216 Literatur und Kunſt.
mann) ſo koſtbare Beiſpiele gegeben hat:„Na-um“! — Der Dolmetſcher überſetzte das dem Herrn Gemal folgendermaßen:„Seine kaiſerliche Hoheit befehlen mir, Ihnen zu ſagen, daß Madame ihm das Vergnü⸗ gen machen möge, ſofort zu ſchweigen.“
— Aber... ſie hat ja kaum erſt angefangen.... Das wäre eine Beleidigung!
Unterdeſſen hatte die unglückſelige Sängerin fort⸗ gefahren, die Panſeron'ſche Romanze mit rollenden Augen zu heulen:
„Sollt' ihre Liebe je enteilen,
Ünd ſollte Reu' erfaſſen Dich:
Sprich nur ein Wort, und ohne Weilen
Siehſt Du in Deinen Armen mich!“
Neues Zeichen des Sultans. Er ſtreicht ſeinen Bart, und wirft dem Dragoman über die Schulter nur ein Wort hin:„Zieck“!— Der Dolmetſcher wendet ſich zum Ehemann(denn die Frau ſang noch immer die Romanze von Panſeron):„Mein Herr, der Sul⸗ tan befiehlt mir, Ihnen zu ſagen, daß, wenn Madame nicht augenblicklich zu ſingen aufhört, er ſie in den Bosporus werfen läßt.“
Diesmal beſinnt ſich der zitternde Gatte nicht mehr. Er hält ſeiner Frau ohne Weiteres den Mund zu, und unterbricht ſchonungslos ihren zärtlichen Refrain:
„Dann rufe mich, ich kehr' zurück!
Dann rufe mich, ich kehr'...
Allgemeines Schweigen..... Es iſt ſo ſtill, daß man den Angſtſchweiß von der Stirn des Gatten auf das gedemüthigte Piano heruntertropfen hört. Der Sultan bleibt unbeweglich. Das reiſende Künſtler⸗ paar wagt weder zu bleiben, noch zu gehen— es weiß vor Angſt nicht, was es thun ſoll,— als das kaiſer⸗ liche Wort:„Buhlak! mitten aus einer undurchdring⸗ lichen Dampfwolke erſchallt.
Der Dolmetſcher überſetzt das:„Mein Herr, Seine kaiſerliche Hoheit befehlen mir, Ihnen zu ſagen, daß ſie wünſchen, Sie jetzt tanzen zu ſehen.“— Tan⸗ zen? Ich?—„Ja, Sie, mein Herr!“— Aber ich bin kein Tänzer, ich bin nicht einmal ein Künſtler; ich be⸗ gleite nur meine Frau auf ihren Reiſen; ich trage ihren Shawl, ihre Noten, weiter thue ich nichts; und ich kann wahrhaftig nicht.....—„Ziek! Buhlack!' unter⸗ bricht ihn die großherrliche Stimme heftig aus einer be⸗ drohlichen Dampfwolke heraus, was der Dragoman eiligſt überſetzt:„Mein Herr, Seine kaiſerliche Hoheit befehlen mir, Ihnen zu ſagen, daß, wenn Sie nicht augenblicklich tanzen, er Sie in den Bosporus werfen läßt.“
Dieſes Argument zog. Da galt es kein Beſin⸗ nen mehr; der unglückliche Gatte begann ſofort mit Todesangſt die unglaublichen und lächerlichſten Luft⸗ ſprünge zu machen, bis der Sultan ſeinen Bart wieder ſtrich uud mit gewaltiger Stimme donnerte:„Dajum be Buhlack! Zieck!“— was der Dragoman verdol⸗ metſchte:„Hören Sie auf, mein Herr! Seine kaiſerliche Hoheit befehlen mir, Ihnen zu ſagen, daß Sie ſich mit Madame augenblicklich zurückziehen, und morgen ab⸗
reiſen werden. Und wenn Sie je wieder nach Kon⸗ ſtantinopel kämen, würde er Sie beide in den Bospo⸗ rus werfen laſſen.———
Unvergleichlicher Sultan! Welch' erhabenes Bei⸗ ſpiel gabſt Du mit dieſer bewundernswerthen Kritik! O, warum hat Paris keinen Bosporus?
