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214 Vincenza.
Pückler⸗Muskau in ſeinen Briefen aus England ſo aus⸗ führlich beſprochen, daß wir darüber hinweggehen können.
Vincenza.
Wir ſind bereits daran gewöhnt, geiſtvolle Muſiker auch als geiſtvolle Schriftſteller auf⸗ treten zu ſehen; Franz Lißt, Richard Wagner und Hektor Berlioz ſind beſonders die Ver⸗ treter des Geiſtvollen in der Muſik und alle drei haben wiederholt durch äſthetiſche und
poetiſche Wirkſamkeit zu erkennen gegeben, daß die
Muſik nicht ausreicht, ihren Drang nach Mittheilung
zu befrieden: ſie bedurften des Wortes, theils um ihre
muſikaliſchen Intentionen zu erläutern, theils um ſelbſt⸗ ſtändige poetiſche Erfolge zu ſuchen.
Die geſammelten Schriften von Hektor Berlioz, welche gegenwärtig in autoriſirter Ueberſetzung von Ri⸗ chard Pohl erſcheinen, enthalten viele pikante, viele an⸗ regende Partien, aber ſie haben doch kaum einen höhern Werth, als die Plaudereien guter franzöſiſcher Feuille⸗ tons. Recht angenehm zu leſen ſind namentlich die mu⸗ ſikaliſchen Novellen und Genrebilder, welche die Mit⸗ glieder eines Orcheſters ſich untereinander erzählen. Wir theilen unſern Leſern die folgende kleine ſentimen⸗ tale Novelle aus denſelben mit:
Einer meiner Freunde, G'**r, ein talentvoller Maler, hatte einer jungen Bäuerin von Albano eine heftige Neigung eingeflößt. Sie hieß Vincenza, und kam von Zeit zu Zeit nach Rom, um unſern geſchickteſten Malern als Modell zu ſitzen. Die naive Anmuth dieſes Gebirgskindes und die Seelenreinheit ihrer Züge hatten ſie unter den Malern zum Gegenſtand allgemeiner Ver⸗ ehrung gemacht, die ihr züchtiges und zurückhaltendes Benehmen auch völlig verdiente.
Seit dem Tage, wo G'r** Freude an ihrem An⸗ blick zu finden ſchien, verließ Vincenza Rom nicht mehr. Albano, ſeinen ſchönen See und ſeine entzückende Lage vertauſchte ſie gegen eine kleine, ſchmutzige und dunkle Kammer, die ſie im Traſtevere bei der Frau eines Handwerkers bewohnte, deren Kinder ſie beaufſichtigte. Nie fehlte es ihr an Vorwänden zu häufigen Beſuchen im Atelier ihres„bello Francese.“
So traf ich ſie eines Tages dort. G'rr ſaß gra⸗ vitätiſch vor ſeiner Staffelei, mit dem Pinſel in der Hand; ihm zu Füßen kauerte Vincenza, wie ein Hund zu den Füßen ſeines Herrn. Sie verfolgte jeden ſeiner Blicke, lauſchte jedem ſeiner Worte; zuweilen ſprang ſie empor, trat dem Geliebten gegenüber, betrachtete ihn mit trunkenen Blicken; dann flog ſie ihm plötzlich um den Hals, und brach in lautes Lachen und Schluchzen aus, ohne nur im mindeſten daran zu denken, ihre glühende Leidenſchaft zu verbergen.
Das Glück der jungen Albaneſerin blieb einige Monate hindurch ungetrübt; aber die Eiferſucht ſollte es vernichten. Man wußte Vincenza's Treue bei G'*rr
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zu verdächtigen. Von dieſem Moment an verſchloß er ihr ſeine Thür, und weigerte ſich hartnäckig, ſie zu ſehen. Vincenza ward durch dieſen Bruch zum Tode getroffen; eine wahrhaft entſetzliche Verzweiflung ergriff ſie. Ganze Tage lang wartete ſie auf der Promenade des Monte Pincio, weil ſie hoffte, Grix dort zu begegnen; ſie verſchmähte jeden Troſt, und wurde von Tag zu Tag melancholiſcher und menſchenſcheuer.
Ich hatte ſchon verſucht, den unerbittlichen Ge⸗ liebten ihr wieder zuzuführen. Vergebens. Wenn ich ihr nun begegnete, und ſah, wie ſie in Thränen aufge⸗ löſt vor ſich hinſtarrte, konnte ich nichts mehr thun, als die Augen wegwenden und mich ſeufzend entfernen. — Eines Tages fand ich ſie aber am Ufer der Tiber. Ich ſah ſie in ungewöhnlicher Aufregung an einem ſteilen Abhange hin und her gehen, den man die Pro⸗ menade Pouſſin's nennt.
„Wie, Vincenza! Wo wollt Ihr hin?— Ihr ant⸗ wortet nicht? Ihr dürft nicht weiter gehen; denn ich ahne eine große Thorheit—“
„Laſſen Sie mich, mein Herr. Halten Sie mich nicht auf!“
„Aber was thut Ihr hier ſo ganz allein?“
„Nun! Wiſſen Sie denn nicht, daß Er mich nicht mehr ſehen will; daß Er mich nicht mehr liebt; daß Er mich für falſch und treulos hält? Wie kann ich da länger noch leben? Ich will mich in's Waſſer ſtürzen.“
Und damit brach ſie in herzzerreißende Wehklagen aus, warf ſich zur Erde, zerraufte ihr Haar, und er⸗ ſchöpfte ſich in raſenden Verwünſchungen über die Ur⸗ heber ihrer Leiden. Als ſie endlich ruhiger geworden war, bat ich ſie um das Verſprechen, ſich nur bis morgen ſtill zu verhalten; ich wolle bei G'er noch einen letzten Verſuch machen.
„Hört mich an, arme Vincenza. Ich ſehe ihn noch dieſen Abend; ich will ihm Alles ſagen, was Eure un⸗ glückſelige Leidenſchaft und das Mitleid, das ich für Euch fühle, mir eingeben werden, um ihn zu verſöhnen. Kommt früh zu mir; dann kann ich Euch mittheilen, was ich ausgerichtet habe und was Ihr zu thun habt, um ihn vollends zu erweichen. Gelingt es mir nicht, und bleibt Euch wirklich nichts Beſſeres übrig,— nun — dann iſt ja die Tiber noch immer da.“
„O, mein Herr, Ihr ſeid gut! Ich will thun, was Ihr ſagt.“
Am Abend traf ich G'er wirklich, nahm ihn bei Seite, erzählte ihm die Scene, die ich erlebt, und be⸗ ſchwor ihn, der Unglücklichen eine Zuſammenkunft zu gewähren, weil dies allein ſie retten könne.
„Ziehe jetzt nochmals ſtrenge Erkundigungen ein,“ ſchloß ich meine Ermahnungen.„Ich verwette meinen Kopf, daß ſie das Opfer eines Irrthums iſt. Uebri⸗ gens, ſollte auch Alles vergeblich ſein, ſo kann ich Dir doch verſichern, daß ſie in ihrer Verzweiflung wunderbar ſchön war; man kann kaum eine dramatiſchere Scene ſehen. Betrachte ſie alſo wenigſtens als Kunſtwerk!“
„Nun, das muß wahr ſein, mein lieber Merkur, Du führſt ihre Sache gut! Ich ergebe mich! Heute Abend noch ſuche ich Jemand auf, der mir eine ent⸗


