wandten und Bekannten der Pflegeltern, Theilnahme an Familienfeſten und an den Genüſſen der Kirchweih, Spaziergänge auf Meſſe und Markt, zu Spielen und Prozeſſionen. So lange ſich die Kranken gut aufführen, iſt ihnen der Beſuch der Geſellſchaftszimmer und Kaffee⸗ häuſer geſtattet, und ſie leſen dort Zeitungen, ſpielen Karten, Domino, Billard, Kegel, oder üben ſich im Bogen⸗ ſchießen. Auch Koncerte und Bälle dürfen ſie beſuchen. Die bemittelten Penſionäre finden Unterhaltung in der Muſik zu Hauſe, wozu ihnen Inſtrumente zur Verfügung geſtellt werden, manche Kranke nehmen auch aktiven An⸗ theil an größeren muſikaliſchen Aufführungen, Andere unterhalten ſich durch Zeichnen und Malen, durch Pflege der Blumen und des Gartens, Einzelne machen, natürlich unter Begleitung, Spazierfahrten in die Umgegend, woh⸗ nen öffentlichen Feſten, luſtigen Geſellſchaften und Zuſam⸗ menkünften bei, und ruhige Kranke bekommen ſogar zeit⸗ weiſe Urlaub in ihre Heimat, wobei die ihnen anläßlich dieſer Gunſt geſtellten Bedingungen faſt ausnahmslos pünktlich eingehalten werden. Unter dieſen Einflüſſen ent⸗ wickelt ſich die körperliche Geſundheit wieder, die Kranken erholen ſich, beſorgen ihre Toilette, die ſie vorher ver⸗ nachläſſigten, und gehen ſo ihrer Geneſung entgegen.

Die religiöſen Uebungen werden als ein ausgezeich⸗ netes Mittel bei der Behandlung der Geiſteskranken be⸗ trachtet. Allen Kranken iſt die Erfüllung der religiöſen Pflichten möglich gemacht, denn obgleich die Bewohner Gheels ſich zur katholiſchen Kirche bekennen, ſo huldigen ſie doch vollſtändiger Toleranz. Die Geiſtlichen der ver⸗ ſchiedenen Kirchen werden ohne alles Hinderniß zum Be⸗ ſuch ihrer Glaubensgenoſſen zugelaſſen und ſtehen zu ihnen in allen den Kranken zuträglichen Beziehungen.

Daß auch disciplinariſche Mittel nicht ganz entbehrt

werden können, liegt auf der Hand, doch ſind dieſelben milder und humaner als die früheren. Die therapeutiſchen Hilfsmittel gewährt das ſehr zweckmäßig eingerichtete Krankenhaus, in welchem vierzehn Zimmer zur Beobach⸗ tung der neu Eintretenden und zwei Abſonderungspavillons für Kranke, welche zeitweiſe Einſamkeit nöthig haben, und ſonſt noch Zellen, Kranken⸗ und Badezimmer angebracht ind. Die Koſten der Verpflegung in Gheel ſind ſehr gering. Ruhige und ſtille arme Geiſteskranke zahlen für den Tag 65 Centimes(etwa 5 ½ Sgr.), unreinliche, unruhige und epileptiſche 75 Centimes(6 Sgr.), freie Penſionäre zahlen dagegen je nach den Anforderungen, welche gemacht werden, jährlich 3000 bis 4000 Franken(800 bis 1070 Thaler).

Bonbons.

Ein Arzt empfahl einem ſeiner Patienten als Mittel gegen die Schlafloſigkeit, tüchtig Bayriſch Bier zu trinken.Wenn ich, fügte er hinzu,des Abends ein paar Seidel getrunken habe, ſchlafe ich wie ein Ochſe!

Glauben Sie ja nicht, Herr Doktor, daß das am⸗

Biere liegt, entgegnete der ſatyriſche Patient.

Der Komiker Dugazon war zur Zeit der Schreckens⸗ herrſchaft National⸗Gardiſt. Wie ſehr Jakobiner er auch war, ließ er doch ſeinem Humor die Zügel ſchießen. Als er einſt Patrouillendienſt verſah, blieb er vor einer Obſt⸗ händlerin in der Nähe der Halle ſtehen und herrſchte ſie