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Der letzte der Beaus.
runden, ſeelenvollen Auge Italiens, in dem dunkeln Haar des ſonnigen Südens und in der durchſichtigen Perlenfarbe der Haut, die ſich in einer feuchten Nebel⸗ luft ausbildet, beſtehen.
Als Prinz wie als Gentleman ſtand der Prinz⸗ Regent(Georg IV.) an der Spitze der Geſellſchaft. Er hatte einen kleinlichen Stolz und lebte lieber mit ſeinem Schneider als mit den berühmteſten Gliedern der eng⸗ liſchen Ariſtokratie auf einem freundſchaflichen und ber⸗ traulichen Fuße, ſcherzte lieber mit Beau Brummel als daß er einem Norfolk oder Somerſet Vertrauen ſchenkte. Seine Selbſtſucht war außerordentlich, und höchſtens hat er außer ſich ſelbſt noch eine Perſon geliebt: Mi⸗ ſtreß Fitzherbert, mit der er heimlich verheiratet war. Die Prinzeſſin Karoline von Braunſchweig heiratete er, weil er die Bezahlung ſeiner Schulden— eine Million Pfund Sterling!— nicht anders erlangen konnte. Die Prinzeſſin heiratete ihn, weil ſie Königin von England werden wollte. Ein unpaſſenderes Paar konnte nicht leicht gefunden werden. Mit dem Mann ohne Herz ver⸗ band ſich eine Frau mit ſehr viel Herz, mit dem feinſten Gentleman eine unordentliche, nicht einmal reinliche Prinzeſſin, der man trotz ihrer Diamanten, Perlen und Spitzen die vornehme Dame nicht anſah. Dieſes un⸗ glückliche Bündniß war faſt ebenſo ſchnell zerriſſen als geſchloſſen. Welchen unendlichen Skandal einige Jahre ſpäter ihr Eheſcheidungsproceß erregte, iſt aus der Ge⸗ ſchichte bekannt.
Beau Brummel, den wir im Vorbeigehen erwähn⸗ ten, war der König der Mode. Von dem Bogenfenſter in Whites Klub aus, wo er die erwählteſten der übrigen Stutzer gleich einem Hof um ſich verſammelte, beherrſchte er London und die drei Königreiche. Zu dieſer Höhe ſchwang er ſich mit einem Male auf. Der Sohn eines Verwalters von Adelsgütern, hatte er in Eton einige vornehme Bekanntſchaften gemacht und wurde in Folge davon zu einem Ball der Herzogin von Devonſhire ein⸗ geladen. An dieſem Abend gefiel er ſo, daß es Einla⸗ dungen in die feinſten Kreiſe für ihn regnete. Von jetzt an diktirte er Modegeſetze, die den unbedingteſten Ge⸗ horſam fanden, und machte durch ein paar lobende oder tadelnde Worte Herzoge und Marquiſinnen ſelig oder unglücklich.
Brummel verdiente die Art von Herrſchaft, die er führte. Er beſaß ausgebreitete Kenntniſſe liebte die Lite⸗ ratur wie die Künſte, hatte den feinſten Geſchmack und war ebenſo liebenswürdig wie ſchön. In ſeiner Biblio⸗ thek fand man die beſten Schriftſteller aller Zeiten und aller Völker, ſeine Pferde und Wagen, ſeine Möbeln, ſein Porzellan, ſeine Stöcke und Doſen waren ausge⸗ ſucht fein. Seine Gedanken richteten ſich ſtets auf Refor⸗ men— in den Kleidern. Er gab die Gedanken an, ſein Schneider Weſton führte ſie aus. Stunden ſchmerzlichſten Nachdenkens(hours of meditative agony, iſt Gronow's Ausdruck) widmete er der Aufgabe, aus dem runden Hut, dem langſchwänzigen Frack, der Kravatte, dem en⸗ gen Beinkleid und den Stulpenſtiefeln eine ſchöne Tracht zu machen. In ſeinen Halstüchern, die er ſtärken ließ, und ſeiner Stiefelwichſe erreichte er die Höhe der Vollendung.