Die Chronik berichtet nicht, ob das unglückliche Ehepaar auch noch China„gemacht“, und die ſchwär⸗ meriſche Romanzenſängerin Empfehlungsbriefe an den himmliſchen Kaiſer des Reiches der Mitte ſich erſchwin⸗ delt hat. Möglich iſt das allerdings,— denn man hat nie wieder etwas von ihr gehört. Dann liegt der heldenmüthige Gatte wohl im gelben Fluß, oder— iſt erſter Solotänzer des Sohnes der Sonne geworden.
Literatur und Kunſt.
— Von Karl Walcker erſcheint demnächſt bei Sprin⸗ ger in Berlin ein Werk unter dem Titel„Kritik der Par⸗ teien in Deutſchland vom Standpunkte des Gneiſt'ſchen engliſchen Verfaſſungs⸗ und Verwaltungsrechtes.“ Die Schrift ſoll eine Kritik der namhafteſten konſerbativen, liberalen, nationalen, großdeutſchen und demokrotiſchen Schriftſteller enthalten.
— In der Druckerei von Wenzel in Wiſſenebourg (Weißenburg) im Elſaß erſchien kürzlich„Goethe's zweiter Fauſt oder der geöffnete Walpurgisſack“, von Samuel Moſer, ein Band von 240 Seiten mit dem Porträt Goethe's.
— Der„Hamburger Korreſpondent“, das älteſte Blatt der mächtigen Hanſeſtadt, iſt für 100.000 Mk. Bco. an eine Aktiengeſellſchaft verkauft worden. Die Tendenz des Blattes ſoll eine ſtreng konſervative und Dr. Runkel Re⸗ dakteur bleiben.
— Der Kaiſer von Oeſterreich hat dem langjährigen Mitarbeiter der Illuſtrirten Zeitung, F. Kanitz, Verfaſſer von„Serbiens byzantiniſchen Monumenten“, eine nam⸗ hafte Subvention zu einer neuen archäologiſch⸗ethnogra⸗ phiſchen Forſchungsreiſe in die europäiſche Türkei bewil⸗ ligt, doch iſt Kanitz verpflichtet, die Ergebniſſe ſeiner Un⸗ terſuchungen wie bisher öſterreichiſchen wiſſenſchaftlichen Anſtalten zur Veröffentlichung zu überlaſſ en.
— In der für den Bau einer proteſtantiſchen Kirche in Salzburg veranſtalteten Lotterie von Kunſtwerken hat die deutſche Künſtlerwelt ſich in 345 ihrer Mitglieder aus etwa 50 Städten betheiligt. Das Komité in Weimar hat nun eine Ausſtellung der eingegangenen Kunſtbeiträge im dortigen Fürſtenhauſe veranlaßt.
— In Wiener⸗Neuſtadt wurde am 4. Sept. das Geſangfeſt des niederöſterreichiſchen Sängerbundes began. gen. Es betheiligten ſich 31 Vereine daran, darunter 13 aus Wien mit 2450 Sängern. Unter den Geſammtchören kam der Doppelchor aus Mendelsſohn's„Oedipus“ ein neues„Bundeslied“ vom Kapelmeiſter Storch und„Im Walde“ vom Vicehofkapellmeiſter Herbeck zur Aufführung.
— Kaufmann Ph. Braun in Köln, wegen Heraus⸗ gabe der Broſchüre:„Kurzgefaßte Denkſchrift der freien religiöſen Gemeinde zu Köln und die Reliquien der heil⸗ Drei Könige“ in erſter Inſtanz zu dreitägigem Gefängniß verurtheilt, iſt am 29. Auguſt durch Urtheil des Land⸗ gerichtes von Strafe und Koſten freigeſprochen worden; auch wurde die Beſchlagnahme der Schrift aufgehoben.
— Dr. Hochſtetter, der bekannte Reiſende und Geo⸗ loge, beabſichtigt eine wiſſenſchaftliche Unterſuchung der geologiſchen Verhältniſſe Kärntens und hat ſich dieſerhalb nach Klagenfurt begeben.
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