Mit dem Prinz⸗Regenten ſtand Brummel Jahre lang auf dem vertraulichſten Fuße. Die Freundſchaft er⸗ kaltete, als der Beau für Miſtreß Fitzherbert, die von ihrem Liebhaber und Gatten verlaſſen wurde, lebhaft Partei nahm. Durch den Prinz⸗Regenten von ſeinem Angeſicht verbannt, rächte ſich Brummel durch die äu⸗ ßerſte Gleichgiltigkeit, mit der er ſein Unglück trug. Auf einem Balle, wo ſich beide trafen, ſtellte ſich der Beau neben eine Dame, mit der der Prinz⸗Regent tanzte, und liſpelte ihr für den Prinzen hörbar zu:„Sagen Sie mir, wer iſt Ihr fetter Freund da?“ Einige Zeit ſpäter ge⸗ wann er in Whiſt 20.000 Pfund, worauf er unverhofft eine Einladung nach Carltonhouſe empfing. Der Prinz⸗ Regent ſchien ſich von dem merkwürdigen Spiel erzählen laſſen zu wollen, alſo folgte Brummel der Einladung und entwickelte bei Tafel die größte Liebenswürdigkeit. Er war im beſten Zuge, da erhob ſich der Prinz⸗Regent mit den Worten:„Ich will doch Herrn Brummels Wa⸗ gen beſtellen, ehe er völlig betrunken wird,“ und klin⸗ gelte. Der Beau war ſchimpflich fortgejagt, die Beleidi⸗ gung auf dem Balle gerächt. Seine letzten Tage ver⸗ floſſen in Spott und Elend. Von ſeinen Gläubigern ge⸗ drängt, flüchtete Brummel nach Calais, wo er ſich durch eine Nachahmung ſeiner frühern Gewohnheiten zum Ge⸗ lächter machte, und ſtarb auf der tiefſten Stufe der Ar⸗ muth und in Wahnſinn.
Auf Brummel folgte eine Merkwürdigkeit anderer Art, Romeo Coates genannt. Das war ein Sonderling, ſo excentriſch ihn ſelbſt England ſelten erzeugt, und neben⸗ bei ein Weſtindier, der für ungeheuer reich galt. Am Tage erſchien er bei der größten Hitze in Pelze gehüllt, Abends funkelte er von Diamanten. Er zählte fünfzig Jahre und ſein Geſicht war mit Runzeln bedeckt. Von dieſem Sonderling kündigte das Theater zu Bath an, daß er als Romeo auftrete. Lange vor Beginn des Stückes waren alle Räume gedrückt voll und Jeder er⸗ wartete das Außerordentlichſte. Romeo tritt zuerſt im Dunkeln auf, nachdem Benvolio angedeutet, daß ſein Freund ſich zur Geliebten ſtehlen wolle. Coates hatte dieſen Ausdruck wörtlich genommen und ſtahl ſich mit tief verhülltem Geſicht wie ein Dieb über die Bühne. Auf dem Maskenball trat er vor die Lampen, grinſte abſcheulich und machte eine Verbeugung, die darin be⸗ ſtand, daß er den Kopf vorſtreckte und einige Male raſch nickte, wobei der übrige Körper unbeweglich blieb. Sein Anzug war weder ſpaniſch, noch italieniſch, noch eng⸗ liſch, und eigenſte Erfindung. Ein überreich mit Flittern beſetzter Rock von himmelblauer Seide, eine Weſte von weißem Muſſelin, rothe Hoſen, eine ungeheuer dicke Halsbinde und eine Perücke à la Louis XIV., auf der ein Opernhut ſaß, ſo ſah der Anzug aus, in dem dieſer Romeo die ſüßen Liebesworte zu Julien ſprach. Alle dieſe Kleidungsſtücke waren ihm offenbar zu eng, und es durfte Niemand überraſchen, daß eine Naht ſprang. Der gänzliche Mangel an Biegſamkeit in ſeinen Gliedern, die Selbſtſtändigkeit, mit der bald ein Arm, bald ein Bein ſich bewegte, wurde noch von den Kehltönen ſeiner Stim⸗ me übertroffen. Die Balkonſcene mußte abgebrochen werden, ſo lachte das Publikum, als Romeo mitten in


